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Karan

… supersonic butterfly

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Feuer unter der Asche

1. Februar, 2011 @ 11:41 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

Laßt Euch das mal durch den Kopf gehen:

“Wer als Musiker jünger ist als 30 Jahre, hat ein Jahreseinkommen von nur 8909 Euro. Zum Vergleich: Dem Vorstandschef der Urheberrechtsgesellschaft Gema, Harald Heker, werden 380000 Euro im Jahr gezahlt. Das Beispiel zeigt gut, wer von den sogenannten Autorenrechten am meisten profitiert.”

Dies ist ein statistischer Wert. Ich kenne weit ältere Musiker, die mit deutlich weniger Geld auskommen. Auskommen müssen. Von der Hand in den Mund leben. Alterssicherung? Bitteres Gelächter, vielleicht sogar die heimliche Hoffnung auf’s eigene sozialverträgliche Frühableben. Man verdrängt solche Gedanken. Wohl denen, die Freunde und Familie haben.

Und jetzt lest Euch bitte den ganzen Artikel des Berliner Tourneeveranstalters Berthold Seliger durch.

Mal abgesehen davon, daß auch hier, wie heute so oft, “Medien” und “Kunst” in einen Topf geschmissen werden, stehen da ein paar bittere Wahrheiten, z. B. über Kulturförderung in Berlin:

“Die Subventionen, die der Senat an die Freie Szene verteilt, sind verglichen mit den Zuschüssen für die Repräsentationskultur geradezu lächerlich gering - allein die drei Opern verbrauchen im Jahr 120 Millionen Euro öffentliches Geld, für die große freie Theaterszene bleiben gerade mal 5 Millionen Euro übrig.”

Wenn er der Frage nachgeht, weshalb sich “Kulturarbeiter” dies alles überhaupt noch antun, schrammt der Autor leider am eigentlichen Punkt vorbei, sondern spricht über die neoliberal unterfütterte, hochstilisierte Modeerscheinung der “digitalen Bohéme”, die “irgendwas mit Medien” machen will, ohne jedoch eine rechte Vorstellung davon zu haben, was das für Konsequenzen hat.

Der Kern der Sache ist aber doch: was treibt Künstler und Musiker an? Warum machen sie das? Weil sie es können? Weil sie es müssen? Viel einfacher: weil sie etwas sagen wollen.

Was berührt denn an Kunst? Es ist immer ein Angesprochen-werden. Ich erinnere mich an Theater- und Kinobesuche, an Konzerte und Ausstellungen, nach denen ich in Flammen stand, bereit, die Welt zu erobern. Bereit, die Welt zu verändern. Das ist es.

Und darüber wird überhaupt nicht mehr gesprochen. Wenn Seliger am Schluß seiner Ausführungen die Kulturszene dazu aufruft, sie möge sich an ihre “proletarische Tradition” erinnern (nicht ohne anzumerken, daß dies auch ihre wirtschaftliche Bedeutung stärken würde), dann greift er meines Erachtens da viel zu kurz. Kultur ist mehr als Agitprop. Es ist ziemlich egal, ob das Feuer von einer Punkband oder von einer Alban-Berg-Oper geschürt wurde - wichtig ist, daß es brennt. Und daß es etwas bewirkt.

Rilke schrieb einmal ein Gedicht über die Betrachtung eines antiken Torsos. Die Rollen sind vertauscht: es ist die Statue, deren augenloser Blick den Betrachtenden trifft. Und nichts ist wie vorher: “Du mußt dein Leben ändern.”

Das ist die Macht der Kunst.

Und das (Über-)Leben der Künstler?

War immer eine Sache von Netzwerken. Rilke selbst ist das allerbeste Beispiel dafür. Er war kein Geschäftsmann, seine Selbstvermarktungskompetenz hielt sich in Grenzen, das taten andere für ihn. Ohne ein starkes Netzwerk aus Freunden, Gönnern und Mäzenen hätte er sein Lebenswerk niemals vollbringen können. Nun mag der moderne Mensch meinen, dies bedeute Abhängigkeit. Welcher Art? Ist die Abhängigkeit von den hartzigen Brosamen einer neoliberalen Oligarchie der Konzerne eines Staates etwa besser? Heißt “Abhängigkeit” automatisch “Unterordnung”? Ist “Netzwerken” etwas anderes?
Das heißt übrigens nicht, daß sich der Staat aus seiner sozialen Verantwortung ziehen solle. Eine Gesellschaft hat immer die Kultur, die sie verdient. Die sie sich verdient. Durch ihr Engagement, aber auch durch ihre Ignoranz. Kunst blüht in Widerstand und Revolution. Sie blüht aber auch in Rilkes friedlicher Einsiedelei in Muzot.

Niemand ist eine Insel. Der heute oft so unreflektiert gepriesene Individualismus endet oft an der eigenen Hirnschale. In Kunstwerken reicht er weiter hinaus, und berührt er andere, so wird deutlich: wir fühlen Ähnliches. Wer bewegt wird, kann bewegen.

Die Revolutionäre in Tunesien und Ägypten werden auch von einem Gedicht inspiriert, geschrieben von einem tunesischen Dichter aus dem frühen 20. Jahrhundert, Abdul Qasim Al Shabi.
“An die Tyrannen der Welt” richtete er sein Wort, und die in meinen Augen entscheidenden Worte lauten:

Da ist ein Feuer unter der Asche.

Und jetzt ist natürlich der Blick zurück zu Seligers Artikel zu lenken und die Frage zu stellen, wie das alles zusammenhängt. Ich fürchte, die Hochsubvention der gefälligen “klassischen Künste” ist kein Zufall, sondern (womöglich sogar unbewußtes) politisches Kalkül. Die freie Szene wird knapp gehalten. Wer gerade so über die Runden kommt, hat keine Zeit zu resignieren, aber auch keine Mittel, laut und sichtbar zu revoltieren.

“Irgendwas mit Medien” zu machen, ist heute cool. Ich frage mich, wie viele der dort Gestrandeten eigentlich etwas ganz anderes tun wollten. Dinge zum Ausdruck bringen wollten, über die in unserer so wortreichen Informationsgesellschaft so gut wie überall kollektiv geschwiegen wird. Weil die Sprachen, in denen sie zu sagen wären, keine Worte haben. Sondern Töne. Bilder. Farben. Bewegungen.

Ist Kunst nur noch Konsum? Am besten noch Selbstverständlichkeit, kostenlose Dreingabe einer medial überfluteten Existenz?
Rilke sieht das anders, und ich auch. Als Empfängerin, als betrachtender, hörender, schauender Mensch habe ich eine Verantwortung. ICH muß mein Leben ändern. Dazu gehört auch, daß ich mir Gedanken mache um die Kostbarkeit dessen, was ich empfangen habe, ob Lied, Bild, Theaterstück… Und etwas zurückgebe. Das muß zwar nicht immer Geld sein, aber Geld ist machtvoll und bewirkt viel.

Wenn das Publikum diese Verantwortung wahrnimmt und entsprechend handelt, dann kann es weiterhin Künstler geben, die ihre ganze Kraft in den Dienst der Sache stellen und dementsprechend Kraftvolles erschaffen. Dann ist etwas da, das nähren, stärken und bewegen kann, wie das Gedicht aus Tunesien heute wieder stärkt. Kunst lebt lange. Aber sie muß überhaupt erst mal geboren werden, und dafür müssen ihre Schöpfer leben können.

Da ist ein Feuer unter der Asche…

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Freiheit ist also auch nur so eine Ideologie.

24. Januar, 2011 @ 14:33 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

Wie Antisemitismus, Kommunismus, Rassismus. Oder hab ich da was falsch verstanden?

Ansgar Heveling, der CDU-Berichterstatter für das Urheberrecht und Mitglied der Enquete-Kommission Digitale Gesellschaft des Bundestags, äußerte jedenfalls auf der Musikmesse “Midem” in Cannes gegenüber Vertretern der deutschen Musikindustrie, er habe den Eindruck, die

“Ideologen der Freiheit arbeiten kräftig daran, unsere Kultur und Wertschöpfungsketten zu zerstören.”

Außerdem befinden wir uns laut Heveling derzeit sowieso in einem

“Kulturkampf”.

Komisch, ich dachte immer, “Freiheit” und “Ideologie” schlössen sich bereits kategorisch aus. Außerdem hätte ich eine “Wertschöpfungskette” nicht als in einem Atemzug mit “Kultur” nennbar betrachtet, sondern als Struktur innerhalb einer kapitalistischen Ökonomie, welche oft genug den Kreativen mehr Steine in den Weg als Brötchen auf den Tisch legt. Und den wahren Wert der künstlerischen Schöpfung gerne mißachtet - zugunsten des reinen Warenwertes dessen, was sie selber abschöpft.

Da habe ich mich wohl geirrt.
Da muß ich jetzt also umlernen:

Freiheit ist Ideologie.
Krieg ist Frieden.
Und Unwissenheit ist Stärke.

Oder etwa nicht?

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Rio Reisers letzte Reise

17. Januar, 2011 @ 20:50 | Kultur & Kontext |

Jetzt ist es also passiert: Rio Reisers Hof in Fresenhagen wurde verkauft. Und seine Grabstätte wird nach Berlin verlegt.

Ich bin gerade ganz wehmütig und erinnere mich an unseren Besuch dort im letzten Sommer.

Die Hintergründe des Verkaufs und der Vorgeschichte kenne ich nicht im Detail. Ich weiß auch gar nicht, ob das überhaupt möglich ist, denn die Protagonisten (Familie, Freunde, Wegbegleiter, Kollegen) sind hoffnungslos zerstritten und die jeweiligen Versionen des Geschehens demzufolge unvereinbar. Es macht mich aber sehr traurig, daß es im heutigen Deutschland nicht möglich ist, ein solches Anwesen als Kultur- und Bildungsstätte zu erhalten. Die Reiser-Erben konnte die dafür nötige Infrastruktur alleine offensichtlich nicht stemmen. Und Alternativen, Hilfen, gangbare andere Wege gab es nicht.

Ich hätte gerne in Rios Studio eine CD aufgenommen, hätte gern auf dem stillen, alten Hof übernachtet und wäre vielleicht schlaflos durch die Zimmer oder den Garten gewandert. Ich hätte mich nach der Arbeit mit den Kollegen an Rios Grab gesetzt und dem Wind in den Bäumen gelauscht. Wir hätten wenig gesprochen an diesem Abend. An anderen Abenden hätten wir womöglich mit dem Musikmachen gar nicht mehr aufhören mögen und wären mit den Gitarren und einem Kasten Flensburger (und einer Flasche Whisky für Sven) im Garten gelandet. Wer weiß, was da für Lieder entstanden wären?

Was ich aber wirklich habe, jenseits aller Konjunktive, ist die Erinnerung an diesen schwebenden Nachmittag im vergangenen August. An Rio Reisers Zimmer, das so eigenartig vertraut war.
Und Lieder… die haben sowieso ein Eigenleben, und wenn sie an’s Licht wollen, dann ist es ihnen egal, ob das in Fresenhagen, im Odenwald oder in einer Autowerkstatt beim Reifenwechsel passiert.

“Zauberland ist abgebrannt
Und brennt noch lichterloh…”

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Held des Augenblicks

14. Juli, 2010 @ 07:35 | Kultur & Kontext, Liederschreibseln, Persönliches |

Ich kann es immer noch nicht so wirklich fassen.

Wir Singvøgel haben uns ja von Anfang an für das tolle Projekt “Krimi 2.0″ interessiert, das Michael Jäger in’s Leben gerufen hat. Darum wollten wir uns natürlich auch für den Titelsong bewerben. Der entstand sogar für unsere FAWM-erprobten Verhältnisse in Rekordzeit, ebenso wie die Aufnahme im Studio (ich glaube, das war die schweißtreibendste Session, die wir je hatten ;-) ).

Nur mußte für die Bewerbung natürlich auch ein Video her. Das stellte uns vor ziemliche Probleme. Wir hatten weder die Zeit noch die Ressourcen, selber etwas zu produzieren und hatten uns bereits leicht frustriert darauf eingestellt, uns mit ein paar zu einer Diashow zusammengebauten Fotos zu begnügen, da entstieg den unendlichen Weiten des Internets der Alex und verwies uns an einen Filmemacher, mit dem er selbst schon zusammengearbeitet hat: George P. Schnyder.

“Oha”, dachte ich mir, “der kann was. Das wird bestimmt teuer. Und wir haben ja noch nicht mal die Finanzierung für unsere fast fertige neue CD in trockenen Tüchern.”

Was wir da noch nicht wußten: George ist ein Enthusiast. Wenn ihm was gefällt, dann macht er das. Mit voller Kraft und ohne Wenn und Aber. Zudem hatte die Gunst der Stunde unseren Auftritt beim Friedensfest in Iserlohn zeitlich und vor allem örtlich derartig günstig gelegt, daß er ihn filmen konnte.

Doch damit nicht genug: George steht ja nicht nur hinter der Kamera, sondern ist selber Produzent. Weshalb sich in seinem Kopfkino auch sogleich eine Story zum Song entspann. Und weil er sowieso gerade bei einem Online-Filmprojekt, “Julia & Julia” mitwirkt (auf das ich schon riesig gespannt bin), hatte er über die Agentur “Cast My Life” auch eine ganze Riege junger, hochmotivierter Schauspieler an der Hand, die ebenfalls mitmachten. Einfach so, mit tollem Engagement.

Der Tag in Iserlohn verging wie im Flug, und ehe ich so richtig zu mir kam, waren unsere Parts im Kasten. Dann wurden noch in Windeseile die Schauspiel-Szenen produziert. Und ich habe so das Gefühl, daß der gute George ein paar Nächte lang überhaupt nicht ins Bett gekommen ist, denn gestern abend war das Ding bereits fertig.

Leute, Ihr seid alle großartig!!!

Und mir wird immer stärker bewußt, daß dieses Netz etwas bewegt. Im realen Leben, nicht nur auf irgendwelchen Monitoren. Da treffen sich Menschen, die sich sonst nie begegnet wären. Da werden Dinge möglich, die sonst Träume geblieben wären. Da verbinden sich kreative Kräfte zu etwas ganz Neuem. Und da haben die Singvøgel auf einmal ein professionelles Musikvideo. ;-)

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Und daß so was von so was kommt…

17. Juni, 2010 @ 14:03 | Kultur & Kontext |

Es fällt offenbar vielen immer schwerer, die Sachebene von der Personenebene zu trennen. Die Unsitte, eine Person (oft eine des öffentlichen Lebens, die man überhaupt nicht kennt) mit dem zu verwechseln, was sie von sich gibt (an künstlerischen oder auch politischen Äußerungen) und dann mit “XX ist sch…” oder Schlimmerem zu reagieren, ist mittlerweile ziemlich stark verbreitet.

Heranwachsenden mag eine solche Pauschalierung ja vielleicht noch nachzusehen sein - von Erwachsenen, noch dazu intelligenzbegabten, ist, so denke ich, schon eine differenziertere Betrachtung zu erwarten - oder zumindest ein “Das Lied, das XX singt, FINDE ich doof” oder “ist nicht MEIN Ding”.

Was ich aber derzeit beobachte, sind ganze Web-Communities bzw. Gruppen, deren einziger Inhalt darin besteht, über irgendjemanden ad personam herzuziehen, noch dazu in verletzendster, abwertendster und gehässigster Art - nur, weil dieser Jemand ein Lied singt, das einem nicht gefällt.

Solche mob-artigen Phänomene irritieren mich nicht nur, ich fühle mich davon bedroht. Denn was anderen passiert, kann auch jederzeit mir widerfahren - falls wir Singvøgel mal durch irgendwelche Umstände sehr erfolgreich und in sämtlichen Radiostationen rauf und runter gedudelt werden…

Was steckt eigentlich hinter so viel Haß und Mißgunst?
Wohl doch wieder der Neid, wie ich schon kürzlich in meiner Betrachtung über Kritikaster feststellen mußte.
Aber auch eine Unfähigkeit (oder gar ein Unwille), überhaupt noch zu reflektieren. Die eigenen Reaktionen auf ihre inneren Motivationen hin zu untersuchen.

Ich befürchte allerdings, an der Wurzel all dessen liegt oft ein immenser Mangel an Empathie. Der sich in unserer Zeit tendenziell auf allen gesellschaftlichen Ebenen immer stärker breitmacht. Und dahinter wiederum erahne ich ein gerüttelt Maß an (Existenz-)Angst.

Mir wird bei alledem ein wenig flau, weil ich mich entsinne, daß ähnliche Tendenzen schon einmal da waren und sich verheerend zusammengeballt haben: zu Totalitarismus und Gewalt. Denn das ist der ideale Nährboden für die Macht des Mobs, für Hexenverbrennungen (im realen wie übertragenen Sinn) und für Jubel über Fragen nach totalen Kriegen oder Ähnlichem.

“Und daß so was von so was kommt…”, sang einst eine (ebenfalls vielgeschmähte) Kollegin.

Wach bleiben.

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Künstler müssen leiden???

8. Juni, 2010 @ 12:07 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

So ein gequirlter Unsinn! Und dann noch aus dem Mund von jemandem, der es eigentlich besser wissen müßte. Antoni Porcak, der stellvertretende Direktor der Krakauer Kunstakademie, behauptet allen Ernstes:

“Je mehr der Künstler leidet, desto besser das Produkt.”

Ich finde es ungeheuerlich, daß sogar ein Kunstpädagoge den üblen Mythos vom gequälten Künstler weiterverbreitet, noch dazu mit einer solch tiefen Überzeugung. Desweiteren pflegt er übrigens die Attitüde, seine Akademie unterrichte nur aus Traditionsgründen immer noch weitgehend “veraltete” Methoden wie beispielsweise die Malerei; die Zukunft liege ja sowieso beim Event und die neuen Techniken und Technologien seien den alten “in Sachen Direktheit in jeglicher Hinsicht überlegen”.

Der zweite bedenkliche Aspekt in Porcaks Betrachtungen ist die weitgehende Reduzierung von Kunst auf Auftrags- und Eventprodukte.
Auftragskunst hat es immer gegeben, wird es immer geben, das ist auch nichts ehrenrühriges - problematisch wird es aber dann, wenn NUR NOCH Auftragskunst existiert bzw. existieren kann, weil die Kunst als freie und auch kritische Stimme einer Gesellschaft nicht mehr von dieser gewürdigt und gestützt wird. Eine der größten weltgeschichtlichen Errungenschaften, die zu verschiedenen Epochen immer wieder stattfindet, bzw. erkämpft wird, ist die der Kunstfreiheit. Wir befinden uns da gerade wieder in einer reaktionären Bewegung, wo das Kunstwerk immer mehr zum reinen Handelsobjekt entstellt und der Künstler zum Geschäftsmann umerzogen wird.

Eine freie Kunst ist etwas, das sich eine Gesellschaft leisten will - oder eben nicht. Und damit meine ich gar nicht in erster Linie und ausschließlich den finanziellen Aspekt - was staatlicherseits in Kunstförderung investiert wird, war und ist stets “Peanuts” im Vergleich mit anderen, oft zweifelhaften ökonomischen Subventionen. Außerdem läuft der größte Teil der Kulturförderung schon lange unter dem Mantel (und aus den Töpfen) der Jugendförderung, das ist ebenfalls eine fragwürdige Sache, aber wäre noch mal ein eigenes Thema.

Daß kaum noch Künstler von ihrer Kunst leben können, ist also ein soziopolitisches Problem, das keinesfalls eine Folge der aktuellen wirtschaftlichen Krise, sondern langfristig gewachsen ist bzw. erschaffen wurde.

Lösbar ist dies nur, wenn die Gesamtgesellschaft etwas vollzieht, das bei vielen anderen Themen derzeit allenthalben beschworen wird: einen Paradigmenwechsel. Da dieser aber politisch gar nicht gewünscht ist, sondern meiner Meinung nach sogar hintertrieben wird, kann er also nur “von unten” her entstehen, als Graswurzelbewegung, in Vernetzung der Kunstschaffenden (aller Sparten) und ihres Publikums.

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Das Gift des Neides und die Stärke der Stärken

5. Juni, 2010 @ 19:28 | Kultur & Kontext |

Mit Kritikastertum kann ich nichts anfangen. Das hängt bestimmt damit zusammen, daß ich einige Jahre in England gelebt habe und mir dort das Glück widerfuhr, an einem College zu landen, an dem es Usus war, die Stärken zu stärken und nicht durch überflüssiges Herumbohren in vorhandenen Schwächen dieselben nur noch schlimmer zu machen. Außerdem habe ich dort gelernt, daß die Geschmäcker nun mal verschieden sind und die bunte Vielfalt der Kunst (wie des Lebens) überhaupt erst den Reiz des Ganzen ausmacht.

Ich habe also massive Probleme mit der hier in Deutschland weitverbreiteten Neigung, irgendwelche künstlerischen Äußerungen so richtig lautstark und öffentlich scheiße zu finden, gerne auch verbunden mit Haßtiraden auf die Protagonisten. Wohlgemerkt: auch ich finde so manche künstlerischen Produkte nicht schön, einige auch unterirdisch schlecht. In den meisten Fällen denke ich dann, “gefällt mir nicht” und wende mich einfach ab, vergesse es. Damit ist keine Emotion verknüpft. Aber es gibt andere Situationen, und da ist es, als ob jemand bei mir einen Knopf drückt. Und diese Reaktion hat Hintergründe, die haben aber viel mehr mit mir selber zu tun als mit dem Objekt meiner Abneigung.

Ich habe gemerkt, daß ich oft, wenn mir etwas als allzu banal, zu schlecht oder schlicht zu doof aufstößt und ich mich darüber ausdauernd und laut aufregen möchte, einfach neidisch bin. Darauf, daß dieses Stück im Radio gespielt wird und meine eigenen Sachen nicht. Darauf, daß jemand mit “diesem Kram” Erfolg hat, auch finanziellen, während wir Singvøgel nicht wissen, ob wir unsere fast fertige CD überhaupt pressen lassen können.
Hinter dem Neid lauert dann gerne die Verzweiflung. Und die Mutlosigkeit. Und etliche andere Gesellen, von deren Gesellschaft ich mich lieber fernhalte, weil sie die größten kreativen Spaßbremsen sind, die ich kenne. Außerdem habe ich den Verdacht, daß ich, wenn ich anderen ihren Erfolg nicht gönnen kann, meinen eigenen auch nicht annehmen könnte, so er denn eintritt…

Wie funktioniert konstruktive Kritik? Durch Benennung und Förderung der Stärken. Wenn mir etwas gefällt, dann bringe ich das zum Ausdruck. Klar und deutlich.
Damit ist übrigens nicht “schönreden” oder ein Mangel an Ehrlichkeit gemeint. Ein Beispiel: Jemand ist ein wahnsinnig toller Sänger. Wenn er sich dann darüber freut, daß ich ihm das mitgeteilt habe, und wissen will ob er noch irgendwas verbessern kann, dann kann ich ihm sagen, daß er z. B. an seiner Rhythmusgenauigkeit noch etwas arbeiten könnte. Zu diesem Zeitpunkt und in diesem Zusammenhang ist es dann ok. Die falsche Reihenfolge wäre: “Wenn du sauber im Rhythmus bleiben würdest, dann wärst du ein richtig guter Sänger”. Weil damit das Gute von vorneherein negiert würde.

Übrigens ist es in der Regel so - im künstlerischen Bereich wie in allen anderen auch -, daß man selber mit schmerzhafter Genauigkeit weiß, wo die eigenen Schwächen liegen und wo man Fehler macht. Aber es ist wahnsinnig schwer, zu erkennen, was gut ist und wo die Stärken sitzen. Erst, wenn man dieses oft und nachdrücklich genug gesagt und vermittelt bekommt, kann man damit auch wirksam arbeiten.

Irgendwo habe ich mal gelesen: “Stärken stärken heißt Schwächen schwächen.” Energie folgt der Aufmerksamkeit. Ich habe keine Ahnung von Physik, aber das könnte tatsächlich ein kosmisches Gesetz sein. ;-)

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Age ain’t nothing but a number?

9. März, 2010 @ 22:39 | Kultur & Kontext |

Lieber Stefan Raab,

da der Tag nur eine begrenzte Anzahl von Stunden hat, sehe ich ziemlich wenig fern. Aber wenn da jemand wie Sie das notorische Musik-Casting-Show-Getue mal auf ganz neue Art aushebeln und besser machen will, dann schaue ich mir das natürlich an.

Musikalisch finde ich das sehr interessant, besonders weil einige KandidatInnen eher unbekannte oder sogar eigene Songs singen.

Und daß die Jury Stärken lobt und sich dumme Sprüche verkneift (bzw. halt einfach nicht dumm ist), ist natürlich auch erfrischend gut.

Aber eins fiel bzw. stieß mir von Anfang an auf: da stehen mal wieder ausschließlich Leute aus der Altersgruppe um die zwanzig auf der Bühne. Zu Anfang waren auch noch ein paar etwas Ältere dabei . Kandidaten über 40 aber gab es nicht - die wurden einzig als “humorvolle” Casting-Outtakes zur Volksbelustigung nach der Show vorgeführt.

Nachdem dann in der heutigen Show die Jurorin Barbara Schöneberger auch noch mit ihrem Alter zu kokettieren begann (”Die sind alle achtzehn und ich bin schon sechsunddreißig, buhuuu…”) frage ich mich allmählich, was das soll.

Ich halte es im Leben ganz bewußt und aktiv mit dem Spruch “Age ain’t nothing but a number”. Damit soll gemeint sein: sich selber und andere mit irgendwelchen an’s Alter gebundenen Normen einzuschränken, ist eine ziemlich schlechte Idee.

Und dann brauchen weder Jugendliche auf altklug, noch Ältere auf zwanghaft knackig zu machen. Weil nämlich das Wichtigste rüberkommt: Authentizität. Leidenschaft für das, was man tut. Egal in welchem Alter.

Es ist noch gar nicht lange her, da war das ganz anders. Und ich rede jetzt nicht von Urgroßmutters Zeiten. Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es total uncool gewesen, daß ein 15jähriger der Fan einer Band ist, deren Mitglieder um die 40 oder noch älter sind. Und ebenso unmöglich, daß sich Leute dieses Alters für “Jugendkultur” begeistern.
Heute sind wir da einen großen Schritt weiter.

Aber irgendwie dann halt wieder doch nicht.

Warum?

Ich ahne und befürchte Beschwichtigung: das sei ja reeeeeiner Zufall, daß bei USFO nur Youngsters im Rennen sind, es hat halt bei den anderen einfach nicht gereicht, usw. usf.

Tut mir leid, das nehme bzw. nähme ich Ihnen nicht ab. ;-)

Was wäre anders, wenn die Kandidatenschar nicht nur stilistisch, sondern auch altersmäßig bunt gemischt wäre? Hätte das Publikum dann ein Identifikationsproblem? Das glaube ich nicht - denn Ihre Rechnung, lieber Herr Raab, ging ja auf: diese Casting-Show ist wirklich “anders” und zieht demzufolge auch ein sehr gemischtes Publikum.

Oder hätte die Jury ein Autoritätsproblem? Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.

Ich vermute also, daß da doch konzeptionelle oder kulturspezifische Gründe dahinterstecken, die sich meiner Kenntnis einfach entziehen.

Die würden mich sehr interessieren.
Es kann aber sein, daß sogar Sie sie mir nicht nennen könnten.
Denn es gibt auch unbewußte Konzepte, unbewußte Wahrnehmungen und Wertungen.

Da ich aber die Dinge gern bewußt wahrnehme, werde ich weiter schauen und rätseln. Und heute habe ich angefangen, ein Lied über das Altern zu schreiben; von daher hat die Sache zumindest ein Gutes bewirkt…

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Alles nur kopiert?

14. Februar, 2010 @ 15:56 | Kultur & Kontext, Liederschreibseln, Öffentliche Ärgernisse |

Es gibt nur zwölf Töne.
Es gibt nur 26 Buchstaben.
(Zumindest hier in unserem hiesigen westeuropäischen Kulturkontext. ;-) )

Was also ist Originalität?

Das ganz Neue, nie zuvor Dagewesene?
Das völlig Unerwartete, jeglichen Rahmen Sprengende?

Solches existiert, aber es ist rar - und auch nicht unbedingt entscheidend originell.

Originell wird ein Kunstwerk, indem es das Eigene sagt. Berührend wird ein Kunstwerk, indem es denjenigen, der es wahrnimmt, an sein Eigenes erinnert. Wir sind alle Individuen (auch wenn manche “ich nicht” schreien ;-) ). Und wir teilen gleichzeitig unsere menschlichen Grundstrukturen, auch die kulturellen.

Inspiration ist nicht nur natürlicher Teil, sondern Voraussetzung jeglichen kreativen Ausdrucks. Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen.

Hätte Rainer Maria Rilke nicht gelebt, gäbe es wahrscheinlich kein einziges meiner Gedichte, zumindest nicht in dieser Form. Denn Rilke hat mich zutiefst inspiriert. An seinen Versmaßen, seinen Wortfindungen habe ich mich geschult. Über lange Jahre, bevor ich überhaupt selber eine Silbe auf das Papier brachte.

In der klassischen Musik gibt es eine wunderbare Form, “Variationen über ein Thema von…” Hier wird ein musikalisches Motiv eines anderen Komponisten aufgegriffen, variiert, in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht. Immer ist dabei der Ursprung benannt und bekannt. Trotzdem handelt es sich bei den Variationen um ein völlig eigenständiges Werk.

Ich kann mir durchaus vorstellen, mal eine lyrische Variation über rilkesche Motive zu schreiben. Oder Songtexte von KollegInnen aufzugreifen und deren Thema in eine andere Richtung weiterzuspinnen. Bei beiden Aktivitäten wäre es mir aber eine Selbstverständlichkeit, die Inspirationsgeber zu benennen.

So und nicht anders funktioniert auch das heute vielzitierte “Copy/Mix/Share”.

In der aktuellen Rezeption werden aber oft nur zwei Extreme wahrgenommen: entweder wird eine Originalität postuliert, die überhaupt nicht existieren kann (denn, wie gesagt, es gibt nur zwölf Töne), oder es wird gleich behauptet, daß eh alle Autoren/Komponisten etc. “nur voneinander abschreiben” und Originalität im eigentlichen Sinne (was soll der dann überhaupt sein?) sowieso unmöglich ist.

Das ist mir beides zu eng gedacht. Und außerdem unlogisch. Denn irgendwo muß das Schreiben ja begonnen haben…

Die aus dem Geniekult der frühen Moderne geborene Attitüde “alles künstlerisch Wertvolle ist kontextloses Original” ist also ebenso Unfug wie “alles ist Kopie”.

Und ich weigere mich vehement, mich in einen dieser beiden überflüssigen Töpfe werfen zu lassen.

Zwischen der absoluten Eigenschöpfung und dem Plagiat liegt eine riesige Bandbreite. Es gibt unerhört Neues, es gibt eigenständige Werke, in denen die Einflüsse anderer deutlich sicht- und spürbar sind, und es gibt Kopien ohne nennenswerte eigene Schöpferkraft. Die Unterschiede sind erkennbar. Das Ganze ist also nicht beliebig, nur weil es kaum ein Schwarz oder Weiß gibt, sondern eine schattierte Grauzone.

Wer sich allerdings nicht die Mühe macht, sich seiner eigenen Ansprüche als Rezipient bewußt zu sein, dem kann man wirklich alles andrehen. Wohl bekomm’s!

(Als Künstlerin habe ich natürlich auch Ansprüche, unter anderem eben den, das, was ich aus einer Quelle schöpfe, mit meinem eigenen Aroma zu versehen, bevor ich es weiterreiche… Dazu gehört natürlich auch die Nennung meiner Quelle. Und das eigene Aroma wird die Hauptfarbe, der Geschmacksträger sein, nicht nur ein Hauch von Gewürz.)

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Ergänzung und Erklärung: ich schrieb dies, weil ich (wieder einmal) vernehmen mußte, daß wir Autoren ja doch nur alle voneinander abschreiben - ein beliebtes Scheinargument dafür, unsere Werke für “nicht schützenswert” zu erklären. Oder gleich für “nicht wert”?
Wer so argumentiert, erklärt meine Arbeit für wertlos. Das ist nicht nur eine totale Frechheit, die ich sehr persönlich nehme, sondern auch eine Haltung, gegen die ich mich aktiv zur Wehr setze.

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Ergänzung Nummer zwei:
Die berühmte “Causa Brecht” (Villon-Plagiate ohne Referenz) wird ja gerne als Rechtfertigung herangezogen. Nur, weil jemand Berühmtes plagiiert hat, soll es allgemein akzeptabel sein? Nö.
Niemand würde auf die Idee kommen, z. B. die Tat eines Bubi Scholz aufgrund seiner Berühmtheit für annehmbar und beispielhaft anzusehen… Das gilt für Brecht ebenso. Nur war’s in dessen Fall halt kein Kapitalverbrechen. ;-) Aber richtig war es nicht, geschweige denn vorbildlich. Einzig, weil jemand mit so etwas durchgekommen ist, heißt es nicht, daß es dann automatisch ok ist.

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Krimi 2.0

3. Februar, 2010 @ 09:22 | Kultur & Kontext |

Wenn wir schon von kreativen Herausforderungen reden: einer, der solche ebenfalls nicht scheut, ist der rührige Schauspieler Michael Jäger. Sei neuestes Projekt ist eine interaktive Krimiverfilmung: Auf Krimi 2.0 gibt es die Möglichkeit, nicht nur bereits das Genre des zu entstehenden Streifens mitzubestimmen, sondern später ebenfalls die Handlung, Schauspieler, Drehorte und vieles mehr. Irgendwo habe ich gelesen, daß man sich auch als Komparse bewerben kann. (Muß unbedingt herausfinden, ob die vielleicht sogar eine Band brauchen können, die irgendwo dekorativ im Hintergrund herumsteht, äh, spielt. ;-))

Ergänzung: mir ist eben eingefallen, daß die Musikindustrie (Betonung auf Industrie) eh eine Menge Themen und Material hergäbe - und ein prächtiges Sujet für eine bluttriefende Story. Vielleicht ginge es dabei dann auch um die skandalösen Machenschaften einer gewissen Verwertungsgesellschaft… (Man wird doch noch träumen dürfen. ;-) )

Ich gucke ja aufgrund meiner Neigung zu verstörenden nächtlichen Remakes im Traum nur äußerst selten Krimis, aber diesen behalte ich natürlich fest im Auge. Wenn die Sache gelingt (und ich gehe definitiv davon aus, denn da sind durchgehend Profis am Werk), könnte sie eine Vorreiterrolle in der Entwicklung der neuen medialen Wirklichkeit einnehmen. Wenn, ja wenn dann auch der “Mainstream” bereit wäre, sich mal auf kreative Herausforderungen einzulassen…

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