Karan

… supersonic butterfly

Age ain’t nothing but a number?

9. März, 2010 @ 22:39 | Kultur & Kontext |

Lieber Stefan Raab,

da der Tag nur eine begrenzte Anzahl von Stunden hat, sehe ich ziemlich wenig fern. Aber wenn da jemand wie Sie das notorische Musik-Casting-Show-Getue mal auf ganz neue Art aushebeln und besser machen will, dann schaue ich mir das natürlich an.

Musikalisch finde ich das sehr interessant, besonders weil einige KandidatInnen eher unbekannte oder sogar eigene Songs singen.

Und daß die Jury Stärken lobt und sich dumme Sprüche verkneift (bzw. halt einfach nicht dumm ist), ist natürlich auch erfrischend gut.

Aber eins fiel bzw. stieß mir von Anfang an auf: da stehen mal wieder ausschließlich Leute aus der Altersgruppe um die zwanzig auf der Bühne. Zu Anfang waren auch noch ein paar etwas Ältere dabei . Kandidaten über 40 aber gab es nicht - die wurden einzig als “humorvolle” Casting-Outtakes zur Volksbelustigung nach der Show vorgeführt.

Nachdem dann in der heutigen Show die Jurorin Barbara Schöneberger auch noch mit ihrem Alter zu kokettieren begann (”Die sind alle achtzehn und ich bin schon sechsunddreißig, buhuuu…”) frage ich mich allmählich, was das soll.

Ich halte es im Leben ganz bewußt und aktiv mit dem Spruch “Age ain’t nothing but a number”. Damit soll gemeint sein: sich selber und andere mit irgendwelchen an’s Alter gebundenen Normen einzuschränken, ist eine ziemlich schlechte Idee.

Und dann brauchen weder Jugendliche auf altklug, noch Ältere auf zwanghaft knackig zu machen. Weil nämlich das Wichtigste rüberkommt: Authentizität. Leidenschaft für das, was man tut. Egal in welchem Alter.

Es ist noch gar nicht lange her, da war das ganz anders. Und ich rede jetzt nicht von Urgroßmutters Zeiten. Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es total uncool gewesen, daß ein 15jähriger der Fan einer Band ist, deren Mitglieder um die 40 oder noch älter sind. Und ebenso unmöglich, daß sich Leute dieses Alters für “Jugendkultur” begeistern.
Heute sind wir da einen großen Schritt weiter.

Aber irgendwie dann halt wieder doch nicht.

Warum?

Ich ahne und befürchte Beschwichtigung: das sei ja reeeeeiner Zufall, daß bei USFO nur Youngsters im Rennen sind, es hat halt bei den anderen einfach nicht gereicht, usw. usf.

Tut mir leid, das nehme bzw. nähme ich Ihnen nicht ab. ;-)

Was wäre anders, wenn die Kandidatenschar nicht nur stilistisch, sondern auch altersmäßig bunt gemischt wäre? Hätte das Publikum dann ein Identifikationsproblem? Das glaube ich nicht - denn Ihre Rechnung, lieber Herr Raab, ging ja auf: diese Casting-Show ist wirklich “anders” und zieht demzufolge auch ein sehr gemischtes Publikum.

Oder hätte die Jury ein Autoritätsproblem? Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.

Ich vermute also, daß da doch konzeptionelle oder kulturspezifische Gründe dahinterstecken, die sich meiner Kenntnis einfach entziehen.

Die würden mich sehr interessieren.
Es kann aber sein, daß sogar Sie sie mir nicht nennen könnten.
Denn es gibt auch unbewußte Konzepte, unbewußte Wahrnehmungen und Wertungen.

Da ich aber die Dinge gern bewußt wahrnehme, werde ich weiter schauen und rätseln. Und heute habe ich angefangen, ein Lied über das Altern zu schreiben; von daher hat die Sache zumindest ein Gutes bewirkt…

 


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25 Responses to “Age ain’t nothing but a number?”

  1. Sven Scholz Says:

    Das unterschreibe ich. Und unterstreiche.

  2. Huflaikhan Says:

    Das stimmt alles. Im Klassikbereich gilt es übrigens umgekehrt. Da ist man frühestens mit 62 ein echter Dirigent und ernstzunehmender Komponist erst mit 47 ;-) - Und wer sahnt da die Preise und Aufträge ab? Alte Säcke (sind ja auch meistens noch Männer dazu).

    Aber man merkt auch da eine Art Umkehr im Betrieb. a) durch Lifting der körperlichen Bauteile oder durch Marketing. Mei, denn so Wunderkinder wie im 18. und 19. Jahrhundert sind recht selten geworden.

    Übrigens ein Topos (Wunderkind), den es in im Popbereich noch weniger gibt.

    Countrymusik macht man meistens auch erst im reiferen Alter. Wenn ich mich nicht täusche.

  3. Lu Says:

    jep!

  4. MartinM Says:

    Grundsätzlich gebe ich Dir recht, Karan, aber letzten Ende geht es doch um einen eher alberenen Sängerwettbewerb für eine Veranstaltung, die schon vor Jahrzehnten jede echte kulturelle Relevanz verloren hat. (Oder anders ausgedrückt: wer gute und niveauvolle Lieder sucht, sucht beim Eurovision Wettbewerb wahrscheinlich vergeblich.)

    Interessant ist das allenfalls insofern, da “ageism” beim USFO usw. wahrscheinlich auf entsprechende “Auswahlkriterien” in auf der Entscheiderebene nicht nur der zurecht viel geschmähten Musikindustrie hinweist, sondern wohl auch auf tief eingefressene gesellschaftliche Strukturen, (Die aber immerhin geändert werden können - das Beispiel der z. B. in den 70ern noch streng getrennten “Altersklassen” des Musikgeschmacks ist gut gewählt.)

    Huflaikhan: ich frage mich, wie ein “Wunderkind” im Popbereich überhaupt aussehen könnte. Der arme Michael Jackson, der von seinem ehrgeizigen Daddy mit fünf Jahren auf die Bühne gestellt wurde, wurde damals von einigen “Journalisten” “Wunderkind” genannt - tatsächlich war es eine Form von Kindesmisshandlung, auch wenn MJ zweifellos Talent hatte. Aber ein “Wunder” war es ganz und gar nicht - sondern ein eklatanter Fall von Ausbeutung.

    Auch - und gerade - hochbegabte Kinder haben ein Recht auf Kindheit. Deshalb sind mir “Wunderkinder” auf allen Gebieten ziemlich suspekt.

  5. Sven Scholz Says:

    Der Anlass mag manchem “albern” erscheinen. Den dortigen Künstlern allerdings bestimmt nicht, ich denke, die nehmen das, was sie tun, durchaus ernst, ebenso wie die beteiligten Musiker - ich bin neugierig: ist das “albern” weils “U-Musik” ist, um die es da geht? Was wäre denn “relevant”? Chartplatzierungen? Was macht Musik denn “relevant”? Wer bestimmt denn was “albern” ist - und was “relevant”? Ich finde die Leute, die dort auftreten und das, was sie da tun sehr relevant und alles andere als albern. Und zwar genau deshalb, weil es für sie weder albern noch irrelevant ist. Und weil ich Musik - egal, ob “U” oder “E” - nicht für albern oder irrelevant halte. Vielleicht auch ein bisschen, weil ich selbst Musik mache. Und ziemlich das letzte, was ich mir vorstellen will, ist, gesagt zu bekommen wäre, dass etwas, das ich mit Herzblut und Leidenschaft tue, als “albern” oder “irrelevant” abgeurteilt würde… ;-)

  6. Lu Ping Says:

    Sehr klare Worte!
    Es gibt jedes Jahr eine Ausschreibung für Künstler bei den Gesellschaftern mit der Frage: In was für einer Gesellschaft möchte ich leben.
    Stell Dir vor, da dürfen sich nur Künstler bewerben, die jünger als 45 sind. Das ist ne Frechheit. Ich bin jünger als 45, aber hab das einst thematisiert und einen schicken Text zu meinem Bild geschrieben, weil das doch ein Unding ist. Da fragen die, in was für einer Gesellschaft man leben will, schließen aber sofort einen Teil selbiger aus. Hab natürlich nix gewonnen ;-) Aber kann nie schaden, wenn man, in welcher Form auch immer, darauf aufmerksam macht.

    Liebe Grüße
    Lu

  7. Karan Says:

    Das mit den alterslimitierten Ausschreibungen ist in der Musik ebenso (nur daß da die Altersgrenze meist bei 27 Jahren liegt… :-( )

  8. Sven Scholz Says:

    Wobei das daran liegt, bei der Musik, dass Musik als “Jugendding” gilt und deshalb nur über Jugendförderung Geld bekommt - was freilich bedeutet, dass, um Jugendförderung zu rechtfertigen, die Geförderten eben jene “magische” Grenze 27 “Durchschnittsalter” nicht überschreiten dürfen. Das ist also garnicht Kulturförderung, sondern schlichte “Jugendarbeit”. Denn Musik hat mit Kultur offensichtlich erst wieder was zu tun, wenn sie so alt wird, dass sie wieder “klassisch” geworden ist…

  9. MartinM Says:

    Hi Sven,

    ich versuche mal, dass, was ich mit “eher albern” und “irrelevant” meinte, etwas zu verdeutlichen

    Auf der persönlichen Ebene:

    Und ziemlich das letzte, was ich mir vorstellen will, ist, gesagt zu bekommen wäre, dass etwas, das ich mit Herzblut und Leidenschaft tue, als “albern” oder “irrelevant” abgeurteilt würde.

    Vieles, dass ich mit ziemlich großen zeitlichen Aufwand und auch mit viel Leidenschaft tue, ist, wenn ich mir gegenüber ehrlich bin, “albern” und “irrelevant”. Wie du weist, schreibe ich zur Zeit an einem Roman, von dem ich von Anfang an wusste, dass es ein Buch ist, dass die Welt nicht braucht. Ein albernes und irrelevantes Unterfangen - und inzwischen nicht mal ein “Spaßprojekt”. Seit meiner Schulzeit, die ja schon einige Zeit her ist, habe ich mir immer wieder die unbequeme Wahrheit anhören müssen, dass die Dinge, die ich mit viel Leidenschaft betreibe, sowohl für mein wohl verstandenes eigenes Interesse wie erst recht für andere völlig irrelevant sind. Das tut sicherlich weh, aber dadurch wird es nicht weniger wahr.
    Sagen wir mal so: das ist Zeitvertreib, vielleicht, in meinem Fall, Selbsttherapie. bestenfalls “Fingerübung” für wichtigere, relevantere Projekte.

    Allgemein: kulturelle Relevanz messe ich nicht an Chartplatzierungen - Popularität und wirtschaftlicher Erfolg sind da schlechte Maßstäbe. Mit “U-” oder “E-” Musik hat das auch nur am Rande zu tun - z. B. wird Jazz, eine der anspruchsvollsten Musikrichtungen überhaupt, ja eher der “U-” Musik zugeordnet. Und warum soll z. B. Rockmusik nicht relevant sein?

    “Gesellschaftlich oder kulturell relevant sein” heißt für mich: einen Unterschied machen - und zwar möglichst einen Positiven. ;-) Ein Sieg in einem Schlagerwettbewerb ist nach wenigen Monaten vergessen; kulturelle, gesellschaftliche oder politische Wirkung: Null.
    Daher halte ich z. B. die “Singvøgel” für - im bescheidenen Rahmen, aber immerhin! - relevant. Der Welt ist es aber egal, ob es eine weiteren historischen oder Abenteuerroman gibt - von den Dingern gibt es einige Kubikmeter in jeder Buchhandlung.
    Oder ein weiteres nett zu hörendes Liedchen. Das ist ganz hübsch, amüsant, aber es trägt nicht dazu bei, dieser Welt ein klein wenig weniger schlimm zu machen.

  10. Karan Says:

    Das Thema driftet allmählich zwar in eine völlig andere Richtung, aber in eine interessante! :-)

    Was braucht denn die Welt?
    Ich glaube, sie braucht jede/n, die/der eine Sache mit Herzblut betreibt. Egal was das ist. Da sind wir wieder beim Thema Authentizität und Leidenschaft.

    Und wenn dann dies passiert:

    Seit meiner Schulzeit, die ja schon einige Zeit her ist, habe ich mir immer wieder die unbequeme Wahrheit anhören müssen, dass die Dinge, die ich mit viel Leidenschaft betreibe, sowohl für mein wohl verstandenes eigenes Interesse wie erst recht für andere völlig irrelevant sind.

    dann steckt dahinter keine “Wahrheit”, sondern eine subjektive, persönliche Wertung irgendwelcher Leute, die halt einen anderen Geschmack haben, die vielleicht sogar (bewußt oder unbewußt) neidisch sind auf die kreativen Aktivitäten eines anderen und sie deshalb kleinreden.

    Kulturelle Relevanz entwickelt sich dann, wenn Menschen Feuer fangen und diese Flamme weitergeben. Das kann durchaus in einem ganz bescheidenen Rahmen sein. Das mißt sich nicht unbedingt an der direkten, nachvollziehbaren Wirksamkeit. Es gibt Feuer, die an einem ganz anderen Ort ausbrechen als dort, wo sie gelegt wurden.

    Ein “belangloses Liedchen” kann Menschen zutiefst kostbar werden, wenn es sich mit ihrer eigenen Biographie verbindet. Und so tatsächlich und buchstäblich ihre Welt “weniger schlimm” macht.

    Ein “Buch wie hundert andere” kann das lebenslange Lieblingsbuch werden, weil es Denkanstöße liefert, die ein beliebig anderes Buch zum selben Thema nun mal nicht enthält.

    Als Künstlerin sehe ich es nicht als meine Aufgabe, über meine eigene kulturelle Relevanz nachzugrübeln. Auch wenn das manchmal leider doch passiert, besonders in Zeiten, wo die ökonomische Relevanz mehr als prekär ist und der Fehlschluß einer Verknüpfung beider Aspekte verführerisch nah rückt. Urteile (auch und gerade über sich selbst) werden nämlich leicht zu Verurteilungen und damit zu bleischweren Hemmschuhen der eigenen Kreativität. DIE jedoch IST die Aufgabe. Der ich mich jetzt wieder zuwenden werde… ;-)

  11. Peter Says:

    Spannend. Vor allem das Thema “Relevanz”. Heute morgen las ich in einer Rezension eines Fantasy-Buches (sic!) (The Other Wind von Ursula K. Le Guin) die folgende Passage:

    “This is also a tale of how the small things, the common everyday life, is as meaningful, perhaps more important than magery. Le Guin is one author (read any of her other works) who I feel tackles the “ordinary” excellently, never neglecting it and weaving the small concerns intricately within the larger fantasy. Sitting in a garden, milking goats, and a meal of cheese, plums, and dry bread too are important in maintaining and restoring Earthsea’s equilibrium. The reader is constantly made aware that while more sweeping and grand things are happening in the world, while ancient powers awaken and clash, the domestic details too matter.”

    (Wer das Ganze lesen will: http://inkscrawl.blogspot.com/2006/07/book-review-other-wind-by-ursula-k-le.html).

    Ich finde, das illustriert (auf mehreren Ebenen) sehr schön, was du Karan, über “belanglose” Lieder und Bücher “wie hundert andere” schreibst…

  12. Sven Says:

    “Seit meiner Schulzeit, die ja schon einige Zeit her ist, habe ich mir immer wieder die unbequeme Wahrheit anhören müssen, dass die Dinge, die ich mit viel Leidenschaft betreibe, sowohl für mein wohl verstandenes eigenes Interesse wie erst recht für andere völlig irrelevant sind.” - und deshalb machst du das jetzt genauso? Willst du das wirklich so?

    Relevanz ist IMO eine Frage persönlicher Entscheidung, nicht ein passiv außerhalb stehendes Phänomen, das man quasi objektiv “feststellen” könnte. Etwas wird relevant, weil ich es (bestenfalls sogar bewusst) als relevant erachte. Oder irrelevant, weil ich es (schlechtestenfalls unbewusst auf Grund von Prägungen und anerzogenem Normverhalten) als solches erachte. Relevanz in BWL-Kennzahlen messen zu wollen oder per Expertendekret (egal ob Eltern, Lehrer, Kritiker oder Jury) ist IMO Unfug.

  13. MartinM Says:

    Es tut mir allmählich Leid, was ich hier lostrat, als ich nicht nur einfach schrieb: “Nehmt den Eurovisionsdingsbums nicht so ernst, wir haben wirklich dringendere Probleme.” - Wobei Altersdiskiminierung ja in der Tat ein ernstes Problem ist. Es wäre schön, wenn es dieses Problem “nur” in bei Schlagerwettbewerben gäbe.

    Relevanz ist eine Frage der anstehenden Probleme, was zwar auch bis zu einem gewissen Grade subjektiv ist, aber in den wirklich ernsten Fällen keine Frage der persönlichen Entscheidung ist. Wenn ich z. B. vor den Fragen stehe, wie ich meine Miete und mir etwas zu essen kaufen kann, dann sind diese Probleme, egal wie meine persönlichen Präferenzen aussehen, für mich von größter Relevanz.

    Es geht ja nicht um Geschmacksurteile - egal, ob es fremde oder eigene sind - sowohl um mein wohl verstandenes eigenes Interesse, wenn es darum geht, die Prioritäten in meinem Leben zu ordnen. Trägt das, was ich tue, dazu bei, meine Probleme oder die Probleme anderer Menschen zu lösen? Oder wenigstens dazu bei, ein Problembewusstsein zu schaffen, Verdrängung und Leugnen zu beenden, Lügen zu entlarven - eben Aufzuklären? Es gibt so viele Probleme, in meinem Leben, in der Welt, in meine Umgebung, dass ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich etwas tue, was nicht zum Problemlösen beiträgt - oder wenigstens hilft, meine persönlichen Probleme in den Griff zu bekommen.

  14. Dee Says:

    Only those who
    Greatness see in little things
    Worthy are the simple
    They’re happy in their ways
    Self will wither out of sight
    (running to the light by runrig)

    Das ist aus einem ‘Liedchen’ und setzt für mich den Punkt!
    Ich gehe da mit Karan und Sven konform, wie definierst Du Relevanz?
    Wenn Du auch nur einen Menschen mit dem was Du tust berührst, dann hat sich der ganze Aufwand meines Erachtens mehr als gelohnt. Du kannst niemals abschätzen, wie tief und einschneidend diese Berührung ist/sein kann…

    Meine bescheidenen 2 cents…

  15. MartinM Says:

    “Relevanz” - meine Sicht darauf ist sehr stark von der (Lebens-)Erfahrung, dass Resourcen knapp sind und der Notwendigkeit, Prioritäten setzen zu müssen, geprägt.
    Ich räume ein, dass der Schritt zur einem Primitiv-Utilitarismus - “das größtmögliche Glück - definiert als die Abwesenheit von Leiden - der größtmöglichen Zahl” - der dann keinen Raum mehr lässt für das kleine, individuelle Glück, da ja so viel Leiden zu lindern ist, verdammt klein ist. Mit einem ordentlichem Schuss “protestantischer Arbeitsethik” gepaart (die an sich ja nicht schlecht ist).

  16. MartinM Says:

    Und nun was zum Thema “Alter ist nur eine Zahl”.

    Ein nachgewiesenermaßen wirksames Rezept gegen (psychische und indirekt, über die psychosomatische Schiene, auch manche körperliche) Altersprobleme ist : “Lebe, als wärest du jung. Denke, du wärest du jung. Und dann bleibst du auch jung.” Ich sehe es z. B,.an meinem Vater, der mit 72 in mancher Hinsicht “jünger” wirkt, als er es mit 62 war. Überhaupt gibt es ja das Phänomen, dass viele Rentner heute in jeder Hinsicht “fitter” sind, als es vorangegangene Generationen in diesem Alter waren. (Was leider in den “Demographie”-Debatten meistens ausgeklammert wird - es sei denn, es geht darum, das Renteneintrittsalter heraufzusetzen.)

    Ich vermute, und nicht ohne Grund, dass es auch anders herum funktioniert. Wenn ich mich z. B. um eine Arbeitsstelle bewerbe, und dann regelmäßig mitbekommen, dass ich für “zu alt” gehalten werde, dann *fühle* ich mich auch alt. Auch die mehr als große Wahrscheinlich, dass mich, wenn ich so alt wie mein Vater sein werde, nichts als die Altersarmut erwartet, trägt nicht gerade dazu bei, mich “jung” und “dynamisch” zu fühlen. Ich träume daher oft davon, ein *wirklich* relevantes Buch zu schreiben, eines jener Werke, die die Welt verändern, ein Buch, das noch in 300 Jahren gelesen wird - und wenn ich das Wort “Ende” tippe, auf der Stelle tot umzufallen. Dann habe ich nicht umsonst gelebt, und brauche mich auch nicht mehr von einem Alter in Armut, Einsamkeit und Verachtung zu fürchten.

    Ja, und dann gibt es ja leider nicht wenige Menschen, die schon mit “20″, spätestens mit “30″ “innerlich alt” sind - die nichts mehr vom Leben erwarten. Wer aber nicht mehr viel von seinem Leben erwartet, dem sind ungesunde Angewohnheiten, wie Rauchen & Trinken, schlechte (zu fette, zu süße) Ernährung, mangelnde Bewegung und geistigen Stillstand (vor allem letzterer!) egal.
    Gibt man Menschen zu verstehen, dass sie zum “alten Eisen” gehören, dann werden sie sich, vermute ich, kurz über lang für “altes Eisen” halten. Und das ist das eigentliche Problem, wenn nur sehr junge Künstler in so einem Schlagerwettbewerb Chancen bekommen.

  17. Sven Says:

    Solange ich mich immer umschaue, sobald wer “Herr Scholz” sagt, weil ich mich nicht angesprochen fühle und ich mich jedesmal dann, wenns nicht anders geht (geschäftlich o.ä.), zwingen muss, mich nicht mit “Sven” sondern mit Nachname vorzustellen habe ich in diesem Punkt wohl kein Problem ;-)

  18. eule70 Says:

    Ich, in Zahlen seit 76 Jahren auf der Welt, habe diese Diskussion mit großem Interesse gelesen. Zum Thema “Relevanz” will ich jetzt nichts sagen, sondern zum Thema “Alter”.
    Ich kann nämlich mit der Art, wie die Begriffe “alt” und “jung” meist gebraucht werden, nämlich als Qualitätsmerkmal, nichts anfangen, genauer gesagt, ich ärgere mich darüber.
    Ich bin in Jahren alt, und ich fühle mich keineswegs jung, sondern alt, denn: in 76 Jahren hat man eine ganze Menge Erfahrungen, Wissen, eigene Persönlichkeitsentwicklung angesammelt, die eine 20- oder 40jährige nicht haben kann. Ich finde es deshalb ausgesprochen dumm, wenn man mir sagt (und das noch als Kompliment sieht): “Sie wirken aber bedeutend jünger!” Nein, verdammt, ich will nicht jünger wirken, sondern genau so alt wie ich bin mit all dem was ich an Erfahrung angesammelt habe.
    Der Fehler ist, “jung” mit “stark” und “alt” mit “schwach” gleichzusetzen. Das mag in der Jäger- und Sammlerinnen-Gesellschaft der Altsteinzeit gegolten haben, als die rein körperliche Stärke oder Schwäche ausschlaggebend war, aber in unserer technisierten Gesellschaft ist das doch irrelevant. Ich habe die klare Erfahrung gemacht: mit zunehmendem Alter wird man geistig und seelisch stärker, und das ist, was zählt.

  19. Karan Says:

    Liebe Eule, ich danke Dir für diese Worte, besonders für den letzten Satz!

    Woher kommt dann also dieser “Jugendwahn”? Denn vorhanden ist er ja.

    Mir kommt der Verdacht, daß die Stärke des Alters offenbar einigen Angst macht…

  20. MartinM Says:

    Woher kommt dann also dieser “Jugendwahn”? Denn vorhanden ist er ja

    Mir fällt, aus eigener Arbeitslebenserfahrung ein: ein 20-Jähriger kann ohne Weiteres bis nachts um zwölf Mehrarbeit leisten - und morgens trotzdem (wenn auch zerknittert und missgelaut und müde) um 8 wieder auf der Matte stehen.
    Zweiter Punkt: Mit 20 ist man noch unerfahren. Ist lenkbar. Hat in der Regel noch keine Familie und keine “Wurzeln” geschlagen. Ein 20-jähriger (buzzwordalarm) ist flexibel.

  21. Sven Says:

    @Martin: Auch ist natürlich ein Klischee, das mit der Realität nichtsa zu tun haben muss. Ich arbeite z.B. ebenfalls manchmal länger (auch mal mehrere Tage hintereinander), und ich halte oft dabei länger durch und bin “belastbarer” als so mancher meiner jüngeren Kollegen, und über einen Mangel an “Flexibilität” kann man bei mir wohl auch nicht sprechen. Und ich habe 15-20 Jahre jüngere Kollegen, die sich nicht mehr - oder noch nie - vorstellen können/konnten, auch nur die Hälfte dessen, was man bei mir als “Flexibilität” bezeichnen könnte, umzusetzen, Auch das hat also nichts mit dem Alter zu tun.

  22. eule70 Says:

    Gestern habe ich vergessen: Ich möchte noch etwas zu Sven sagen, der zur Frage, dass es 20jährige gibt, die innerlich “alt” sind, meint: “Solange ich mich immer umschaue, sobald wer “Herr Scholz” sagt, weil ich mich nicht angesprochen fühle und ich mich jedesmal dann, wenns nicht anders geht (geschäftlich o.ä.), zwingen muss, mich nicht mit “Sven” sondern mit Nachname vorzustellen habe ich in diesem Punkt wohl kein Problem”:
    Das ist genau der Punkt, dass manche Jungen, nicht merken, dass Älterwerden Stärkerwerden bedeutet. Im deutschen Arbeitsleben (anders als in der Blogosphäre :-)) gilt die Anrede mit dem Vornamen für Kinder und Jugendliche, die man noch nicht für voll nimmt. Erwachsene, redet man mit Herr oder Frau und dem Nachnamen an. Wenn man Dich nicht mehr mit “Sven”, sondern mit “Herr Scholz” anredet, heißt das nur, dass Du als Erwachsener voll und ernst genommen wirst. Willst Du denn ewig kindlich bleiben? Ab einem gewissen Alter ist “kindlich” nicht “jung”, sondern kindisch…
    Über dieses Phänomen gibt es noch mehr zu sagen, politisch ziemlich interessant. Ich will das in meinem Blog mal aufgreifen.

  23. Karan Says:

    Das ist aber auch eine Frage der Umgebungskultur. Ich habe ja eine Weile in England gelebt, und da war es so, daß sich alle (quer durch die institutionellen Hierarchien) mit dem Vornamen angesprochen haben. Was ich erst als sehr ungewohnt, dann als sehr angenehm empfand. Die “Rangordnung” blieb dabei übrigens unangetastet, aber gewisse Distanzen, die hier auf dem Kontinent - wie ich finde im Übermaß - gepflegt werden und die ich oft als prätentiös erlebe, kamen da gar nicht erst auf.

    Seit ich wieder in Deutschland bin, habe ich übrigens gewisse Probleme mit der Anwendung von “Du” und “Sie”; ich bin da oft übervorsichtig, zumindest unsicher geworden. Bin wohl doch im Herzen Insulanerin geblieben… ;-)

  24. eule70 Says:

    Ja, bei der Anrede gibt es viele Unsicherheiten, besonders in anderen Ländern. Als ich in England an Unis wegen meiner Diss. mit Profs und Assistenten sprach, ging auch alles per Vornamen, aber als ich dann meinen Bedankungsbrief an “Dear Peter” geschrieben hatte, erfuhr ich später, dass das doch falsch war; schriftlich war er immer noch Professor…
    Aber hier ging es mir ja nicht darum, wie man andere anredet, sondern um die eigene Selbsteinschätzung.

  25. Karan Says:

    Das Thema “Jugendwahn” hat in Eules Weblog einen schönen Zweig getrieben; ich schreibe meinen Beitrag aber hier auch mal hin, denn er bezieht sich ja ebenfalls auf Obiges.

    Mit der “geistigen Verwahrlosung” hast Du absolut recht; da sind wir schon wieder bei einem kulturellen Problem. Wenn Kultur als Gesamtheit, also auch sämtliche Facetten, die man als “geistige Werte” bezeichnen kann, nur noch unter den Maßstäben des Monetären behandelt werden und in diesem Kontext jegliche Relevanz verlieren, sind es die Ackermänner mit ihrem verantwortungslosen Gebaren, die das Ruder an sich reißen…

    Die Sitten und Gebräuche, etwa von Anreden, würde ich persönlich damit jedoch nicht in Zusammenhang setzen. Ich denke, wir haben es hier mit einem Globalisierungsphänomen zu tun, mit der Übernahme anglo-amerikanischer Verhaltensweisen in diesem Fall. Und in diesem Kontext hat Sven dann wieder recht (und ich erlebe das selber auch, in gewissen Feldern des Musikbusiness): da wäre die Anrede mit “Herr Soundso” oder “Frau Soundso” dann schon fast ein Affront.

    Was die Verhältnisse zwischen Alt und Jung angeht, so ist es mehr als überfällig, die Stärken des Alters (Erfahrungshorizont! Seelische Kraft!) wieder gesellschaftlich wirksam zu machen. Nur kann das nicht verordnet werden, sondern muß sich selber aktiv sichtbar und spürbar machen. Du trägst da mit Deinem Weblog übrigens selbst dazu bei… Früher (in the very olden days) war’s ja ein hierarchischer Automatismus: Alter bestimmt, Jugend schweigt. Irgendwann ist das dann in’s Gegenteil gekippt; die Zeitläufte der Geschichte haben da das ihre beigetragen.

    Politisch ist es ja durchaus kommod, die beiden Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen, das wird denn auch sattsamm getan. Und flugs von anderen Gesellschafts-Feldern, eben auch der Unterhaltungsindustrie, übernommen. Aber häufig geht diese Rechnung eben nicht mehr auf, und das ist gut. Solange es aber genügend Menschen gibt, die mit dem Jugendwahn (und der Abschiebung des Alters) richtig Kohle machen, wird insgesamt aber wohl noch ein weiter Weg zu gehen sein…

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