In einigen Ecken des Internets ging es hoch her in der letzten Woche und ich habe das alles verpaßt. Aber den Ausgangspunkt, den habe ich mitbekommen: den Artikel einer Bloggerin, die sich spöttisch über Hochsensibilität als das Thema Hochbegabung ablösende „neue Epidemie unter Kindern“ ausließ, sich selbst als „hochnormal“ diagnostizierte – und in den Kommentaren zu ihrem Artikel beifallklatschende Zustimmung erntete. (Ich mag das hier nicht auch noch verlinken; wenn es Euch interessiert, findet Ihr es bestimmt.) Mir jedoch steckte beim Lesen (vor allem bei den teilweise hämetriefenden Kommentaren) ein dicker Kloß im Hals. Und es ist wohl endlich Zeit, dieses tiefschlafende Blog wieder aufzuwecken.
Zur Hochbegabung haben übrigens einige schon geschrieben. Erhellendes, Ehrliches, Berührendes. Danke dafür!
Ich kann mit Kategorisierungen generell nicht viel anfangen, doch manchmal sind sie einfach hilfreich, um Sachverhalte zu ordnen. Mich fasziniert menschliche Wahrnehmung samt ihren unterschiedlichen Varianten, auch die des daraus resultierenden Verhaltens. Abweichung von der Norm, also der zahlenmäßig größten Bevölkerungsgruppe, bedeutet keinesfalls automatisch „krankhaft“ und auch nicht „besser“ oder „schlechter“. Die Menschheit ist eine bunte Horde. Und jeder Mensch ist etwas Besonderes.
Schwierig wird es, wenn die Normgruppe die Variante, die Andersartigkeit ausgrenzt. Auch dies zwar ein grundmenschliches Verhalten, aber von fragwürdiger Motivation: dabei geht es meist um Macht über andere, um Deutungshoheiten, auch um bequeme Lösungen, um bessere Beherrschbarkeit derer, die ängstlich gemacht und klein gehalten werden …
Da ist es dann kein Wunder, wenn sich die Andersartigen selber kategorisieren, wenn sie gar ihre Andersartigkeit aufwerten zur kostbaren Besonderheit und sich selbst wiederum von der als „dumpfe Masse“ wahrgenommenen Norm abzugrenzen streben. Und manche fallen damit dann selbst in Extreme.
Wir sollten uns endlich mal klar machen, daß diese (Selbst-)Kategorisierung eine Reaktion ist – und bereits ein Fortschritt. Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, in denen die meisten normabweichenden Kinder überhaupt keine Chance hatten, ihr Eigentliches zu leben, sondern im besten Fall ignoriert, im schlimmsten Fall gebrochen und in die Norm gezwungen wurden, oder, wenn sie denn „Zugeständnisse“ bekamen, dafür mit Einsamkeit und Ausgeschlossensein bezahlten.
Ich habe es als Kind und Jugendliche und teilweise auch noch im Erwachsenenalter am eigenen Leib und an der eigenen Seele erleben müssen, wie sensorische Phänomene wie extrem starke Schmerz-, Lärm- und generelle Reizempfindlichkeit als Schwäche, als „Mimosenhaftigkeit“ abgeurteilt wurden. Ergebnis: ein ständiger Zwang zu innerer und äußerer Abhärtung, die natürlich erfolglos bleiben mußte, weil sich die Wahrnehmungsrezeptoren nun einmal nicht ändern. Also Zähne zusammenbeißen. So tun als ob nichts wäre. Falls nötig, sich wortreich rechtfertigen. Erklärungen finden, die das Gegenüber versteht. Und manchmal hilft nur noch Rückzug.
Mit einer in der Kindheit aufgetretenen Inselbegabung hatte ich mehr Glück: meine wunderbare erste Grundschullehrerin akzeptierte mit allergrößter Selbstverständlichkeit, daß ich bereits seit Jahren fließend lesen konnte, als ich in die Schule kam. Ich durfte mich also aus der Schulbibliothek bedienen und fräste mich auf diese Weise in der Leselernzeit meiner Mitschülerinnen und Mitschüler durch eine stattliche Anzahl Bücher. Die Lehrerin arrangierte dies mit vollkommener Natürlichkeit, so daß auch die Klasse mein „punktuelles Anderssein“ als etwas hinnahm, das einfach so war und nichts Besonderes darstellte. Sehr wohltuend, für alle Beteiligten.
Kein Mensch kann sich das eigene Strickmuster aussuchen. Wir kommen auf die Welt mit allerlei Dispositionen, mit denen wir einfach leben müssen, auch wenn wir mit der einen oder anderen der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen. Aus den Schubladen (auch aus der Normschublade!) kommen wir alle nur raus, wenn wir endlich aufhören, andere Menschen (und uns selbst) festlegen zu wollen auf etwas, das sie nicht sind.
Das Extrem der Kategorisierungen ist wohl die Pathologisierung, beispielsweise beim Thema AD(H)S. Ich habe selbst schon etliche Kinder getroffen, die unter Ritalin gesetzt wurden, nur damit sie besser funktionierten. Damit wir uns nicht mißverstehen: es gibt Menschen, für die diese Medikation wirklich ein echter Segen ist und die erst dadurch überhaupt ihr Leben bewältigen können. Das ist aber eine ziemlich kleine Anzahl, verglichen mit denjenigen, die einfach aus Bequemlichkeit in diese Schublade gesteckt werden. Auch AD(H)S ist grundsätzlich eine Wahrnehmungs-Variante, die ca. 10 Prozent der Bevölkerung haben: deren Vorfahren waren wohl in der Steinzeit die Jäger und nicht die Ackerbauern.
Denn das, was oberflächlich als Unaufmerksamkeit rüberkommt, hat eine Kehrseite: die Hyperfokussierung, die Eigenschaft, sich auf etwas, das einen interessiert (!) mit einer Tiefe und Ausdauer zu konzentrieren, die ein „Norm-Mensch“ nicht aufbringen kann, und die dazugehörigen Arbeiten in wahnwitzigem Tempo zu erledigen.
Weder die Pathologisierung noch die Selbstaufwertung sind gesunde Strategien. Gesund wäre der Blick für das Individuelle. Denn letztlich ist auch die Norm bloß eine Hilfsgröße, die übertüncht, daß doch in jedem Menschen das ganz Eigene steckt. Und auch das zutiefst Gemeinsame, bei aller Andersartigkeit. Der Schlüssel zu beidem ist die Empathie.






















