Karan

… supersonic butterfly

Ab und auf - Hörsturz live II

25. Februar, 2011 @ 17:40 | Persönliches |

Donnerstag, 24. Februar

In der Nacht habe ich kaum ein Auge zugetan. Das Kortison in mir arbeitet offenbar rund um die Uhr. Ich wanke zum Arzt. Mein Kreislauf kriecht vor sich hin, die Hände sind eiskalt, der erste Stich in meine ohnehin schon völlig blaue Armbeuge geht daneben. Also ist der andere, rechte Arm dran. Die Venen rollen sich ein, sobald sie die nahende Nadel erahnen. Irgendwie klappt’s. Mir ist zum Heulen.

Peinlicherweise habe ich eine veritable Nadelphobie. Mit Spritzen und dergleichen kann man mich jagen, und zwar auf den höchsten Baum. Mein Arzt ist sehr verständnisvoll, er kennt offenbar noch furchtsamere Patienten. Aber so allmählich reicht es mir mit der Piekserei.

Als die Infusion durchgelaufen ist, fühle ich mich, als hätte man mich durch den Hauptwaschgang gedreht. Nicht nur meine Ohren sind heute überempfindlich, alle Sinne sind überreizt. Ich gehe über die Straße und nehme die Menschen, die mir entgegenkommen, so intensiv wahr, als könnte ich in sie hineinsehen. Bestürzend empfinde ich die Isolation, in der wir uns alle bewegen. Ich flüchte nach Hause.

Dort ist für den Rest des Tages nicht mehr viel mit mir anzufangen.

Freitag, 25. Februar

Ich schlafe unruhig, aber etwas besser als in der Nacht zuvor. Am Morgen besuche ich den China-Doc. Er verschreibt mir einen neuen Tee für die nächsten drei Wochen und klärt mich erst einmal umfassend auf. Die Vorgänge beim Hörsturz beschreibt er sehr bildlich mit Vergleichen aus der Musikwelt, als ausgefallene Noise-Gates und Filter. Das Ganze ist offenbar viel mehr ein Steuerungsproblem (also im Hirn verortet) als eines der Ohren selbst. Es muß Frühwarnzeichen gegeben haben. Wie konnte ich sie übersehen? Einfach, weil ich sie nicht kannte. In den Ohren hatte ich nichts bemerkt, aber am Rücken, im Nierenbereich, hatte ich vor einige Zeit ganz arge Schmerzen. Auch das ergibt nach der chinesischen Lehre Sinn. Auf meinen Energiehaushalt achten - das muß ich erst einmal lernen. Ich bekomme die Adresse einer Shiatsu-Therapeutin.

Beim HNO-Arzt erfahre ich, daß heute kein Kortison mehr in der Infusion sein wird. Das Setzen der Nadel gelingt beim ersten Anlauf.
Ich darf mir aussuchen, ob ich mir die letzte der fünf Infusionen gleich morgen in der Bereitschaftspraxis geben lassen will (will ich nicht!) oder am Montag wieder vor Ort. Somit dürfen sich die Venen und ihre Besitzerin zwei Tage lang erholen.

Nach der Behandlung ist der Arm wieder eiskalt, die Hand blau, aber es geht mir besser als gestern. Diese Überempfindlichkeit ist nicht mehr da. Ich jage mir etwas zum Essen, aber hinterher muß ich sehen, daß ich nach Hause komme, weil der Kreislauf wieder schlappmacht. Daheim mache ich mir einen Kaffee.

Ich höre fast wieder normal. Noch ist da ein häufiges Schwanken, wechselnde Ohrgeräusche (sogar im rechten Ohr), aber das macht mir alles keine Angst, es fühlt sich einfach an, als ob das gesamte System wieder allmählich hochfährt. Ein sehr beruhigender Eindruck.

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Auf Wiederhören! - Hörsturz live I

23. Februar, 2011 @ 14:17 | Persönliches |

Zu plötzlichen Hörverlusten, Hörsturz, Tinnitus etc. finden sich im Internet fast nur Horrorgeschichten (obwohl es statistisch gesehen ja bei den meisten gut ausgeht) oder die ewig gleichen medizinischen Standardinformationen. Ich habe mich entschieden, meine persönlichen Erfahrungen einfach mal hier aufzuschreiben - vielleicht ist es ja ein wenig hilfreich für andere Betroffene.

Dienstag, 15. Februar

Irgendwie ist mir komisch. Ich fühle mich angeschlagen, weiß aber nicht wieso. Bekomme ich eine Erkältung? Mein linkes Ohr ist wie beschlagen. Abends gehe ich in eine wunderbare Musical-Aufführung und das Mißempfinden verfliegt.

Mittwoch, 16. Februar

Arbeit, Arbeit, Songschreiben. Nach dem Abmischen klingeln mir die Ohren, ich habe das Gefühl, einen Pfropf im linken Ohr zu haben. Lege mir über Nacht ein Körnerkissen darauf.

Donnerstag, 17. Februar

Ich sage alle Arbeitstermine ab und gehe sofort zum HNO-Arzt, denn auf dem linken Ohr kann ich fast nichts mehr hören. Wahrscheinlich ist es nur verstopft und er wird es mir reinigen.
Das Ohr ist vollkommen frei, nichts ist darin, das entfernt werden müßte. Ein Hörtest belegt einen fast völligen Verlust des Tieftonbereichs. Ich bekomme Tabletten verschrieben, durchblutungsfördernde Mittel. Und ein Muskelrelaxans.
“Haben Sie Rückenprobleme?”
Und wie! Seit Jahren! Immer wieder so gut wie möglich verdrängt. Schonhaltungen. Fehlhaltungen.
“Haben Sie Streß?”
Es war mir nicht bewußt. Aber offenbar hat das Schreiben von elf Songs in knapp über zwei Wochen doch Spuren hinterlassen. Es gab auch noch einige andere Belastungen bei älteren Menschen meines näheren Umfelds, denen ich beizustehen versuchte. Doch als Streß hatte ich das alles gar nicht wahrgenommen.

Ein wenig Recherche bringt ans Licht, daß das ziemlich typisch ist bei plötzlichen Hörverlusten. Die betreffen oft Menschen, die eigentlich gut zurechtkommen.

Will mir das alles etwas sagen? Will ich das hören? Offenbar nicht…

Freitag, 18. Februar

Mein TCM-Hausarzt ist aus dem Urlaub zurück und verordnet sofort einen unterstützenden chinesischen Tee. Ich stürze einen Liter des brackigen heißen Gesöffs herunter. Abends scheint es dem Ohr ein wenig besser zu gehen.

Samstag, 19. Februar

Jedes Geräusch tut weh. Ich ziehe mich in die absolute Ruhe zurück. Telefonieren ist auch mit dem gesunden Ohr unmöglich. Es wird immer schlimmer.

Sonntag, 20. Februar

Ich habe schreckliche Angst. Werde ich taub? Es fühlt sich an, als ob eine dicke Faust von innen in meinem Ohr steckt. Es wummert und rauscht, alle Laute sind dumpf, verzerrt. Die Orientierung ist schwer.
Ein lieber Mensch verlockt mich zu einem kurzen Spaziergang. Ich friere. Die Luft tut gut, aber hinterher bin ich wie erschlagen. Meine Nerven gehen mir durch. Ich habe Angst, daß das nie mehr weggeht.
Gute Freunde schreiben, rufen an, kurz und liebevoll, trösten, beraten, berichten von gut ausgegangenen Fällen aus der eigenen Umgebung. Balsam für die Seele.

Montag, 21. Februar

Ich wache auf und das Ohr ist freier. Allerdings ist der Hörsinn wieder hoch empfindlich. Ich stecke mir einen Ohrenschutz hinein und fahre zum Arzt. Der Hörtest belegt: es wird tatsächlich besser. Allerdings sind zwei Tinnitusse (Tinniten? Tinniti? Ja, wie denn nun?) hinzugekommen, einer hoch und sirrend, einer tief, wie eine rauschende Heizung.

Sie stören mich überraschend wenig. Im Studium hatte ich so was schon mal. Das war allerdings nerviger, ein monatelanges Dauergeräusch, akkurat auf dem zweigestrichenen B. Kam auch von der Halswirbelsäule und ging weg, als ich im letzten Jahr aus dem Wohnheim mit seinem durchgelegenen Bett fort und in eine WG zog.

Der HNO-Arzt empfiehlt Infusionen. China-Doc gibt grünes Licht. Morgen also an den Tropf.

Dienstag, 22. Februar

Ich habe auf ärztliches Anraten sämtliche beruflichen Termine für die nächsten vier Wochen abgesagt. Nur die Teilnahme an den FAWM-Over-Parties halte ich mir vorerst offen; professionellen Hörschutz habe ich, und das ist ja auch keine anstrengende Sache. Wird aber nur gemacht, wenn der Arzt zustimmt.
Fühle mich unwohl bei all den Absagen. Es wird ja langsam besser, muß ich mich da wirklich so lange schonen?
Ja, ich muß.
Ok, ich hab’s endlich kapiert.

Über mir baumelt ein durchsichtiger Plastikbeutel mit durchsichtiger Flüssigkeit. Die zu unterschreibenden Nebenwirkungslisten waren haarsträubend. Der Medizinmann hat mich aber beruhigt. Ich bekomme nur eine Kurzzeitbehandlung.
Kraftvolle Mittel sind das: Kortison und ein paar andere Leckereien. Willkommen, tut euer Werk!

Hinterher bin ich hungrig, gönne mir einen edlen, leckeren Salat und schaffe es gerade so, nach Hause zu fahren, bevor ich auf dem Sofa umkippe wie ein gefällter Baum. Mir zieht es richtiggehend die Schuhe aus. Oh weh!

Mein wichtiges Rezept in der Apotheke einzulösen, vergesse ich völlig. Mein Hirn ist wie mit Pudding gefüllt.
Ein liebevoller Verwandtenbesuch mit Apfelkuchen und heiteren Gesprächen bringt mich wieder ein wenig auf die Beine. Abends werde ich mit Antipasti verwöhnt. Ich schlafe schlecht.

Mittwoch, 23. Februar

Infusion Nummer zwei. Der Arzt meint, dieser Schwächezustand sei vollkommen normal. Es könne auch geschehen, daß das Ohr wieder ein wenig “unruhig” wird, die Geräusche vorübergehend stärker. Kein Grund zur Beunruhigung!
Die kalte Flüssigkeit tröpfelt. Mein Arm fühlt sich an wie aus Eis. Ich lese ein Buch über tuvinischen Schamanismus. Und muß immer wieder lächeln. Die vielen verschiedenen Heilkünste sind keine Widersprüche. Sie können sich die Hand reichen.

Zum Glück werde ich abgeholt. Selbst fahren könnte ich heute nicht.

Wie es dem Ohr geht? Die Tinnitussis rüpeln darin herum.
(Mmmh, da steckt ein Song drin, her mit Bleistift und Notizblock!)

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Palliativmedizin, Angst, Vorurteile

4. Februar, 2011 @ 09:58 | Öffentliche Ärgernisse |

Über den Link einer Freundin fand ich diesen Artikel. Darin ist einiges schief dargestellt. Und das möchte ich gerne richtigstellen. Denn Palliativmedizin betrifft uns alle - jeder Mensch muß sterben.

Zuerst also die Sache mit dem Morphium. Der zitierte Arzt einer Palliativstation in Alzey sagt: “Ich hab ein Problem mit dem Morphium, denn jede Droge ist bewusstseinsverändernd.”

Schon allein das Wort “Droge” ist in diesem Zusammenhang völliger Quatsch. In England heißt “drug” schlicht “Medikament”, aber hier hat es einen ganz anderen Kontext, der leider auch in den Köpfen vieler Palliativpatienten herumspukt. Die sagen nämlich meistens selber “Bloß kein Morphium, das ist doch eine Droge”, und die Ärzte haben alle Mühe, ihnen klarzumachen, daß es das eben NICHT ist. Sondern ein sehr gutes, hochwirksames und gut einzustellendes Mittel.

Ich frage mich, ob der Arzt schon mal mit einem Patienten gesprochen hat, der ihm die Wirkung beschreiben konnte. Ich habe das getan. Und erfuhr, daß das Morphium in den meisten Fällen einfach nur müde macht. Und ein angenehmes Gefühl der Schmerzfreiheit gibt.

Manche Patienten brauchen wirklich nur eine geringe Dosis, es gibt aber auch Fälle, wo eine tiefe Sedierung notwendig ist, damit der Patient keine körperlichen oder seelischen Qualen leidet.

Darum geht es nämlich in der Palliativmedizin. Es soll alles getan werden, damit es den Patienten gut geht und sie sich so wohl wie möglich befinden. Morphium wird IMMER total individuell dosiert, ich kann nicht verstehen, warum der Artikel glauben läßt, dies seie etwas Besonderes auf der beschriebenen Station. Das Ziel ist aber nicht “so wenig wie möglich”, sondern “so viel, daß der Patient in einem angenehmen Zustand ist”.

Der zweite Fehler im Artikel: es wird die ganze Zeit von einer Palliativstation gesprochen, aber überhaupt nicht erwähnt, daß Palliativmedizin eigentlich etwas ganz anderes meint, und daß das Beschriebene der Arbeit eines Hospizes entspricht. Und, leider, den traurigen Tatsachen hier in Deutschland. Es gibt einfach immer noch viel zu wenige Hospize. Und die Palliativstationen machen diese Arbeit mit, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Traurige Konsequenz ist, daß sich viele Patienten bis zum Schluß sperren, sich in eine Palliativstation überweisen zu lassen, weil sie meinen “dahin geht man zum Sterben”. Das ist aber gar nicht der eigentliche Sinn dieser Einrichtungen.

“Pallium” heißt “Mantel”: Palliativmedizin “umhüllt” also diejenigen Patienten, die nicht mehr geheilt werden können. (Hier sind wir wieder beim Thema “angenehm”). Das Ziel ist eine möglichst gute Schmerzeinstellung und Beschwerdenkontrolle, damit die letzte Lebenszeit ohne Probleme daheim verbracht werden kann. Ja, das ist das Ziel und das Grundkonzept der Palliativstationen: sie entlassen die Patienten wieder NACH HAUSE. Geben Hilfestellungen und vermitteln Unterstützung für die häusliche Pflege. Informieren die Hausärzte. Als Sterbehäuser waren sie nie gedacht.

Schön wäre es gewesen, wenn dieser Arzt aus Alzey das auch gesagt hätte. Natürlich sterben Menschen auch auf Palliativstationen - aber oft eben nur deswegen, weil es keine Hospize gibt, die sie aufnehmen könnten.

Zurück zum Thema Schmerzmittel, insbesondere Morphium. Ich möchte gerne auf diese Petition beim deutschen Bundestag hinweisen und Euch dringend bitten, sie zu unterzeichnen. Dieser Artikel hat wieder mal belegt, wieviele Vorurteile noch in den Köpfen herumgeistern und wie wichtig es ist, diese endlich aufzulösen. Zum Wohle aller, die leiden.

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FAWM 2011

2. Februar, 2011 @ 21:03 | FAWM, Liederschreibseln |

Der Wahnsinn hat begonnen. Hier.
Stay tuned!

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Feuer unter der Asche

1. Februar, 2011 @ 11:41 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

Laßt Euch das mal durch den Kopf gehen:

“Wer als Musiker jünger ist als 30 Jahre, hat ein Jahreseinkommen von nur 8909 Euro. Zum Vergleich: Dem Vorstandschef der Urheberrechtsgesellschaft Gema, Harald Heker, werden 380000 Euro im Jahr gezahlt. Das Beispiel zeigt gut, wer von den sogenannten Autorenrechten am meisten profitiert.”

Dies ist ein statistischer Wert. Ich kenne weit ältere Musiker, die mit deutlich weniger Geld auskommen. Auskommen müssen. Von der Hand in den Mund leben. Alterssicherung? Bitteres Gelächter, vielleicht sogar die heimliche Hoffnung auf’s eigene sozialverträgliche Frühableben. Man verdrängt solche Gedanken. Wohl denen, die Freunde und Familie haben.

Und jetzt lest Euch bitte den ganzen Artikel des Berliner Tourneeveranstalters Berthold Seliger durch.

Mal abgesehen davon, daß auch hier, wie heute so oft, “Medien” und “Kunst” in einen Topf geschmissen werden, stehen da ein paar bittere Wahrheiten, z. B. über Kulturförderung in Berlin:

“Die Subventionen, die der Senat an die Freie Szene verteilt, sind verglichen mit den Zuschüssen für die Repräsentationskultur geradezu lächerlich gering - allein die drei Opern verbrauchen im Jahr 120 Millionen Euro öffentliches Geld, für die große freie Theaterszene bleiben gerade mal 5 Millionen Euro übrig.”

Wenn er der Frage nachgeht, weshalb sich “Kulturarbeiter” dies alles überhaupt noch antun, schrammt der Autor leider am eigentlichen Punkt vorbei, sondern spricht über die neoliberal unterfütterte, hochstilisierte Modeerscheinung der “digitalen Bohéme”, die “irgendwas mit Medien” machen will, ohne jedoch eine rechte Vorstellung davon zu haben, was das für Konsequenzen hat.

Der Kern der Sache ist aber doch: was treibt Künstler und Musiker an? Warum machen sie das? Weil sie es können? Weil sie es müssen? Viel einfacher: weil sie etwas sagen wollen.

Was berührt denn an Kunst? Es ist immer ein Angesprochen-werden. Ich erinnere mich an Theater- und Kinobesuche, an Konzerte und Ausstellungen, nach denen ich in Flammen stand, bereit, die Welt zu erobern. Bereit, die Welt zu verändern. Das ist es.

Und darüber wird überhaupt nicht mehr gesprochen. Wenn Seliger am Schluß seiner Ausführungen die Kulturszene dazu aufruft, sie möge sich an ihre “proletarische Tradition” erinnern (nicht ohne anzumerken, daß dies auch ihre wirtschaftliche Bedeutung stärken würde), dann greift er meines Erachtens da viel zu kurz. Kultur ist mehr als Agitprop. Es ist ziemlich egal, ob das Feuer von einer Punkband oder von einer Alban-Berg-Oper geschürt wurde - wichtig ist, daß es brennt. Und daß es etwas bewirkt.

Rilke schrieb einmal ein Gedicht über die Betrachtung eines antiken Torsos. Die Rollen sind vertauscht: es ist die Statue, deren augenloser Blick den Betrachtenden trifft. Und nichts ist wie vorher: “Du mußt dein Leben ändern.”

Das ist die Macht der Kunst.

Und das (Über-)Leben der Künstler?

War immer eine Sache von Netzwerken. Rilke selbst ist das allerbeste Beispiel dafür. Er war kein Geschäftsmann, seine Selbstvermarktungskompetenz hielt sich in Grenzen, das taten andere für ihn. Ohne ein starkes Netzwerk aus Freunden, Gönnern und Mäzenen hätte er sein Lebenswerk niemals vollbringen können. Nun mag der moderne Mensch meinen, dies bedeute Abhängigkeit. Welcher Art? Ist die Abhängigkeit von den hartzigen Brosamen einer neoliberalen Oligarchie der Konzerne eines Staates etwa besser? Heißt “Abhängigkeit” automatisch “Unterordnung”? Ist “Netzwerken” etwas anderes?
Das heißt übrigens nicht, daß sich der Staat aus seiner sozialen Verantwortung ziehen solle. Eine Gesellschaft hat immer die Kultur, die sie verdient. Die sie sich verdient. Durch ihr Engagement, aber auch durch ihre Ignoranz. Kunst blüht in Widerstand und Revolution. Sie blüht aber auch in Rilkes friedlicher Einsiedelei in Muzot.

Niemand ist eine Insel. Der heute oft so unreflektiert gepriesene Individualismus endet oft an der eigenen Hirnschale. In Kunstwerken reicht er weiter hinaus, und berührt er andere, so wird deutlich: wir fühlen Ähnliches. Wer bewegt wird, kann bewegen.

Die Revolutionäre in Tunesien und Ägypten werden auch von einem Gedicht inspiriert, geschrieben von einem tunesischen Dichter aus dem frühen 20. Jahrhundert, Abdul Qasim Al Shabi.
“An die Tyrannen der Welt” richtete er sein Wort, und die in meinen Augen entscheidenden Worte lauten:

Da ist ein Feuer unter der Asche.

Und jetzt ist natürlich der Blick zurück zu Seligers Artikel zu lenken und die Frage zu stellen, wie das alles zusammenhängt. Ich fürchte, die Hochsubvention der gefälligen “klassischen Künste” ist kein Zufall, sondern (womöglich sogar unbewußtes) politisches Kalkül. Die freie Szene wird knapp gehalten. Wer gerade so über die Runden kommt, hat keine Zeit zu resignieren, aber auch keine Mittel, laut und sichtbar zu revoltieren.

“Irgendwas mit Medien” zu machen, ist heute cool. Ich frage mich, wie viele der dort Gestrandeten eigentlich etwas ganz anderes tun wollten. Dinge zum Ausdruck bringen wollten, über die in unserer so wortreichen Informationsgesellschaft so gut wie überall kollektiv geschwiegen wird. Weil die Sprachen, in denen sie zu sagen wären, keine Worte haben. Sondern Töne. Bilder. Farben. Bewegungen.

Ist Kunst nur noch Konsum? Am besten noch Selbstverständlichkeit, kostenlose Dreingabe einer medial überfluteten Existenz?
Rilke sieht das anders, und ich auch. Als Empfängerin, als betrachtender, hörender, schauender Mensch habe ich eine Verantwortung. ICH muß mein Leben ändern. Dazu gehört auch, daß ich mir Gedanken mache um die Kostbarkeit dessen, was ich empfangen habe, ob Lied, Bild, Theaterstück… Und etwas zurückgebe. Das muß zwar nicht immer Geld sein, aber Geld ist machtvoll und bewirkt viel.

Wenn das Publikum diese Verantwortung wahrnimmt und entsprechend handelt, dann kann es weiterhin Künstler geben, die ihre ganze Kraft in den Dienst der Sache stellen und dementsprechend Kraftvolles erschaffen. Dann ist etwas da, das nähren, stärken und bewegen kann, wie das Gedicht aus Tunesien heute wieder stärkt. Kunst lebt lange. Aber sie muß überhaupt erst mal geboren werden, und dafür müssen ihre Schöpfer leben können.

Da ist ein Feuer unter der Asche…

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