Barbara Clear…
29. Juni, 2009 @ 07:16 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
… ist kein “kleiner Fisch”. Sondern eine anerkannte Künstlerin, die es schafft, ihre Musik ausgesprochen kreativ im Alleingang zu vermarkten. GEMA-Mitglied wurde sie allerdings trotzdem, was beim Umfang ihrer Aktivitäten auch ausgesprochen sinnvoll erschien. Daß dieser Schein trog, erwies sich bei der Ausschüttung: statt eines rechnerisch erwartbaren Betrages von € 27 000 (wohlgemerkt: für Einzahlungen von über € 65 000 an GEMA-Gebühren!), erhielt sie nur € 5000.
Barbara Clear fackelte nicht lange und verklagte die GEMA. Was bei dieser Sachlage ja auch ziemlich erfolgversprechend erschien.
Nun ist das Urteil gefallen:
“Es wurde entschieden, daß ich keinerlei Anspruch auf den von mir geforderten Betrag, genauer: überhaupt keinen Anspruch habe. Denn: “Ein etwaiger Zahlungsanspruch ergibt sich nicht aus den zwischen den Parteien geschlossenen Berechtigungsvertrag”, sagt das Gericht. Bedeutet im Klartext, ich habe für meine eigenen Werke nichts zu fordern und zu wollen, dafür gibt es keine rechtliche Grundlage. Die Gema kann mir was bezahlen, aber ob, wie, wann und in welcher Höhe, ist Sache der Gema, aber jeder Veranstalter, jeder Sender und ich als Veranstalterin meiner eigenen Konzerte und Musik sowie als Produzentin meiner eigener Songs haben pauschal an die Gema zu bezahlen, was immer sie auch fordert. (…)
Begründet wird das alles mit schier unglaublichen Konstruktionen und Begründungen wie zum Beispiel, daß es mich nichts angeht und ich auch keine Ansprüche haben kann, wenn ein Veranstalter für mein Konzert und meine Musik Geld an die Gema bezahlt. Das Gericht schreibt: “Das Rechtsverhältnis zwischen der Gema und dem jeweiligen Veranstalter ist streng von dem Rechtsverhältnis zwischen Barbara Clear und der Gema zu trennen. Eine Vermischung dieser Rechtsverhältnisse entsteht auch nicht dadurch, daß Barbara Clear auf Veranstaltungen aufgetreten ist bzw. auf der Veranstaltung Musikwerke von Barbara Clear gespielt wurden.” Heißt wohl ganz allgemein, die Veranstalter laden Geld über Geld in die Gema-Kasse, wohlgemerkt in die Kasse, die für die Rechte der Komponisten und Texter gefüllt werden soll, und der Künstler, Komponist und Texter bekommt aus dieser Kasse das, was die Gema für richtig befindet - Ansprüche hat er nicht.
Ich spiele also 100 Konzerte mit meinen Kompositionen und Texten, der Veranstalter zahlt für die 100 Konzerte 30.000 bis 50.000 Euro an die Gema, und ich habe keinen Anspruch, den ich formulieren kann oder darf. Vielleicht vergütet mir die Gema nach ihrem System und Gutdünken 100, vielleicht 1000 Euro, vielleicht auch 5000 Euro, was auch immer. Und der Rest der Einnahmen, die durch meine Songs entstanden sind, fließt irgendwo hin, keiner weiß es - außer der Gema. Wenn das keine Ausbeutung ist, was denn dann. Und nun auch noch dokumentiert. Die Gema und ihr staatlicher Auftrag, sich um die Rechtewahrnehmung von Komponisten und Texter zu kümmern, bedeutet also nach meiner Meinung: Kassiere mit diesen Dir übertragenen Rechten so viel und wo’s nur geht ab, und füttere die, die Du füttern willst. Und keiner kann Dich wegen solch willkürlicher Umverteilung angreifen.”
Barbara Clear würde gerne in Berufung gehen, aber der verlorene Prozeß hat bereits so viele Kosten auflaufen lassen, daß sie nicht weiß, ob sie das überhaupt kann.
Tatkräftige Unterstützung per Geld im Briefumschlag geht an:
Barbara Clear
Hofer Strasse 3b
94113 Tiefenbach
Was kann noch getan werden gegen diese Impertinenz?
Natürlich immer noch: die Petition unterzeichnen!
Noch-GEMA-Mitgliedern kann man unter diesen Umständen tatsächlich nur zum Austritt raten. Umgehend und massenhaft. Wenn über 50 000 “angeschlossene” und “außerordentliche Mitglieder” zahlen und 3000 “ordentliche Mitglieder” den Löwenanteil des Profits abschöpfen, dann ist das Ausbeutung. Und sonst nichts.
Es ist eigentlich ganz stimmig, daß sich die GEMA ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in der über Urheber- und Verwertungsrechte heiß diskutiert wird, derartig bis zur Kenntlichkeit demaskiert.
Auf die meisten politischen Instanzen in diesem Staat setze ich, ehrlich gesagt, nicht mehr viel Hoffnung. Dennoch habe ich mir einen Funken Zuversicht bewahrt, daß die dringend fällige, auch in der Petition geforderte Überprüfung und Reform dieser AusbeutungsVerwertungs-Gesellschaft sie entweder zerschlägt, oder endlich zu dem macht, was ihr eigentlicher Sinn und Zweck wäre und in früheren Dekaden ja auch tatsächlich einmal war: zu einer Institution, die Künstlerinnen und Künstler bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützt.
 
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Juni 29th, 2009 at 08:33
die haben doch den arsch offen….
vielleicht sollte man versuchen, als E-Musik durchzugehen, das ist viel billiger wie´s scheint.
http://de.wikipedia.org/wiki/E-,_U-_und_F-Musik#E-Musik
http://www.gema.de/fileadmin/inhaltsdateien/musiknutzer/tarife/tarife_ad/tarif_e.pdf
Juni 29th, 2009 at 09:00
Nach dem Motto “teile und herrsche” wird im deutschen Kulturbetrieb die (nur in diesem unserem Lande gepflegte) Trennung zwischen “E”- und “U”-Musik immer noch aufrechterhalten.
Wären die Begrifflichkeiten “ernste Musik” und “Unterhaltungsmusik” nicht entlarvend genug für den verquasten Kulturbegriff einer pseudointellektuellen Minderheit, setzt die Ungleichbehandlung seitens der GEMA dem Ganzen noch die Krone auf.
Als E-Musik durchgehen funktioniert übrigens nicht: “Zweifelsfälle”, und das sind gar nicht so wenige, landen vor einer Kommission, die dann entscheidet. Die Kriterien wüßte ich gerne mal…
Es ist wirklich vieles im Argen in der hiesigen Kulturwirtschaft. Aber zum ersten Mal habe ich den Eindruck, daß das Thema in großem Umfang aufgegriffen wird. Und das ist höchste Zeit.
Juni 29th, 2009 at 09:47
Wie absurd die erstaunlich selten hinterfragte Unterscheidung zwischen “E-” und “U-”Musik ist, wird einem klar, wenn man sie einfach mal im Gedankenexperiment auf Literatur, Filme oder bildende Kunst anzuwenden versucht: “Dieser Neo Rauch hier ist ein ernstes Gemälde, während dieses Bild von Georg Pratt ein Unterhaltungsgemälde ist.”
(Gut, es gibt z. B. die ebenfalls pseudointellektuelle Unterscheidung zwischen “Trivialiteratur” und “Hochliteratur”, oder die zwischen “reiner Kunst” und “Gebrauchskunst”, aber das macht zum Glück niemand am Unterhaltungscharakter fest.)
Juni 29th, 2009 at 14:03
[...] http://www.troubadoura.de/index.php/barbara-clear/ [...]
Juni 29th, 2009 at 14:08
Das einfachste: Frau Clear zieht sich aus der GEMA zurück und sorgt dafür, dass auch andere Musiker das gleiche tun.
Juni 29th, 2009 at 14:16
Ich hoffe, ehrlich gesagt, auf einen Massenaustritt…
Verwertungsgesellschaften sind ja nicht per se schlecht. Es gibt welche, die ganz unbürokratisch eine gute Arbeit leisten. Wenn es möglich ist, die GEMA auch zu so einer zu machen - prima. Wenn nicht: dann brauchen wir sie auch nicht mehr.
Juni 29th, 2009 at 19:10
Wobei das mit dem Austreten scheinbar garnicht sooo einfach ist, wenn man mal drin ist. Es geht da wirklich um Leib UND Seele, am Ende, scheints…
Juni 29th, 2009 at 19:13
Das ist ja eine unglaubliche Frechheit, die sich die GEMA und der Staat die diesen fragwürdigen Verein beschützt. Anders als schamlose Ausbeutung kann man das ganze gar nicht bezeichnen.
Vor diesem Hintergrund wirkt es krotesk, dass einige Musiker Angst vor einer Reformierung des Themas “Urheberrecht und GEMA” haben und deshalb die Piratenpartei skeptisch beäugen.
Es stimmt schon: Wenn die Piraten wirklich nur “kostenlos Musik kopieren” wollen, wie es die Medien verbreiten wollen, dann wäre das die richtige Reaktion. Ich habe Familienmitglieder, die puplizieren und komponieren. Daher weiß ich schon, dass die Künstler mit ihrer Arbeit Geld verdienen müssen. Aber die Piraten machen sich tatsächlich Gedanken über eine neue Verwertungsstrategien, die gerecht sind. Anders als alle anderen Parteien übrigens. Und vom derzeitigen System erwartet eigentlich niemand mehr sowas wie “Gerechtigkeit”.
Vielleicht sind die Ideen der Piraten noch nicht so wasserdicht und ausgereift, aber immer noch besser als das da. Das ist wirklich meine Meinung. Und man kann und soll im Wiki der Piraten auch aktiv mitarbeiten um die Konzepte zu verbessern.
Ich wähl auf jeden Fall die Piraten und hoffe das es noch mehr tun, damit sich da endlich mal was ändert.
Juni 29th, 2009 at 20:15
[...] den Kommentaren zu meinem Bericht über Barbara Clear schrieb Sven: “Wobei das mit dem Austreten (Anm.: aus der GEMA) scheinbar garnicht sooo [...]
Juni 30th, 2009 at 08:44
[...] wird sich (hoffentlich!) mit Hilfe seines Bruders zu wehren wissen. Vielleicht sollten die beiden Barbara Clear auch gleich mit ins Boot nehmen. Denn eines haben die beiden Fälle gemeinsam: Willkür und [...]
Januar 24th, 2010 at 12:31
[...] bei gulli.com steht’s: Barbara Clear hat ihre Berufungsverhandlung gegen die GEMA verloren. Ich bin entsetzt, wütend und enttäuscht. [...]