Alles nur kopiert?
14. Februar, 2010 @ 15:56 | Kultur & Kontext, Liederschreibseln, Öffentliche Ärgernisse |
Es gibt nur zwölf Töne.
Es gibt nur 26 Buchstaben.
(Zumindest hier in unserem hiesigen westeuropäischen Kulturkontext.
)
Was also ist Originalität?
Das ganz Neue, nie zuvor Dagewesene?
Das völlig Unerwartete, jeglichen Rahmen Sprengende?
Solches existiert, aber es ist rar - und auch nicht unbedingt entscheidend originell.
Originell wird ein Kunstwerk, indem es das Eigene sagt. Berührend wird ein Kunstwerk, indem es denjenigen, der es wahrnimmt, an sein Eigenes erinnert. Wir sind alle Individuen (auch wenn manche “ich nicht” schreien
). Und wir teilen gleichzeitig unsere menschlichen Grundstrukturen, auch die kulturellen.
Inspiration ist nicht nur natürlicher Teil, sondern Voraussetzung jeglichen kreativen Ausdrucks. Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen.
Hätte Rainer Maria Rilke nicht gelebt, gäbe es wahrscheinlich kein einziges meiner Gedichte, zumindest nicht in dieser Form. Denn Rilke hat mich zutiefst inspiriert. An seinen Versmaßen, seinen Wortfindungen habe ich mich geschult. Über lange Jahre, bevor ich überhaupt selber eine Silbe auf das Papier brachte.
In der klassischen Musik gibt es eine wunderbare Form, “Variationen über ein Thema von…” Hier wird ein musikalisches Motiv eines anderen Komponisten aufgegriffen, variiert, in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht. Immer ist dabei der Ursprung benannt und bekannt. Trotzdem handelt es sich bei den Variationen um ein völlig eigenständiges Werk.
Ich kann mir durchaus vorstellen, mal eine lyrische Variation über rilkesche Motive zu schreiben. Oder Songtexte von KollegInnen aufzugreifen und deren Thema in eine andere Richtung weiterzuspinnen. Bei beiden Aktivitäten wäre es mir aber eine Selbstverständlichkeit, die Inspirationsgeber zu benennen.
So und nicht anders funktioniert auch das heute vielzitierte “Copy/Mix/Share”.
In der aktuellen Rezeption werden aber oft nur zwei Extreme wahrgenommen: entweder wird eine Originalität postuliert, die überhaupt nicht existieren kann (denn, wie gesagt, es gibt nur zwölf Töne), oder es wird gleich behauptet, daß eh alle Autoren/Komponisten etc. “nur voneinander abschreiben” und Originalität im eigentlichen Sinne (was soll der dann überhaupt sein?) sowieso unmöglich ist.
Das ist mir beides zu eng gedacht. Und außerdem unlogisch. Denn irgendwo muß das Schreiben ja begonnen haben…
Die aus dem Geniekult der frühen Moderne geborene Attitüde “alles künstlerisch Wertvolle ist kontextloses Original” ist also ebenso Unfug wie “alles ist Kopie”.
Und ich weigere mich vehement, mich in einen dieser beiden überflüssigen Töpfe werfen zu lassen.
Zwischen der absoluten Eigenschöpfung und dem Plagiat liegt eine riesige Bandbreite. Es gibt unerhört Neues, es gibt eigenständige Werke, in denen die Einflüsse anderer deutlich sicht- und spürbar sind, und es gibt Kopien ohne nennenswerte eigene Schöpferkraft. Die Unterschiede sind erkennbar. Das Ganze ist also nicht beliebig, nur weil es kaum ein Schwarz oder Weiß gibt, sondern eine schattierte Grauzone.
Wer sich allerdings nicht die Mühe macht, sich seiner eigenen Ansprüche als Rezipient bewußt zu sein, dem kann man wirklich alles andrehen. Wohl bekomm’s!
(Als Künstlerin habe ich natürlich auch Ansprüche, unter anderem eben den, das, was ich aus einer Quelle schöpfe, mit meinem eigenen Aroma zu versehen, bevor ich es weiterreiche… Dazu gehört natürlich auch die Nennung meiner Quelle. Und das eigene Aroma wird die Hauptfarbe, der Geschmacksträger sein, nicht nur ein Hauch von Gewürz.)
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Ergänzung und Erklärung: ich schrieb dies, weil ich (wieder einmal) vernehmen mußte, daß wir Autoren ja doch nur alle voneinander abschreiben - ein beliebtes Scheinargument dafür, unsere Werke für “nicht schützenswert” zu erklären. Oder gleich für “nicht wert”?
Wer so argumentiert, erklärt meine Arbeit für wertlos. Das ist nicht nur eine totale Frechheit, die ich sehr persönlich nehme, sondern auch eine Haltung, gegen die ich mich aktiv zur Wehr setze.
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Ergänzung Nummer zwei:
Die berühmte “Causa Brecht” (Villon-Plagiate ohne Referenz) wird ja gerne als Rechtfertigung herangezogen. Nur, weil jemand Berühmtes plagiiert hat, soll es allgemein akzeptabel sein? Nö.
Niemand würde auf die Idee kommen, z. B. die Tat eines Bubi Scholz aufgrund seiner Berühmtheit für annehmbar und beispielhaft anzusehen… Das gilt für Brecht ebenso. Nur war’s in dessen Fall halt kein Kapitalverbrechen.
Aber richtig war es nicht, geschweige denn vorbildlich. Einzig, weil jemand mit so etwas durchgekommen ist, heißt es nicht, daß es dann automatisch ok ist.
 
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Februar 14th, 2010 at 18:13
Mal für Leute die noch ned ganz da sind (z.B. weil grad aufgewacht und Denkaparillo is noch ned voll da):
Hat nu einer von Dir “geklaut” oder hat Dir einer vorgeworfen, daß Du “Geklaut” hast?
oder Variante c.: Gibt es einen anderen Grund warum Du “sauer” bist?
LG
Kai
Februar 14th, 2010 at 18:23
Es gab eine längere Grundsatzdiskussion. Anlaß war der Fall Hegemann. Da fiel die verallgemeinernde Aussage, daß doch “alle sowieso nur voneinander abschreiben” als Rechtfertigung für den aktuellen Plagiatsfall.
Februar 14th, 2010 at 18:55
Ja, Karan, das ist ja das Problem: dass Denken in Gegensätzen ohne Zwischentöne - “Eigenschöpfung aus dem Nichts” gegen “alles ist beliebig nutzbarer Steinbruch”. Wobei ja diesen beiden konträren Auffassung oft eine gemeinsame Idee (oder vielleicht schon Ideologie?) zugrunde liegt: die Idee, dass “geistiges Eigentum” etwas Statisches ,quasi-Materielles ist, “das Erdöl des nachindustriellen Zeitalter”). Die Gedankenwelt der großen Medienunternehmen, vieler Politiker, der Abmahnanwälte - und der GEMA - aber auch die Gedankenwelt der Rechteverletzer und Kreativitätgeringeschätzer.
@Kai, was Karan erlebt hat, weiß ich natürlich nicht, aber für mich ist die aktuelle Debatte, angeregt durch ein - bei Licht besehen - Skandälchen (ich meine den Fall Hegemann) Anlass genug, mal über solche Fragen grundsätzlich nachzudenken. (z. B. neulich in meinem Blog: http://martinm.twoday.net/stories/6184094/ ).
Zumal jeder Texter, Komponist oder auch Schreiber jederzeit potenzielles “Opfer” - aber auch potenzieller “Täter” ist.
Von mir ist tatsächlich schon “geklaut” worden - sowohl Zeichnungen wie Texte. Wobei meine Bilder und Texte sogar unter einer großzügigen CC-Lizenz stehen, die nur die Nennung der Quelle verlangt und kommerzielle Nutzung untersagt (und selbst die ginge in Ordnung, wenn man mich vorher fragt und ggf. honoriert.) Wobei ich über private Homepagebastler oder andere Blogger, die mal eine Namensnennung vergessen, nicht sauer bin. Sauer bin ich aber über Institutionen und Unternehmen, die weder Fragen noch die Quelle nennen, noch - etwa bei Einsatz einer meiner Zeichnungen für Werbezwecke - honorieren.
Da ich aber weder das Geld habe, einen Anwalt einzuschalten, noch Lust und Energie für Streit um - so sehe ich es - Lapalien habe, belasse ich es bei freundlichen Briefen / EMails. Denn ich so toll ist es um die “Schöpfungshöhe” meiner Amateur-Zeichnungen und -Texte nun wirklich nicht bestellt.
Ja, und den Vorwurf, dass ich “geklaut” hätte, dem begegne ich regelmäßig - und ich frage mich eben so oft, ob diese Vorwürfe vielleicht berechtigt sind (nicht vom Urheberrechlichen gesehen, da mache ich mir wenig Sorgen, aber von der Ethik her).
Februar 15th, 2010 at 20:27
Martin: auf die Gefahr hin mich mal wieder vor Dir als “assi” der Nebelkerzen zündet zu outen: Ich habe keine Ahnung wer Frau Hegemann ist oder was da für eine “aktuelle” Diskussion derzeitig stattfindet.
Deinen Zusammenhang mit der Ethik könnte ich wahrscheinlich (davon gehe ich bei Dir einfach mal aus) nachvollziehen, wenn ich Deinem Link folgen würde und einfach mal durchlese was Du Dir für Gedanken gemacht hast zu dem Thema. Im Moment kann ich es jedenfalls nicht. Für mich ist der von Dir hier hergestellte ZUsammenhang zur Ethik ungefähr genauso “fremd” wie der von der Politik hergestellte Allgemeine Zusammenhang zwischen Linksextremismus und Islamismus. Das passt nach meinem empfinden nicht wirklich in einen Topf.
Andererseits kenne ich Dich nur als eine Person, die , bevor sie etwas schreibt, jedes Wort mindestens dreimal durch und quergelesen hat ob da auch nur ein klitzekleines bischen zu viel an emotionalem Bezug drin stecken könnte, was tatsächlich (egal ob meine Einschätzung nun korrekt ist oder nicht) in meinen Augen die Ursache darstellt für unser beider *wie soll ich sagen* mitunter “fröstelnde” Umgangsform.
Mal sehen. Ich sehe mal zu das ich irgendwann die Luft habe mir Deine Gedanken zu dem Thema durchzulesen, wenn ich in der dafür passenden Stimmung bin. (Um Deine trockenen Texte geniessen zu können muss ich ziemlich gut gelaunt sein und gleichzeitig Lust auf sich hineinsteigernder Logikketten und Mammutsätze *genauso wie bei Sven*. Da Du aber nicht mein Bruder bist hast Du da natürlich nicht den “Bruderbonus” das ich mir da auch mal in halben Zuständen die Mühe mache. (Nothing personal))
Ansonsten hat mir Karan ja den Ursprung der Geschichte schon erklärt und ich konnte es so nachvollziehen. Trotzdem Danke für Dein Feedback.
Februar 15th, 2010 at 22:47
Die Argumentation, die da allenthalben zu hören/lesen ist, dass doch eh “alle kopieren” entbehrt nicht einer gewissen Komik, als dass eine solche ähnlich direkt aus dem Sandkasten im sozialen Umgang noch ungelenk und ungeschult argumentierender kleiner Kinder zu kommen scheint wie ich das Verhalten einer Hegemann ebendorthin (und auf dieses Niveau) verorten muss: so etwa mit 5-6 Jahren beginnt beim durchschnittlichen Kind die Erkenntnis, dass Respekt vor der eigenen Person, den eigenen Wünschen (Jetzt Pudding, das Schäufelchen des anderen) und dem eigenen Besitz (Sandförmchen, Matchboxautos, etc.) vom anderen einzufordern keine Einbahnstraße und auch keiner Selbstverständlichkeit im Sinne eines kindlichen egozentrierten Egoismusses ist sondern jedes Einfordern eben auch zu einem Gewähren verpflichtet. Zunächst aus Berechnung “Wenn ich meinen Kram vom Tisch räume krieg ich Pudding”, später dann, spätestens so ab 10-12, durchaus auch aus ethischer Überzeugung und Gerechtigkeitsempfinden.
Eine Argumentation, die offensichtlich ein Tun zu rechtfertigen versucht, indem auf eine Logik eines Niveaus zurückgegriffen wird, das normalerweise mit 5 bzw. 12 Jahren überwunden sein sollte (”Aber der anderere macht das auch” und “ich will aber jetzt Pudding , aber ich habe keine Lust, meinen Abfall vom Boden aufzuheben”) zeigt ziemlich genau, wo der Bildungsnotstand am größten ist: bei den humanistischen Werten, bei der sozialen Kompetenz und bei der emotionalen Intelligenz. So ist das wohl, wenn nur noch ausgebildet wird und nicht mehr gebildet (denn das wäre ja “Kultur”, und was die Wert ist … naja, da schließt sich dann der Kreis). Da hat es sich wohl schnell mal aus-gebildet. Schade.
Februar 15th, 2010 at 23:22
(hoffe, der Kommentar macht irgendwie Sinn, nach 13h Arbeit ist der Kopf nur noch bedingt stringent… :-D)
Februar 15th, 2010 at 23:25
@Sven: Nicht nur “irgendwie”, sondern sehr…
Februar 16th, 2010 at 00:19
@ Kai: ersetze in “(nicht vom Urheberrechlichen gesehen, da mache ich mir wenig Sorgen, aber von der Ethik her)” einfach “Ethik” durch “fairen Gebrauch von fremden Ideen”.
Es ist nämlich nicht alles in Ordnung, was urheberrechtlich durch ginge (so wie es im Urheberrecht Regelungen gibt, die IMO alles andere als “fair” sind).
@Sven: gut formuliert! Genau so sehe ich es - Helene Hegemann ist nicht “frühreif”, sondern “unreif” - jedenfalls in Hinblick auf ihre Ethik. Aber woher soll sie das auch gelernt haben, denn offensichtlich sind diejenigen, die sie zum “Wunderkind” hochhypten - einschließlich ihres Lektors und vielleicht aus ihres Vaters - genau so un-kultiviert.
Februar 16th, 2010 at 13:38
Ah. Ok. Danke Martin. Der Hinweis hat tatsächlich geholfen. Kann nun die Intention Deiner Aussage nachvollziehen. Fairness ist tatsächlich eine Eigenschaft, die kontinuierlich “aberzogen” wird bzw. kann man recht einfach, wenn man zu faul ist sein Denkdings zu benutzen, zu der Schlussfolgerung gelangen, daß das nicht nur überholt ist (im Sinne von aus der “Mode”), sondern man auch extreme Nachteile hat, wenn man daran festhält.
Februar 17th, 2010 at 00:28
Danke für diesen gut geschriebenen, intelligenten Artikel.
Ich hadere ebenfalls oft mit mir selbst, inwieweit meine Kunst “eigen”, “originell”, “besonders” ist.
Als eher vorsichtige Natur tue ich mich auch oft schwer, den Grat zu finden zwischen dem, was ich will und was andere wollen/erwarten.
Nun ja, jedem das Seine…
Liebe Grüße,
Denise
Februar 19th, 2010 at 13:51
Das “Aufgreifen”, “Weiterspinnen”, “Entwickeln” ist doch ohnehin der einzig lebendige Weg.
Kollaboration statt Konfrontation.
Anständig zitieren ist ein Gebot von Höflichkeit.
Claims abstecken ist ohne Zukunft.
Februar 19th, 2010 at 17:10
Jepp. Aufgreifen, Weiterspinnen und Entwickeln ist nun mal was ganz anderes als plumpes Abschreiben, noch dazu ohne Quellenangabe. Da fehlt dann schon ein bissl mehr als “nur” Höflichkeit (die wichtig genug ist)…
Februar 20th, 2010 at 11:53
Die, aber leider auch nicht so seltene Variation des Problems ist es, aufgrund einiger wager Übereinstimmungen ein Plagiat zu behaupten. Dahinter steckt, fürchte ich, etwas anderes als der Genie- und Originalitätskult.
Rowling’s being sued for plagiarism again: http://nielsenhayden.com/makinglight/archives/012205.html#012205
Hinter solchen dreisten Versuchen steckt vielleicht auch ein Begriff vom “geistigen Eigentum”, der auf das “Prioritätsprinzip” abhebt, wie es z. B. bei Erfindungen und Entdeckungen, die unter Umständen ja mehrmals unabhängig voneinander gemacht werden, gilt: wer (zeitlich) zuerst kommt, mahlt zuerst (und alle anderen haben zu zahlen).