Karan

… supersonic butterfly

Das vierte Sonett

31. Mai, 2006 @ 22:17 | Sonette |

Als Ariadne sich verlassen fand
Am fremden Strand im ersten Morgenlicht,
Da schrie sie nicht, zerriß nicht ihr Gewand,
Und keine Träne netzte ihr Gesicht.

Sie stand erstarrt, versteinert, wie aus Eis,
Herausgelöst aus Regung, Wunsch und Not.
Noch schlug ihr Herz, ihr Atem ging sehr leis,
Sie wartete auf nichts, nur auf den Tod.

Der Gott des Rausches und der wilden Lust
Fand halb erfroren sie auf nassem Sand.
Behutsam faßte er sie an der Hand,

Fast zärtlich zog er sie an seine Brust.
Und ihre Tränen schmeckten wie das Meer
Nach Salz und Wärme und nach Wiederkehr.

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Das dritte Sonett

31. Mai, 2006 @ 19:18 | Sonette |

Ich bin so müde. Laß mich bei dir sein,
Die Augen schließen und ein wenig schweigen.
Vielleicht kann ich dir ohne Worte zeigen,
Wie hilflos es mich macht, wenn ich allein

Am unverschloss’nen Tor des Schlafes stehe.
Ich weiß, ich muß hindurch, doch wär’ ich gern
Für immer wach und dieser Pforte fern.
Mich schreckt das Land, das ich dahinter sehe:

Weglose Dunkelheit, nur traumerhellt,
Von wirren Lichtern sprunghaft angestrahlt
Mit wilden Fratzen überall bemalt.

Dann Stille. Leere. Meine Seele fällt
Ins große Nichts. Schreit nach Geborgenheit.
Doch die ist fremd. Ich bin noch nicht so weit.

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Das zweite Sonett

31. Mai, 2006 @ 00:03 | Sonette |

Sie heißt Kalypso. Ihre Insel schwimmt
Im bodenlosen Meer, am Rand der Zeit.
Wenn sie Odysseus in die Arme nimmt,
So weiß sie: er ist nicht dazu bereit.

Sie lehrt ihn fühlen. Legt den Schleier fort.
Ihr Leib weist wie ein Kompaß weit voraus
Bis zu dem weltenfernen, heilen Ort,
Der alten Heimat und dem neuen Haus.

Die stumme Bitte wird ihm still gewährt:
Sie öffnet sich. Er schaut durch ihr Gesicht
Wie durch ein Fernglas, doch er sieht sie nicht.

Als er das Boot belädt und weiterfährt
Steht sie verschleiert, abgewandt am Strand.
Er blickt sie an. Und hat sie ganz erkannt.

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Das erste Sonett

30. Mai, 2006 @ 11:40 | Sonette |

Mich reizt das strenge Maß des alten Reimes,
Die feste Form, die ihn am Zügel hält.
Jedoch aus seinen Ritzen tropft Geheimes,
Gefährlich Ungewisses in die Welt.

Was ich verschweige, wag’ ich kaum zu denken
Und was ich sage, ist aus Stahl und Stein.
Ich möchte mich so gerne ganz verschenken
Und endlich nicht nur sagen, sondern sein.

Ich bin allein. Was ich noch spüre, sind
Die kargen Worte, die ich selbst ersann.
Geliebte Augen legten Schleier an.

In meinen Händen wird der Spiegel blind,
Das einst Vertraute: nicht mehr zu verstehen.
Ich muß ins ungereimte Dunkel gehen.

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