Freiheit ist also auch nur so eine Ideologie.
24. Januar, 2011 @ 14:33 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
Wie Antisemitismus, Kommunismus, Rassismus. Oder hab ich da was falsch verstanden?
Ansgar Heveling, der CDU-Berichterstatter für das Urheberrecht und Mitglied der Enquete-Kommission Digitale Gesellschaft des Bundestags, äußerte jedenfalls auf der Musikmesse “Midem” in Cannes gegenüber Vertretern der deutschen Musikindustrie, er habe den Eindruck, die
“Ideologen der Freiheit arbeiten kräftig daran, unsere Kultur und Wertschöpfungsketten zu zerstören.”
Außerdem befinden wir uns laut Heveling derzeit sowieso in einem
“Kulturkampf”.
Komisch, ich dachte immer, “Freiheit” und “Ideologie” schlössen sich bereits kategorisch aus. Außerdem hätte ich eine “Wertschöpfungskette” nicht als in einem Atemzug mit “Kultur” nennbar betrachtet, sondern als Struktur innerhalb einer kapitalistischen Ökonomie, welche oft genug den Kreativen mehr Steine in den Weg als Brötchen auf den Tisch legt. Und den wahren Wert der künstlerischen Schöpfung gerne mißachtet - zugunsten des reinen Warenwertes dessen, was sie selber abschöpft.
Da habe ich mich wohl geirrt.
Da muß ich jetzt also umlernen:
Freiheit ist Ideologie.
Krieg ist Frieden.
Und Unwissenheit ist Stärke.
Oder etwa nicht?
Kommentare (5)“Kurt” ist ein Waffennarr, “Murat” ein Terrorist
23. Januar, 2011 @ 13:11 | Öffentliche Ärgernisse |
Das private, illegale Waffenlager im rheinland-pfälzischen Becherbach wurde entdeckt und kontrolliert gesprengt.
In der offiziellen Berichterstattung liest sich das so:
SpOn:
FAZ:
“Die Polizei geht davon aus, dass eine Sammelleidenschaft dahintersteckt.”
Süddeutsche:
“Der kleine Ort im Kreis Bad Kreuznach wurde am Samstag vollständig geräumt, weil ein 62-jähriger Waffennarr Unmengen von hochexplosivem Sprengstoff und Waffen in einer Scheune gehortet hatte.”
Welt:
“Die Polizei geht davon aus, dass der Mann, den Anwohner als „Pulver-Kurt“ bezeichnen, dies alles sammelte.”
Die ZEIT: Nix.
TAZ: Nix.
Spulen wir mal ein bißchen zurück und geben in den Suchmasken der Zeitungen die Worte “Sauerland” und “Bomben” ein. Die ursprünglichen Meldungen zur Entdeckung des Sprengstoffs im damaligen Fall lassen sich nicht mehr finden, da die Archive nicht so weit zurückreichen, sehr wohl aber gibt es Berichte aus der Zeit des Urteilsspruchs im vergangenen Jahr:
SpOn:
“Drei der Angeklagten waren am 4. September 2007 in einer spektakulären Polizeiaktion in einem Ferienhaus im sauerländischen Medebach festgenommen worden. Dorthin hatten sie sich zurückgezogen, um ihre Bomben zusammenzubauen.”
FAZ:
“Von ihnen sei eine „ungeheure Bedrohung” ausgegangen, sagte der Richter.”
Süddeutsche:
“Im Prozess gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe hat die Bundesanwaltschaft in ihrem Plädoyer eindringlich vor dem “Krebsgeschwür des islamistischen Terrorismus” gewarnt.”
Welt:
“Neun Monate nach der Verurteilung des Anführers der islamistischen „Sauerland-Gruppe“, Fritz Gelowicz, hat auch dessen Ehefrau in einem getrennten Verfahren ein Geständnis abgelegt. Die mutmaßliche Terrorhelferin gab vor dem Berliner Landgericht zu, Gelder gesammelt zu haben, die für den Dschihad (”Heiliger Krieg”) verwendet wurden. Die mit einer schwarzen Burka bekleidete 29-Jährige betonte aber, aus humanitären Gründen für die Unterstützung von Kriegsopfern und Waisenkindern gehandelt zu haben.”
Die ZEIT:
“Angekündigt haben die Angeklagten jedenfalls, sich in Zukunft von Terrororganisationen fernzuhalten.”
TAZ:
“Die Verteidiger hatten Strafen unter zehn Jahren gefordert. Eine tatsächliche Gefahr habe nicht bestanden, weil die Männer rund um die Uhr überwacht worden seien. Außerdem seien nur 3 von 26 entdeckten Sprengzündern intakt gewesen.”
Wie rasch sind die Medien mit Vorverurteilungen bei der Hand, besonders beim Thema Terrorismus. Ich nehme jetzt mal gar nicht an, daß da immer böser Wille dahintersteckt, sondern daß dies schlichtweg die Folge der mittlerweile seit zehn Jahren geschürten “Grund-Angst” ist. Es ist erschreckend, wie tief die mittlerweile reicht.
Im Umkehrschluß sollte es daher wohl nicht erstaunen, daß beim aktuellen Fall in Rheinland-Pfalz die Sache genau andersherum läuft: da wird verharmlost, der Täter als “Waffennarr” oder “Spinner” abgetan und über einen möglichen Hintergrund gar nicht erst spekuliert. Sollte sich herausstellen, daß eine rechtsextreme Neigung dahintersteckt, so rechne ich fest damit, daß der Fall zum “Einzelfall” erklärt und ein gesellschaftlich-kultureller Kontext gar nicht erst angeschnitten wird. Hieße der Mann Murat oder Mohamed, sähe die Sache jetzt schon anders aus, bei gleichem Wissensstand.
Kann mal bitte jemand den sogenannten “Qualitätsmedien” die Scheuklappen abschrauben?
Kommentare (3)Rio Reisers letzte Reise
17. Januar, 2011 @ 20:50 | Kultur & Kontext |
Jetzt ist es also passiert: Rio Reisers Hof in Fresenhagen wurde verkauft. Und seine Grabstätte wird nach Berlin verlegt.
Ich bin gerade ganz wehmütig und erinnere mich an unseren Besuch dort im letzten Sommer.
Die Hintergründe des Verkaufs und der Vorgeschichte kenne ich nicht im Detail. Ich weiß auch gar nicht, ob das überhaupt möglich ist, denn die Protagonisten (Familie, Freunde, Wegbegleiter, Kollegen) sind hoffnungslos zerstritten und die jeweiligen Versionen des Geschehens demzufolge unvereinbar. Es macht mich aber sehr traurig, daß es im heutigen Deutschland nicht möglich ist, ein solches Anwesen als Kultur- und Bildungsstätte zu erhalten. Die Reiser-Erben konnte die dafür nötige Infrastruktur alleine offensichtlich nicht stemmen. Und Alternativen, Hilfen, gangbare andere Wege gab es nicht.
Ich hätte gerne in Rios Studio eine CD aufgenommen, hätte gern auf dem stillen, alten Hof übernachtet und wäre vielleicht schlaflos durch die Zimmer oder den Garten gewandert. Ich hätte mich nach der Arbeit mit den Kollegen an Rios Grab gesetzt und dem Wind in den Bäumen gelauscht. Wir hätten wenig gesprochen an diesem Abend. An anderen Abenden hätten wir womöglich mit dem Musikmachen gar nicht mehr aufhören mögen und wären mit den Gitarren und einem Kasten Flensburger (und einer Flasche Whisky für Sven) im Garten gelandet. Wer weiß, was da für Lieder entstanden wären?
Was ich aber wirklich habe, jenseits aller Konjunktive, ist die Erinnerung an diesen schwebenden Nachmittag im vergangenen August. An Rio Reisers Zimmer, das so eigenartig vertraut war.
Und Lieder… die haben sowieso ein Eigenleben, und wenn sie an’s Licht wollen, dann ist es ihnen egal, ob das in Fresenhagen, im Odenwald oder in einer Autowerkstatt beim Reifenwechsel passiert.
“Zauberland ist abgebrannt
Und brennt noch lichterloh…”
Zwölf mit der Post
1. Januar, 2011 @ 02:10 | Lyrik & Prosa &soweiter |
Es war eine schneidende Kälte, sternenheller Himmel, kein Lüftchen regte sich.
‘Bums!’ Da wurde ein alter Topf an die Haustüre des Nachbars geworfen. ‘Puff, paff!’ Dort knallte die Büchse; man begrüßte das neue Jahr. Es war Neujahrsnacht! Jetzt schlug die Turmuhr zwölf!
‘Trateratra!’ Die Post kam angefahren. Der große Postwagen hielt vor dem Stadttore an. Er brachte zwölf Personen mit, alle Plätze waren besetzt.
“Hurra! Hurra! Hoch!” sangen die Leute in den Häusern der Stadt, wo die Neujahrsnacht gefeiert wurde und man sich beim zwölften Schlage mit dem gefüllten Glase erhob, um das neue Jahr leben zu lassen.
“Prost Neujahr!” hieß es, “ein schönes Weib! Viel Geld! Keinen Ärger und Verdruß!”
Das wünschte man sich gegenseitig, und darauf stieß man mit den Gläsern an, daß es klang und sang - und vor dem Stadttore hielt der Postwagen mit den fremden Gästen, den zwölf Reisenden.
Und wer waren diese Fremden? (weiterlesen…)
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