… hat gestern den Nobelpreis für Literatur bekommen, und ich freue mich sehr darüber!

Was mir an der Begründung des Komittees besonders gefiel: sie stellt Dylan ganz klar in die große Tradition der vorgetragenen Literatur, die ja sowieso den Anfang aller literatischen Tätigkeit darstellt und hier endlich eine verdiente Würdigung erfährt. Homers Epen, die klassisch-griechische Dichtkunst (beides auch gerne mit Instrumentalbegleitung präsentiert) und die Minnesänger und Troubadoure des Mittelalters kommen in den Sinn.

Nur käme kein Mensch auf die Idee, diesen genannten Beispielen den Rang des Literarischen abszusprechen, wohingegen das bei Dylan sehr wohl passiert, wenn auch die meisten Reaktionen auf seine Auszeichnung positiv ausfallen. Wenn ich mir durchlese, was die Kritiker der Entscheidung aus Stockholm so zu sagen haben, bemerke ich da sehr deutlich eine einheitliche akademische Engführung: Dylan sei nun mal Musiker und kein Dichter, und noch dazu ein Protagonist der Pop-Kultur – das soll offenbar nicht sein im schwindelnd hochkulturellen Elfenbeinturm.

Was dabei völlig vergessen wird: die Trennung zwischen „E“ und „U“-Kultur, die in Deutschland immer noch ebenso scharf wie sinnlos gezogen wird, ist eine vollkommen künstliche. Ebenso wie die zwischen Gedicht und Songtext, vor allem bei Künstler_innen, deren Selbstverständnis und Rezeption sie ganz klar als Songwriter UND Dichter ausweist. Bei Dylan ist das der Fall. Und ich wundere mich über Menschen, die das nicht verstehen oder akzeptieren.

Lauert da nicht doch ein gewisser akademischer Dünkel, der popkulturellen Werken fast schon reflexartig eine Minderwertigkeit oder zumindest eine Andersartigkeit zuschreibt, die angeblich die Kriterien literaturwissenschaftlicher Einordnung sprengt? Allen, die diesem Fehlschluss aufsitzen, empfehle ich einen ausgiebigen Blick in Dylans Werk. Und wenn sie schon mal dabei sind, vielleicht auch in die Werke anderer Singer-Songwriter mit hohem literarischen Anspruch. Es gibt da so einige.

Ich für meinen Teil bin sehr glücklich, dass der lyrisch-poetische Aspekt von Liedtexten offenbar doch immer stärker wahrgenommen wird, denn sonst wäre es zu einer solchen Auszeichnung für Dylan ja gar nicht gekommen. Auch die allgemeine Renaissance des (oft musikalisch begleiteten) Vortrags von Texten in den letzten Jahren und Jahrzehnten ist eine Entwicklung, die ich sehr zu schätzen weiß, ob es sich nun um Rap oder um Slam Poetry handelt – beides sind nicht meine Welten, aber ich bin heilfroh, dass es diese Entwicklungen gibt, dass Dichtung wieder zu ihren Ursprüngen zurückkehrt.

Die liegen nämlich genau dort: im Vortrag vor Zuhörenden.

Im „Singen und Sagen“.

Bob Dylan …

Ein Gedanke zu „Bob Dylan …

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