Age ain’t nothing but a number?
9. März, 2010 @ 22:39 | Kultur & Kontext |
Lieber Stefan Raab,
da der Tag nur eine begrenzte Anzahl von Stunden hat, sehe ich ziemlich wenig fern. Aber wenn da jemand wie Sie das notorische Musik-Casting-Show-Getue mal auf ganz neue Art aushebeln und besser machen will, dann schaue ich mir das natürlich an.
Musikalisch finde ich das sehr interessant, besonders weil einige KandidatInnen eher unbekannte oder sogar eigene Songs singen.
Und daß die Jury Stärken lobt und sich dumme Sprüche verkneift (bzw. halt einfach nicht dumm ist), ist natürlich auch erfrischend gut.
Aber eins fiel bzw. stieß mir von Anfang an auf: da stehen mal wieder ausschließlich Leute aus der Altersgruppe um die zwanzig auf der Bühne. Zu Anfang waren auch noch ein paar etwas Ältere dabei . Kandidaten über 40 aber gab es nicht - die wurden einzig als “humorvolle” Casting-Outtakes zur Volksbelustigung nach der Show vorgeführt.
Nachdem dann in der heutigen Show die Jurorin Barbara Schöneberger auch noch mit ihrem Alter zu kokettieren begann (”Die sind alle achtzehn und ich bin schon sechsunddreißig, buhuuu…”) frage ich mich allmählich, was das soll.
Ich halte es im Leben ganz bewußt und aktiv mit dem Spruch “Age ain’t nothing but a number”. Damit soll gemeint sein: sich selber und andere mit irgendwelchen an’s Alter gebundenen Normen einzuschränken, ist eine ziemlich schlechte Idee.
Und dann brauchen weder Jugendliche auf altklug, noch Ältere auf zwanghaft knackig zu machen. Weil nämlich das Wichtigste rüberkommt: Authentizität. Leidenschaft für das, was man tut. Egal in welchem Alter.
Es ist noch gar nicht lange her, da war das ganz anders. Und ich rede jetzt nicht von Urgroßmutters Zeiten. Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es total uncool gewesen, daß ein 15jähriger der Fan einer Band ist, deren Mitglieder um die 40 oder noch älter sind. Und ebenso unmöglich, daß sich Leute dieses Alters für “Jugendkultur” begeistern.
Heute sind wir da einen großen Schritt weiter.
Aber irgendwie dann halt wieder doch nicht.
Warum?
Ich ahne und befürchte Beschwichtigung: das sei ja reeeeeiner Zufall, daß bei USFO nur Youngsters im Rennen sind, es hat halt bei den anderen einfach nicht gereicht, usw. usf.
Tut mir leid, das nehme bzw. nähme ich Ihnen nicht ab.
Was wäre anders, wenn die Kandidatenschar nicht nur stilistisch, sondern auch altersmäßig bunt gemischt wäre? Hätte das Publikum dann ein Identifikationsproblem? Das glaube ich nicht - denn Ihre Rechnung, lieber Herr Raab, ging ja auf: diese Casting-Show ist wirklich “anders” und zieht demzufolge auch ein sehr gemischtes Publikum.
Oder hätte die Jury ein Autoritätsproblem? Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.
Ich vermute also, daß da doch konzeptionelle oder kulturspezifische Gründe dahinterstecken, die sich meiner Kenntnis einfach entziehen.
Die würden mich sehr interessieren.
Es kann aber sein, daß sogar Sie sie mir nicht nennen könnten.
Denn es gibt auch unbewußte Konzepte, unbewußte Wahrnehmungen und Wertungen.
Da ich aber die Dinge gern bewußt wahrnehme, werde ich weiter schauen und rätseln. Und heute habe ich angefangen, ein Lied über das Altern zu schreiben; von daher hat die Sache zumindest ein Gutes bewirkt…
Kommentare (12)Alles nur kopiert?
14. Februar, 2010 @ 15:56 | Kultur & Kontext, Liederschreibseln, Öffentliche Ärgernisse |
Es gibt nur zwölf Töne.
Es gibt nur 26 Buchstaben.
(Zumindest hier in unserem hiesigen westeuropäischen Kulturkontext.
)
Was also ist Originalität?
Das ganz Neue, nie zuvor Dagewesene?
Das völlig Unerwartete, jeglichen Rahmen Sprengende?
Solches existiert, aber es ist rar - und auch nicht unbedingt entscheidend originell.
Originell wird ein Kunstwerk, indem es das Eigene sagt. Berührend wird ein Kunstwerk, indem es denjenigen, der es wahrnimmt, an sein Eigenes erinnert. Wir sind alle Individuen (auch wenn manche “ich nicht” schreien
). Und wir teilen gleichzeitig unsere menschlichen Grundstrukturen, auch die kulturellen.
Inspiration ist nicht nur natürlicher Teil, sondern Voraussetzung jeglichen kreativen Ausdrucks. Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen.
Hätte Rainer Maria Rilke nicht gelebt, gäbe es wahrscheinlich kein einziges meiner Gedichte, zumindest nicht in dieser Form. Denn Rilke hat mich zutiefst inspiriert. An seinen Versmaßen, seinen Wortfindungen habe ich mich geschult. Über lange Jahre, bevor ich überhaupt selber eine Silbe auf das Papier brachte.
In der klassischen Musik gibt es eine wunderbare Form, “Variationen über ein Thema von…” Hier wird ein musikalisches Motiv eines anderen Komponisten aufgegriffen, variiert, in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht. Immer ist dabei der Ursprung benannt und bekannt. Trotzdem handelt es sich bei den Variationen um ein völlig eigenständiges Werk.
Ich kann mir durchaus vorstellen, mal eine lyrische Variation über rilkesche Motive zu schreiben. Oder Songtexte von KollegInnen aufzugreifen und deren Thema in eine andere Richtung weiterzuspinnen. Bei beiden Aktivitäten wäre es mir aber eine Selbstverständlichkeit, die Inspirationsgeber zu benennen.
So und nicht anders funktioniert auch das heute vielzitierte “Copy/Mix/Share”.
In der aktuellen Rezeption werden aber oft nur zwei Extreme wahrgenommen: entweder wird eine Originalität postuliert, die überhaupt nicht existieren kann (denn, wie gesagt, es gibt nur zwölf Töne), oder es wird gleich behauptet, daß eh alle Autoren/Komponisten etc. “nur voneinander abschreiben” und Originalität im eigentlichen Sinne (was soll der dann überhaupt sein?) sowieso unmöglich ist.
Das ist mir beides zu eng gedacht. Und außerdem unlogisch. Denn irgendwo muß das Schreiben ja begonnen haben…
Die aus dem Geniekult der frühen Moderne geborene Attitüde “alles künstlerisch Wertvolle ist kontextloses Original” ist also ebenso Unfug wie “alles ist Kopie”.
Und ich weigere mich vehement, mich in einen dieser beiden überflüssigen Töpfe werfen zu lassen.
Zwischen der absoluten Eigenschöpfung und dem Plagiat liegt eine riesige Bandbreite. Es gibt unerhört Neues, es gibt eigenständige Werke, in denen die Einflüsse anderer deutlich sicht- und spürbar sind, und es gibt Kopien ohne nennenswerte eigene Schöpferkraft. Die Unterschiede sind erkennbar. Das Ganze ist also nicht beliebig, nur weil es kaum ein Schwarz oder Weiß gibt, sondern eine schattierte Grauzone.
Wer sich allerdings nicht die Mühe macht, sich seiner eigenen Ansprüche als Rezipient bewußt zu sein, dem kann man wirklich alles andrehen. Wohl bekomm’s!
(Als Künstlerin habe ich natürlich auch Ansprüche, unter anderem eben den, das, was ich aus einer Quelle schöpfe, mit meinem eigenen Aroma zu versehen, bevor ich es weiterreiche… Dazu gehört natürlich auch die Nennung meiner Quelle. Und das eigene Aroma wird die Hauptfarbe, der Geschmacksträger sein, nicht nur ein Hauch von Gewürz.)
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Ergänzung und Erklärung: ich schrieb dies, weil ich (wieder einmal) vernehmen mußte, daß wir Autoren ja doch nur alle voneinander abschreiben - ein beliebtes Scheinargument dafür, unsere Werke für “nicht schützenswert” zu erklären. Oder gleich für “nicht wert”?
Wer so argumentiert, erklärt meine Arbeit für wertlos. Das ist nicht nur eine totale Frechheit, die ich sehr persönlich nehme, sondern auch eine Haltung, gegen die ich mich aktiv zur Wehr setze.
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Ergänzung Nummer zwei:
Die berühmte “Causa Brecht” (Villon-Plagiate ohne Referenz) wird ja gerne als Rechtfertigung herangezogen. Nur, weil jemand Berühmtes plagiiert hat, soll es allgemein akzeptabel sein? Nö.
Niemand würde auf die Idee kommen, z. B. die Tat eines Bubi Scholz aufgrund seiner Berühmtheit für annehmbar und beispielhaft anzusehen… Das gilt für Brecht ebenso. Nur war’s in dessen Fall halt kein Kapitalverbrechen.
Aber richtig war es nicht, geschweige denn vorbildlich. Einzig, weil jemand mit so etwas durchgekommen ist, heißt es nicht, daß es dann automatisch ok ist.
Krimi 2.0
3. Februar, 2010 @ 09:22 | Kultur & Kontext |
Wenn wir schon von kreativen Herausforderungen reden: einer, der solche ebenfalls nicht scheut, ist der rührige Schauspieler Michael Jäger. Sei neuestes Projekt ist eine interaktive Krimiverfilmung: Auf Krimi 2.0 gibt es die Möglichkeit, nicht nur bereits das Genre des zu entstehenden Streifens mitzubestimmen, sondern später ebenfalls die Handlung, Schauspieler, Drehorte und vieles mehr. Irgendwo habe ich gelesen, daß man sich auch als Komparse bewerben kann. (Muß unbedingt herausfinden, ob die vielleicht sogar eine Band brauchen können, die irgendwo dekorativ im Hintergrund herumsteht, äh, spielt. ;-))
Ergänzung: mir ist eben eingefallen, daß die Musikindustrie (Betonung auf Industrie) eh eine Menge Themen und Material hergäbe - und ein prächtiges Sujet für eine bluttriefende Story. Vielleicht ginge es dabei dann auch um die skandalösen Machenschaften einer gewissen Verwertungsgesellschaft… (Man wird doch noch träumen dürfen.
)
Ich gucke ja aufgrund meiner Neigung zu verstörenden nächtlichen Remakes im Traum nur äußerst selten Krimis, aber diesen behalte ich natürlich fest im Auge. Wenn die Sache gelingt (und ich gehe definitiv davon aus, denn da sind durchgehend Profis am Werk), könnte sie eine Vorreiterrolle in der Entwicklung der neuen medialen Wirklichkeit einnehmen. Wenn, ja wenn dann auch der “Mainstream” bereit wäre, sich mal auf kreative Herausforderungen einzulassen…
Kommentare (1)UnGEMAch
24. Januar, 2010 @ 12:31 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
Hier bei gulli.com steht’s: Barbara Clear hat ihre Berufungsverhandlung gegen die GEMA verloren.
Ich bin entsetzt, wütend und enttäuscht.
Aber auch überrascht?
Leider nicht völlig.
Im Gegensatz zu privatrechtlichen Abmachungen, bei denen durchaus in Betracht gezogen wird, was bei einem Vertrag intendiert ist (es also schwer ist, jemandem etwas ganz anderes zu verkaufen, als das, was er eigentlich haben wollte, siehe Verbraucherschutzgesetze), ist das beim gewerblichen Recht ganz anders: hier gilt ausschließlich, was im Vertrag schriftlich niedergelegt ist; sämtliche Zusatzvereinbarungen bedürfen der Nachweispflicht. Änderungen von Verträgen während ihrer Dauer sind also durchaus möglich und werden in den meisten Fällen nicht als sittenwidrig eingestuft.
Mit kaum zu überbietendem Zynismus nutzt die GEMA diesen Spielraum.
Dies zeigt sich auch in den bei gulli.com zitierten Äußerungen des GEMA-Vorstandsmitglieds Georg Oeller, der sich bereits vor einigen Monaten zum ersten Prozeß von Barbara Clear zu Wort meldete:
“Die Fragen des Rechts werden in Deutschland an ordentlichen Gerichten entschieden. Und da lassen wir uns nicht die Butter vom Brot nehmen. Wir gewinnen unsere Prozesse in dem Fall und dann ist es so.(…)”
Oeller geht aber noch weiter:
Dem Publikum der c/o pop erklärte er, dass es in Deutschland das Prinzip der Privatautonomie gäbe. Jeder könne für sich selbst entscheiden, ob er oder sie Mitglied der GEMA werden wolle.(…) Auch wies er darauf hin, dass die Interpreten genau wüssten, worauf sie sich bei der Vertragsunterzeichnung einlassen würden. “Wir treten in diesem Sinne auch nicht als Monopolist auf.” (…) Nicht er, sondern die Mitglieder würden über den Aufbau der Verwertungsgesellschaft bestimmen.
Tatsache ist: Die GEMA ist de facto ein Monopolist, denn es gibt keine andere gleichartige Verwertungsgesellschaft. Ob diese Monopolstellung jetzt von der GEMA selber so gewollt ist oder nicht, ist dabei vollkommen irrelevant. Das Problem ist auch nicht das Monopol per se, sondern die Art und Weise, wie die GEMA es mißbraucht.
Wer bei der GEMA einen Vertrag unterzeichnet, kann gar nicht dauerhaft wissen, worauf er sich einläßt, denn die Statuten können geändert werden - und während der letzten Jahre ist dies auch mehrfach passiert. Und zwar zu Ungunsten der mehr als 50 000 “angeschlossenen” und “außerordentlichen” Mitglieder, die dabei entgegen von Oellers Behauptung kein Wörtchen mitzureden hatten. Mal eben rasch austreten geht dann auch nicht; das habe ich aber selbst erst nach einiger Recherche herausgefunden.
Meines Erachtens agiert die GEMA scheindemokratisch. Nach außen in und in ihrer Eigendarstellung handelt es sich um einen Verein, in dem die Mitglieder Struktur und Richtung bestimmen. In Wahrheit jedoch tut dies eine kleine Minderheit, und die Mehrheit zahlt zwar Beiträge, hat aber keine bzw. nur stark beschränkte Rechte.
Es ist ein Unding, daß so etwas vertragsrechtlich überhaupt möglich ist. Hier aber kommt ins Spiel, was ich anfangs beschrieb: formaljuristisch ist dies in der Bundesrepublik Deutschland vollkommen legitim. Wenn auch ungerecht.
Was bleibt zu tun?
Es wäre tatsächlich wünschenswert, daß noch viel mehr betroffene Künstlerinnen und Künstler gegen diesen Irrsinn klagen, bis endlich eine Grundsatzdebatte auf politischer Ebene angestoßen wird. Das jedoch erfordert immense finanzielle Ressourcen. Und hier beißt sich die Katze wieder mal in den Schwanz: diejenigen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, gehören absehbarerweise zu den durch die GEMA-Strukturen Priviligierten - und werden sich kaum selber den Ast absägen, auf dem sie sitzen…
Somit bleibt die Hoffnung, daß die im letzten Juli mit überwältigender Beteiligung beim deutschen Bundestag eingereichte Petition, die sich immer noch “in der parlamentarischen Prüfung” befindet, zu einer eingehenden Untersuchung und nötigenfalls Regulierung der GEMA führt. Angesichts der derzeitigen (verfilzten, von Interessengruppen beeinflußten und in meinen Augen total korrupten) politischen Gefüge halte ich das aber für eher unwahrscheinlich.
Verbleibt also nur noch der Appell an alle angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder, ihre Mitgliedschaft angesichts dieser Umstände (und mit Blick auf die Relation zwischen dem, was sie der GEMA zahlen und dem, was sie ausgezahlt bekommen) noch einmal gründlich zu überdenken. Und auszutreten.
Denn: was haben wir von einer Verwertungsgesellschaft, die uns unsere Rechte nimmt anstatt sie zu schützen?
Imagine…
8. Dezember, 2009 @ 20:24 | Kultur & Kontext |
… all the people living for today…
Kommentare (2)An die Arbeit!
1. Dezember, 2009 @ 11:05 | Kultur & Kontext |
Nicht nur heute.
Kommentare (0)Uni brennt
13. November, 2009 @ 10:48 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
Und ich hoffe, daß das viel, viel weiter geht als damals zu meiner Zeit die flammenden Proteste gegen das Hochschulrahmengesetz, die leider doch erfolglos blieben, weil es uns nicht gelang, weitere Teile der Bevölkerung für unser Anliegen zu mobilisieren.
Die derzeitige Bildungsmisere jedoch ist global; viel umfassender als nur auf die Universitäten beschränkt.
Es geht um nichts weniger als um die Umgewichtung unserer Gesellschaft durch die Unterwerfung von Bildung und Kultur unter die Gesetze der Marktwirtschaft - eine verheerende Fehlentwicklung, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg schleichend stattgefunden hat und deren Folgen jetzt allmählich denjenigen bewußt werden, die die Konsequenzen zu tragen haben.
Was derzeit angeboten wird, ist fast nur noch AUSbildung, nicht mehr Bildung. Letztere umschließt nämlich mehr als das Aneignen von Fertigkeiten, um dann mit deren Hilfe möglichst viel Geld verdienen zu können. Bildung bedeutet das Erlangen von Erkenntnissen. Solch ein Prozess ist immer individuell. Und nur er befähigt einen Menschen, einen wirksamen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft überhaupt leisten zu können.
Wenn, wie ich im Radio hörte, ein dreizehnjähriges (!) Mädchen erzählt, sie werde ihrem Traum, Cellistin zu werden, nicht folgen, weil man davon ja nicht leben könne, und stattdessen lieber etwas Einträgliches studieren, dann ist etwas faul in dieser Gesellschaft. Und zwar gewaltig.
Die (”Bildungs-”)Politiker salbadern von der “Umsetzung von Konzepten” - welchen Konzepten bitteschön?
Die hiesigen Bachelor- und Masterstudiengänge sind m. E. ebenso unausgegoren wie das achtstufige Gymnasium.
In Deutschland scheint es nicht um inhaltlich wertbringende Veränderungen zu gehen (an denen dann auch alle Betroffenen beteiligt werden müssen, also auch die SchülerInnen, LehrerInnen, StudentInnen und DozentInnen), sondern vor allem um eins: den Erhalt von Hierarchien und Verwaltungsstrukturen. Eine wirkliche Reform wird diese zur Disposition stellen müssen.
Bildung und Kultur sind keine Marktgrößen. Ein Staat, der diese Werte nur mit den Maßeinheiten der Ökonomie mißt, wird zu einem erstarrten System und verliert seine lebendige Struktur.
Ich wünsche den Studentenprotesten, daß der Funke überspringt. Auf Eltern, die die Nase voll haben von einer angeblichen Chancengleichheit für ihre Kinder, die doch nur auf dem Papier existiert. Auf Kulturschaffende, die den Wert der Wissenschaften kennen und deren Verfall aufhalten wollen. Auf alle, die noch einen Funken Geist in der Seele haben.
Kommentare (8)Vor zwanzig Jahren
9. November, 2009 @ 13:56 | Kultur & Kontext, Persönliches |
Leben auf dem Lande, Leben in einem anderen Rhythmus, ohne Fernseher und Tageszeitung, die “Zeit” kam regelmäßig, aber spät, und die Deutsche Welle ließ sich nur bei guten Wetterverhältnissen und mit sattem Grundrauschen empfangen.
Leben in den Zeitaltern der Musik, Leben im Takt voller Tage. Der Lauf der Welt, der mich den Sommer über in Atem gehalten und in mir die Ahnung reifen gelassen hatte, daß die alte Ordnung und Versteinerung der politischen Verhältnisse schon bald nicht mehr gelten könnte, ging auch ohne mich seinen Gang. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zu versäumen. Ich war zuversichtlich.
Der neunte November war ein Donnerstag. Ich weiß nicht mehr genau, was ich an dem Tag gemacht habe. Ein paar Seminare, Shakuhachi-Unterricht, die Kammerchor-Probe am Abend. Der Tag endet früh im November in Devon, der Nebel breitet sich darüber und weicht oft erst am nächsten Vormittag.
Am Abend dieses nächsten Tages, also am 10., gab eine Freundin von mir mit einem Kollegen ein Folk-Konzert in meiner Lieblingskneipe, und ich hatte mich dort mit ein paar Freunden verabredet. Ich war den Tag über ziemlich beschäftigt gewesen, kam dennoch pünktlich, holte mir einen Cider, hängte den Mantel über den Stuhl und begrüßte die Runde am Tisch.
“Well, my dear”, sagte ein Kumpel “what do you say about the Wall having come down?”
…
???
!!!!!
Ich japste “I’ll be back soon”, ließ Cider und Mantel, wo sie waren, schnappte mir meinen Geldbeutel und stürzte aus dem Lokal, die Straße hinunter in die nächste Telefonzelle, die wunderbarerweise nicht von dauertelefonierenden Jugendlichen besetzt war. Kurz darauf hatte ich meine Eltern am Telefon.
“Wir sitzen seit gestern nacht vor dem Fernseher. Es ist unbeschreiblich. Zu den Verwandten im Osten kommen wir telefonisch nicht durch, die Leitungen sind ständig besetzt. Wahrscheinlich ist alles zusammengebrochen.”
Ich ließ mir berichten, hörte im Hintergrund die ungewohnt emotionsgeladene Stimme eines Nachrichtensprechers, Jubelrufe einer fernen Menschenmenge, Lachen. Sah hinaus auf die nächtliche, regennasse englische Straße; das Licht der Laternen färbte den Nebel golden. Ich hatte Tränen in den Augen.
Meine Familie war durch den eisernen Vorhang entzweigerissen worden; diejenigen, die es in den Westen geschafft hatten, hatten ihre Heimat verloren. Meine Großeltern hätten nicht damit gerechnet, eine Änderung der Verhältnisse noch zu erleben. Ich freute mich so für sie.
Ich wühlte in der Hosentasche nach ein paar zusätzlichen Münzen und führte ein weiteres Telefongespräch, mit meinen Verwandten in der DDR, die ich von England aus seltsamerweise problemlos erreichen konnte. Überbrachte Grüße aus Westdeutschland. Ein Wort, das als Zielangabe auf jedem meiner Briefe stand. Ein Wort, das es bald nicht mehr geben würde.
Ob ich es bedaure, zu jener euphorischen Zeit nicht in Deutschland gewesen zu sein?
Es hat Augenblicke gegeben, in denen es so war. Aber die blieben kurz. In England gingen die Uhren langsamer, zumindest in der friedlichen Ecke des Landes, in der ich lebte. Und dadurch weitete sich mein Blick. Ich sah hinüber auf den Kontinent, wie durch ein Fernglas, das die Dinge weit weg rücken ließ, aber auch ganz merkwürdig deutlicher sichtbar machte. Gemeinsam mit ein paar anderen Deutschen im “freiwilligen Exil” führte ich viele Gespräche.
Wir wurden hellsichtig. Und wir blieben nüchtern.
Zur bevorstehenden Bundestagswahl…
15. September, 2009 @ 13:22 | Kultur & Kontext |
… fand ich gerade eine extrem interessante Betrachtung von Richard David Precht (ein Klick auf das Zitat führt zum Artikel):
“Wer tagtäglich indoktriniert wird, sich Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen, genießt eine staatsbürgerliche Erziehung von zweifelhaftem Zuschnitt. Ein Milliardenaufwand an Werbegeldern bombardiert die wackeligen Behausungen unserer Werte: die Moral der Kindheit, ein kleiner, meist winziger Rest Religion und ein bisschen Demokratieverständnis aus der Schulzeit. Ein ungleicher Kampf. Niemand fragt heute mehr, ob sein Premiumtarif gegenüber anderen fair ist. Das sogenannte Individualprinzip als elementarer Kern der Marktwirtschaft muss mit einem durchdachten Sozial- und Humanitätsprinzip in Balance gehalten werden, predigte einst Ludwig Erhards Lehrmeister Wilhelm Röpke. Der Focus setzte dies schon zur vorletzten Bundestagswahl außer Kraft: Wen würde Ihr Geld wählen? lautete der Titel. Wählen allein nach monetären Interessen – auffälliger lässt sich die Aufkündigung der Solidarität nicht plakatieren.”
Trotz alledem habe ich das Gefühl, daß gerade etwas in Umbruch gerät. Zehntausende gehen in Berlin demonstrieren, gegen die kurzsichtige Atompolitik, gegen Überwachung und Zensur. Die Generationen, denen lange Zeit Politikverdrossenheit unterstellt worden ist, kommen in die Gänge.
Ich gehe heute schon zur Wahl. Vielmehr zum Briefkasten. Mit meinen ausgefüllten Briefwahlunterlagen. Und ich habe nicht taktisch gewählt. Sondern meine beiden Kreuzchen da gemacht, wo ich Bewegung verspüre, wo die Strukturen durchlässig genug sind, daß ich die Hoffnung habe auf die erneute Verwirklichung sozialer und humanitärer Werte. Diese neu zu durchdenken ist allerdings nicht Aufgabe der Parteien allein. Sondern einer jeden und eines jeden von uns.
Kommentare (1)Brockhaus ade
23. Juli, 2009 @ 14:17 | Kultur & Kontext, Persönliches |
Im Bücherregal meiner Großeltern standen drei vereinsamte Bände eines Konversationslexikons aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Sobald ich lesen konnte, habe ich mir die geheimnisvoll-muffig riechenden Wälzer immer wieder gemopst und in den gesammelten, wenn auch teilweise bereits sehr veralteten Erkenntnissen der Welt geblättert.
Später kam dann der Brockhaus, ein ebenfalls großelterlich subventioniertes Riesenprojekt, das aber in mein Elternhaus einzog. Da hatte ich dann genügend Material, um mich “vom Hölzchen aufs Stöckchen” durch diverse Themen zu recherchieren. Es begann meist mit irgendeiner Idee, einer Frage, einer Unklarheit, woraufhin einer der schweren Bände aus dem Regal gezogen wurde. Am Ende waren es dann meist ein halbes Dutzend; ich lag auf dem Teppich und die Bücher drumherum. Das war immer wie eine Reise durch das Zeitgedächtnis. Und meistens landete ich bei völlig unerwarteten Dingen.
Mit Online-Lexika geht so ein Hüpfen von Link zu Link natürlich auch. Und das Gute ist ja, daß das dort enthaltene Wissen allen zur Verfügung steht und niemand dafür Unsummen hinblättern muß.
Daß sich die Druckversion des Brockhaus nicht mehr gewinnbringend unters Volk bringen läßt, ist logisch angesichts der Entwicklungen der digitalen Medien. Traurig ist es trotzdem. Denn freilich muß man, wie es in dem Handelsblatt-Artikel zum Ende der Brockhaus-Printausgabe heißt, “die Realitäten anerkennen”. Aber schön finde ich all ihre Konsequenzen, vor allem diejenigen, die “Entweder-Oder” heißen, deshalb noch lange nicht.
Ich hatte mir doch so gewünscht, mir irgendwann einmal, wenn es endlich geklappt hat mit dem berühmt und reich werden, so eine edle Ausgabe in die dann natürlich ebenfalls vorhandene Bibliothek stellen zu können, nebst englischem Ohrensessel und dazugehörigem Teetisch am Gartenfenster.
Wikipedia auf dem Laptop ist einfach kein ästhetisch befriedigender Ersatz.
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