Alles nur kopiert?
14. Februar, 2010 @ 15:56 | Kultur & Kontext, Liederschreibseln, Öffentliche Ärgernisse |
Es gibt nur zwölf Töne.
Es gibt nur 26 Buchstaben.
(Zumindest hier in unserem hiesigen westeuropäischen Kulturkontext.
)
Was also ist Originalität?
Das ganz Neue, nie zuvor Dagewesene?
Das völlig Unerwartete, jeglichen Rahmen Sprengende?
Solches existiert, aber es ist rar - und auch nicht unbedingt entscheidend originell.
Originell wird ein Kunstwerk, indem es das Eigene sagt. Berührend wird ein Kunstwerk, indem es denjenigen, der es wahrnimmt, an sein Eigenes erinnert. Wir sind alle Individuen (auch wenn manche “ich nicht” schreien
). Und wir teilen gleichzeitig unsere menschlichen Grundstrukturen, auch die kulturellen.
Inspiration ist nicht nur natürlicher Teil, sondern Voraussetzung jeglichen kreativen Ausdrucks. Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen.
Hätte Rainer Maria Rilke nicht gelebt, gäbe es wahrscheinlich kein einziges meiner Gedichte, zumindest nicht in dieser Form. Denn Rilke hat mich zutiefst inspiriert. An seinen Versmaßen, seinen Wortfindungen habe ich mich geschult. Über lange Jahre, bevor ich überhaupt selber eine Silbe auf das Papier brachte.
In der klassischen Musik gibt es eine wunderbare Form, “Variationen über ein Thema von…” Hier wird ein musikalisches Motiv eines anderen Komponisten aufgegriffen, variiert, in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht. Immer ist dabei der Ursprung benannt und bekannt. Trotzdem handelt es sich bei den Variationen um ein völlig eigenständiges Werk.
Ich kann mir durchaus vorstellen, mal eine lyrische Variation über rilkesche Motive zu schreiben. Oder Songtexte von KollegInnen aufzugreifen und deren Thema in eine andere Richtung weiterzuspinnen. Bei beiden Aktivitäten wäre es mir aber eine Selbstverständlichkeit, die Inspirationsgeber zu benennen.
So und nicht anders funktioniert auch das heute vielzitierte “Copy/Mix/Share”.
In der aktuellen Rezeption werden aber oft nur zwei Extreme wahrgenommen: entweder wird eine Originalität postuliert, die überhaupt nicht existieren kann (denn, wie gesagt, es gibt nur zwölf Töne), oder es wird gleich behauptet, daß eh alle Autoren/Komponisten etc. “nur voneinander abschreiben” und Originalität im eigentlichen Sinne (was soll der dann überhaupt sein?) sowieso unmöglich ist.
Das ist mir beides zu eng gedacht. Und außerdem unlogisch. Denn irgendwo muß das Schreiben ja begonnen haben…
Die aus dem Geniekult der frühen Moderne geborene Attitüde “alles künstlerisch Wertvolle ist kontextloses Original” ist also ebenso Unfug wie “alles ist Kopie”.
Und ich weigere mich vehement, mich in einen dieser beiden überflüssigen Töpfe werfen zu lassen.
Zwischen der absoluten Eigenschöpfung und dem Plagiat liegt eine riesige Bandbreite. Es gibt unerhört Neues, es gibt eigenständige Werke, in denen die Einflüsse anderer deutlich sicht- und spürbar sind, und es gibt Kopien ohne nennenswerte eigene Schöpferkraft. Die Unterschiede sind erkennbar. Das Ganze ist also nicht beliebig, nur weil es kaum ein Schwarz oder Weiß gibt, sondern eine schattierte Grauzone.
Wer sich allerdings nicht die Mühe macht, sich seiner eigenen Ansprüche als Rezipient bewußt zu sein, dem kann man wirklich alles andrehen. Wohl bekomm’s!
(Als Künstlerin habe ich natürlich auch Ansprüche, unter anderem eben den, das, was ich aus einer Quelle schöpfe, mit meinem eigenen Aroma zu versehen, bevor ich es weiterreiche… Dazu gehört natürlich auch die Nennung meiner Quelle. Und das eigene Aroma wird die Hauptfarbe, der Geschmacksträger sein, nicht nur ein Hauch von Gewürz.)
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Ergänzung und Erklärung: ich schrieb dies, weil ich (wieder einmal) vernehmen mußte, daß wir Autoren ja doch nur alle voneinander abschreiben - ein beliebtes Scheinargument dafür, unsere Werke für “nicht schützenswert” zu erklären. Oder gleich für “nicht wert”?
Wer so argumentiert, erklärt meine Arbeit für wertlos. Das ist nicht nur eine totale Frechheit, die ich sehr persönlich nehme, sondern auch eine Haltung, gegen die ich mich aktiv zur Wehr setze.
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Ergänzung Nummer zwei:
Die berühmte “Causa Brecht” (Villon-Plagiate ohne Referenz) wird ja gerne als Rechtfertigung herangezogen. Nur, weil jemand Berühmtes plagiiert hat, soll es allgemein akzeptabel sein? Nö.
Niemand würde auf die Idee kommen, z. B. die Tat eines Bubi Scholz aufgrund seiner Berühmtheit für annehmbar und beispielhaft anzusehen… Das gilt für Brecht ebenso. Nur war’s in dessen Fall halt kein Kapitalverbrechen.
Aber richtig war es nicht, geschweige denn vorbildlich. Einzig, weil jemand mit so etwas durchgekommen ist, heißt es nicht, daß es dann automatisch ok ist.
Das alte Dilemma…
29. Januar, 2010 @ 09:51 | Öffentliche Ärgernisse |
… mit den “Ewig-Gestrigen”, den Rassenquasslern und Menschenrechtsverächtern, liegt in der Frage: wie geht diese Gesellschaft mit ihnen um? Explizit: was ist zu tun, wenn Neonazis sich in der Öffentlichkeit, z. B. an der Universität positionieren wollen?
SpOn illustriert diese Hilflosigkeit am Beispiel eines rechtsextremen Politikwissenschaftsstudenten an der Uni Magdeburg. Fazit der Ausführungen: Funktionieren tut nix.
Weder öffentliche Debatten im universitären Raum, die von den Rechtsextremen zur Selbstdarstellung vereinnahmt werden, noch studentische “Wurfübungen” mit Tomaten und Farbbeuteln, die nichts anderes sind als die Übernahme der Methoden der Gegenseite.
Einzig wirksam scheint mir die Herangehensweise eines Professors zu sein, der dem Kandidaten wissenschaftliche Inkompetenz attestiert (was in diesem Fall nicht allzu schwierig sein dürfte; rechtsextreme politische Thesen können allein aufgrund ihrer Einseitigkeit kaum so etwas wie wissenschaftliche Validität aufweisen).
Meines Erachtens greift aber die Betrachtung von Anfang an zu kurz. Da steht nämlich der verführerisch hilflose Satz:
Verbieten, bekämpfen, verjagen? Davon gehen die Neonazis nicht weg, sie werden nur unsichtbar - also gefährlicher.
Eine unbewiesene These.
Es geht ja hier nicht um das Verbot eines “nur unbequemen” Elements in dieser unserer Gesellschaft. Unbequeme Meinungen, Thesen, Theorien und Weltanschauungen sind notwendiger und belebender Teil jeder demokratischen Pluralität. Rechtsextremismus hingegen zielt auf die Aufhebung ebendieser Pluralität, auf die Zerstörung menschenrechtlich legitimierter Gemeinschaft. Und hat infolgedessen in dieser keinen rechtmäßigen Platz.
Meiner Meinung nach ist es genau umgekehrt: die Neonazis werden immer gefährlicher, je sichtbarer und hörbarer sich sich aufgrund dieser mittlerweile verbreiteten politischen und gesellschaftlichen Hilflosigkeit machen können.
Ihre Strategien richten sich außerdem - ganz trendgemäß - immer stärker auf den ausgewiesenen Raum des “Unpolitischen”, ja sie streben diesen geradezu an: im Wissen, daß er ihnen Sicherheit gibt, ihre Ideologie, ummäntelt als “Meinung”, als “persönliche Haltung, die ja umhimmelswillen nicht politisch verstanden sein will” unter’s Volk zu bringen. Was trefflich mit einer mittlerweile weitverbreiteten falschen Auffassung von Meinungsfreiheit zusammenfällt. Menschenverachtende Ideologien stehen nämlich außerhalb aller Gesellschaftssysteme, denen eine Kategorie wie “Meinungsfreiheit” eigen ist. Genau dort, wo sich tatsächlich der in letzter Zeit so häufig fehlzitierte “rechtsfreie Raum” befindet.
Eigentlich ist all dies bereits gesagt worden, in der Diskussion auf Svens Weblog. Bitte ganz lesen, auch wenn einem bei manchen Kommentaren das kalte Grausen kommen mag. Die im SpOn-Artikel aufgefächterte Hilflosigkeit mag einen dann wirklich nicht mehr wundern.
Der Neoliberalismus hat einen Begriff bis zur Unkenntlichkeit verformt und mißbraucht: Eigenverantwortlichkeit.
Hier jedoch kommt er in seiner Ursprungsbedeutung zurück ins Spiel. Wer die Mechanismen rechtsextremer Ideologien durchschaut und sie als inakzeptabel und zerstörerisch gegenüber freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsformen erkennt, wird nicht in die Falle tappen, ein Verbot und eine aktive Bekämpfung dieser Ideologien als “Zensur” oder “Gedankenverbot” zu brandmarken (und damit unfreiwillig genau die verquasten “Argumente” der Rechtsextremen zu übernehmen). Sondern sich selbst als Teil dieser Gesellschaft begreifen, “den Staat” also nicht als etwas, das ihm, dem Bürger, gegenübersteht, sondern als die Gesellschaft, deren Teil er ist und deren politische Handlungsfähigkeit immer auch von seiner eigenen Positionierung abhängig ist.
UnGEMAch
24. Januar, 2010 @ 12:31 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
Hier bei gulli.com steht’s: Barbara Clear hat ihre Berufungsverhandlung gegen die GEMA verloren.
Ich bin entsetzt, wütend und enttäuscht.
Aber auch überrascht?
Leider nicht völlig.
Im Gegensatz zu privatrechtlichen Abmachungen, bei denen durchaus in Betracht gezogen wird, was bei einem Vertrag intendiert ist (es also schwer ist, jemandem etwas ganz anderes zu verkaufen, als das, was er eigentlich haben wollte, siehe Verbraucherschutzgesetze), ist das beim gewerblichen Recht ganz anders: hier gilt ausschließlich, was im Vertrag schriftlich niedergelegt ist; sämtliche Zusatzvereinbarungen bedürfen der Nachweispflicht. Änderungen von Verträgen während ihrer Dauer sind also durchaus möglich und werden in den meisten Fällen nicht als sittenwidrig eingestuft.
Mit kaum zu überbietendem Zynismus nutzt die GEMA diesen Spielraum.
Dies zeigt sich auch in den bei gulli.com zitierten Äußerungen des GEMA-Vorstandsmitglieds Georg Oeller, der sich bereits vor einigen Monaten zum ersten Prozeß von Barbara Clear zu Wort meldete:
“Die Fragen des Rechts werden in Deutschland an ordentlichen Gerichten entschieden. Und da lassen wir uns nicht die Butter vom Brot nehmen. Wir gewinnen unsere Prozesse in dem Fall und dann ist es so.(…)”
Oeller geht aber noch weiter:
Dem Publikum der c/o pop erklärte er, dass es in Deutschland das Prinzip der Privatautonomie gäbe. Jeder könne für sich selbst entscheiden, ob er oder sie Mitglied der GEMA werden wolle.(…) Auch wies er darauf hin, dass die Interpreten genau wüssten, worauf sie sich bei der Vertragsunterzeichnung einlassen würden. “Wir treten in diesem Sinne auch nicht als Monopolist auf.” (…) Nicht er, sondern die Mitglieder würden über den Aufbau der Verwertungsgesellschaft bestimmen.
Tatsache ist: Die GEMA ist de facto ein Monopolist, denn es gibt keine andere gleichartige Verwertungsgesellschaft. Ob diese Monopolstellung jetzt von der GEMA selber so gewollt ist oder nicht, ist dabei vollkommen irrelevant. Das Problem ist auch nicht das Monopol per se, sondern die Art und Weise, wie die GEMA es mißbraucht.
Wer bei der GEMA einen Vertrag unterzeichnet, kann gar nicht dauerhaft wissen, worauf er sich einläßt, denn die Statuten können geändert werden - und während der letzten Jahre ist dies auch mehrfach passiert. Und zwar zu Ungunsten der mehr als 50 000 “angeschlossenen” und “außerordentlichen” Mitglieder, die dabei entgegen von Oellers Behauptung kein Wörtchen mitzureden hatten. Mal eben rasch austreten geht dann auch nicht; das habe ich aber selbst erst nach einiger Recherche herausgefunden.
Meines Erachtens agiert die GEMA scheindemokratisch. Nach außen in und in ihrer Eigendarstellung handelt es sich um einen Verein, in dem die Mitglieder Struktur und Richtung bestimmen. In Wahrheit jedoch tut dies eine kleine Minderheit, und die Mehrheit zahlt zwar Beiträge, hat aber keine bzw. nur stark beschränkte Rechte.
Es ist ein Unding, daß so etwas vertragsrechtlich überhaupt möglich ist. Hier aber kommt ins Spiel, was ich anfangs beschrieb: formaljuristisch ist dies in der Bundesrepublik Deutschland vollkommen legitim. Wenn auch ungerecht.
Was bleibt zu tun?
Es wäre tatsächlich wünschenswert, daß noch viel mehr betroffene Künstlerinnen und Künstler gegen diesen Irrsinn klagen, bis endlich eine Grundsatzdebatte auf politischer Ebene angestoßen wird. Das jedoch erfordert immense finanzielle Ressourcen. Und hier beißt sich die Katze wieder mal in den Schwanz: diejenigen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, gehören absehbarerweise zu den durch die GEMA-Strukturen Priviligierten - und werden sich kaum selber den Ast absägen, auf dem sie sitzen…
Somit bleibt die Hoffnung, daß die im letzten Juli mit überwältigender Beteiligung beim deutschen Bundestag eingereichte Petition, die sich immer noch “in der parlamentarischen Prüfung” befindet, zu einer eingehenden Untersuchung und nötigenfalls Regulierung der GEMA führt. Angesichts der derzeitigen (verfilzten, von Interessengruppen beeinflußten und in meinen Augen total korrupten) politischen Gefüge halte ich das aber für eher unwahrscheinlich.
Verbleibt also nur noch der Appell an alle angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder, ihre Mitgliedschaft angesichts dieser Umstände (und mit Blick auf die Relation zwischen dem, was sie der GEMA zahlen und dem, was sie ausgezahlt bekommen) noch einmal gründlich zu überdenken. Und auszutreten.
Denn: was haben wir von einer Verwertungsgesellschaft, die uns unsere Rechte nimmt anstatt sie zu schützen?
To be or Biometrie?
14. Dezember, 2009 @ 12:49 | Öffentliche Ärgernisse |
Ab 1.11.2010 sollen jetzt also diese Hundechips für Menschen neuen biometrischen und auch noch mit RFID verschandelten Ausweise eingeführt werden. So was will ich gar überhaupt nicht haben.
Ab 11.11.2010 ist es wieder möglich, Künstlernamen in den Perso eintragen zu lassen. Das brauche ich ganz dringend, sonst kann ich nicht mal meine Päckchen von der Post abholen.
Und was nun?
Ich bin, sehr gelinde gesagt, stinksauer.
Was ist das für ein Staat, der seine Bürger unter Generalverdacht stellt?
Was ist das für ein Staat, der Künstler-Sein als irrelevant für die Identität der Kulturschaffenden wie auch der allgemeinen Öffentlichkeit wertet (das gedankenlose Abschaffen der Künstlernamen im Perso ist dafür ebenso ein Symptom wie die rasche Zurücknahme dieses Blödsinns auf Betreiben einer einzigen (!) Abgeordneten, siehe Link oben).
Und es steht zu befürchten, daß es den meisten Bürgern doch wieder egal ist, nach dem ebenso fadenscheinigen wie irrigen Motto “können wir eh nix machen” bzw. “wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten”…
Daß letzteres falsch ist, wußte schon Martin Niemöller. Und mit ersterem will ich mich nicht zufriedengeben. Es muß doch noch andere KünstlerInnen (oder Ordensleute, die betrifft das nämlich auch!) geben, die gerne korrekt benamst und so lange wie möglich biometriefrei sein wollen…
Meine heimliche Hoffnung ist ja, daß das ALLE wollen. Ich koche mir jetzt einen Baldriantee und sinke in wildwuchernde Träume. Was sehe ich da in Technicolor? Geröstete RFID-Chips? In Aschenbechern und Öltonnen flackernde Ausweise? Findige Juristen, die Musterprozesse aufrollen? Straßen voller Demonstranten? Demokratie? Ja wirklich, Demokratie?
Kommentare (10)Uni brennt
13. November, 2009 @ 10:48 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
Und ich hoffe, daß das viel, viel weiter geht als damals zu meiner Zeit die flammenden Proteste gegen das Hochschulrahmengesetz, die leider doch erfolglos blieben, weil es uns nicht gelang, weitere Teile der Bevölkerung für unser Anliegen zu mobilisieren.
Die derzeitige Bildungsmisere jedoch ist global; viel umfassender als nur auf die Universitäten beschränkt.
Es geht um nichts weniger als um die Umgewichtung unserer Gesellschaft durch die Unterwerfung von Bildung und Kultur unter die Gesetze der Marktwirtschaft - eine verheerende Fehlentwicklung, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg schleichend stattgefunden hat und deren Folgen jetzt allmählich denjenigen bewußt werden, die die Konsequenzen zu tragen haben.
Was derzeit angeboten wird, ist fast nur noch AUSbildung, nicht mehr Bildung. Letztere umschließt nämlich mehr als das Aneignen von Fertigkeiten, um dann mit deren Hilfe möglichst viel Geld verdienen zu können. Bildung bedeutet das Erlangen von Erkenntnissen. Solch ein Prozess ist immer individuell. Und nur er befähigt einen Menschen, einen wirksamen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft überhaupt leisten zu können.
Wenn, wie ich im Radio hörte, ein dreizehnjähriges (!) Mädchen erzählt, sie werde ihrem Traum, Cellistin zu werden, nicht folgen, weil man davon ja nicht leben könne, und stattdessen lieber etwas Einträgliches studieren, dann ist etwas faul in dieser Gesellschaft. Und zwar gewaltig.
Die (”Bildungs-”)Politiker salbadern von der “Umsetzung von Konzepten” - welchen Konzepten bitteschön?
Die hiesigen Bachelor- und Masterstudiengänge sind m. E. ebenso unausgegoren wie das achtstufige Gymnasium.
In Deutschland scheint es nicht um inhaltlich wertbringende Veränderungen zu gehen (an denen dann auch alle Betroffenen beteiligt werden müssen, also auch die SchülerInnen, LehrerInnen, StudentInnen und DozentInnen), sondern vor allem um eins: den Erhalt von Hierarchien und Verwaltungsstrukturen. Eine wirkliche Reform wird diese zur Disposition stellen müssen.
Bildung und Kultur sind keine Marktgrößen. Ein Staat, der diese Werte nur mit den Maßeinheiten der Ökonomie mißt, wird zu einem erstarrten System und verliert seine lebendige Struktur.
Ich wünsche den Studentenprotesten, daß der Funke überspringt. Auf Eltern, die die Nase voll haben von einer angeblichen Chancengleichheit für ihre Kinder, die doch nur auf dem Papier existiert. Auf Kulturschaffende, die den Wert der Wissenschaften kennen und deren Verfall aufhalten wollen. Auf alle, die noch einen Funken Geist in der Seele haben.
Kommentare (8)Schweinerei
19. Oktober, 2009 @ 21:34 | Öffentliche Ärgernisse |
Es wäre doch ganz einfach: der wirkstoffverstärkerfreie Schweinegrippe-Impfstoff, der für Regierung und Bundesbeamte geordert wurde, wird an Schwangere und Kleinkinder ausgegeben - und alle anderen bekommen das Zeug aus der Großbestellung. Warum auch nicht? Ist doch alles eh dasselbe, oder? Wir haben hier keine Zwei-Klassen-Gesellschaft! (Sagt zumindest die Regierung.) Da geht es doch nuuuuur um die Erfüllung uralter Verträge, und was kann man denn dafür, daß die Firma, mit denen man seit 2008 einen Kontrakt hat, nun mal bloß Impfstoff ohne Wirkverstärker herstellt?
Was ich an der Sache am allerschlimmsten finde, ist, daß diejenigen, die für all das verantwortlich sind, wirklich glauben, was sie da erzählen. Und daß sie nichts Schlimmes daran finden. An Sonderregelungen zu eigenen Gunsten ebensowenig wie an Quecksilber in Impfstoffen für Kleinkinder.
Mein Hausarzt hat mir den ganzen Schmarrn mit den Adjuvantien übrigens schon vor Wochen gründlich erklärt. Mittlerweile (und endlich) pfeifen es ja schon die Spatzen von den Dächern.
So allmählich kann ich verstehen, warum gewissen Angehörigen der Gattung homo politicus das Internet ein Dorn im Auge ist. Es ist gefährlich. Es wird immer stärker von Angehörigen der Gattung homo sapiens bevölkert. Und denen geht es um Wissen. Um Information. Um Licht ins Dunkel der Verschleierung und Heuchelei.
Sapere aude.
Kommentare (5)Vorbeugehaft
28. September, 2009 @ 17:59 | Öffentliche Ärgernisse |
Wie wäre es denn, Bush senior und am besten auch gleich Bush junior für eine Weile in Polizeigewahrsam zu nehmen, zumindest so lange bis diese weltweiten terroristischen Bedrohungen endlich eingedämmt sind? Aufgrund ihrer erwiesenen Kontakte zum Bin-Laden-Clan geht von ihnen doch ein absolut unkalkulierbares Sicherheitsrisiko aus.
Natürlich soll es sich hierbei um eine rein vorbeugende Maßnahme handeln; den beiden sind ja keine Straftaten vorzuwerfen.
In Amerika müßte so was doch eigentlich möglich sein. Hier natürlich nicht, neinnein, wir leben ja im einzig wahren, humanistischen, werteuntermauerten, menschenrechtsverpflichteten Rechtsstaat.
Kommentare (1)GEMA verklagt Bochum Total
30. Juni, 2009 @ 08:44 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
Neinneinnein, werden sie sich wehren, die Juristen der GEMA, das hat schon alles seine von uns persönlich verfaßte und nach unserem Belieben ausgelegte Ordnung.
Ganz von vorne: Da organisiert also jemand ein Festival. Nicht irgendeines, sondern das größte des Ruhrgebietes. Frei finanziert, kostenlos für die Besucher, vielseitig, mit einem hohen Qualitätsanspruch und viel Raum für Nachwuchskünstler. “Bochum Total” eben.
So etwas ist natürlich ein hohes unternehmerisches Risiko und wäre ohne gewaltigen Enthusiasmus überhaupt nicht möglich. Marcus Gloria ist einer, der das packt. Jetzt ist er allerdings froh, einen Anwalt zum Bruder zu haben, denn die GEMA hat ihn verklagt. 12000 Euro wollte sie für das letztjährige Festival kassieren. Gloria, lange im Geschäft, kennt jedoch seine Zahlen und weiß, daß dieser Betrag vollkommen überzogen ist - normal wäre die Hälfte, also 6000 Euro zu entrichten.
Eine Stellungnahme der GEMA war nicht zu bekommen, stattdessen flatterte die Klage ins Haus.
Marcus Gloria wird sich (hoffentlich!) mit Hilfe seines Bruders zu wehren wissen. Vielleicht sollten die beiden Barbara Clear auch gleich mit ins Boot nehmen. Denn eines haben die beiden Fälle gemeinsam: Willkür und Undurchsichtigkeit seitens der GEMA.
Übrigens: von den 6000 Euro, der regulären GEMA-Gebühr für “Bochum Total”, kommen bei den dort aktiven Künstlern nur 800 Euro an…
Kommentare (5)Rein und raus
29. Juni, 2009 @ 20:15 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
In den Kommentaren zu meinem Bericht über Barbara Clear schrieb Sven:
“Wobei das mit dem Austreten (Anm.: aus der GEMA) scheinbar garnicht sooo einfach ist, wenn man mal drin ist.”
Das stimmt - und ich habe es auch erst heute erfahren.
Ein Künstler, der dieser Tage austreten wollte, hörte von der GEMA, seine Mitgliedschaft “dauere eigentlich bis 2011″. Irgendwie hat er es dann doch geschafft, aber offenbar gibt es da ein Problem. Bzw. die Frage, wie lange so eine Berechtigungsübertragung (was anderes ist es ja nicht) eigentlich dauert.
Auf der Seite der GEMA habe ich zur Dauer der Mitgliedschaft erst mal nichts gefunden. Ich las die herunterladbaren PDFs durch: die Mitgliederbroschüre, den Aufnahmeantrag, schließlich den Berechtigungsvertrag.
Dort fand ich schließlich § 10:
Der Vertrag wird (…) zunächst für die Dauer von sechs Jahren geschlossen. Falls der Vertrag nicht ein Jahr vor Ablauf schriftlich gekündigt wurde, verlängert er sich um jeweils sechs Jahre.
In die GEMA rein kommt man (zumindest als angeschlossenes oder außerordentliches Mitglied) also schnell.
Raus jedoch… das kann dauern…
Umso wichtiger, daß viele der “Dauerdraufzahler” diesen Schritt jetzt endlich vollziehen.
Kommentare (1)Barbara Clear…
29. Juni, 2009 @ 07:16 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
… ist kein “kleiner Fisch”. Sondern eine anerkannte Künstlerin, die es schafft, ihre Musik ausgesprochen kreativ im Alleingang zu vermarkten. GEMA-Mitglied wurde sie allerdings trotzdem, was beim Umfang ihrer Aktivitäten auch ausgesprochen sinnvoll erschien. Daß dieser Schein trog, erwies sich bei der Ausschüttung: statt eines rechnerisch erwartbaren Betrages von € 27 000 (wohlgemerkt: für Einzahlungen von über € 65 000 an GEMA-Gebühren!), erhielt sie nur € 5000.
Barbara Clear fackelte nicht lange und verklagte die GEMA. Was bei dieser Sachlage ja auch ziemlich erfolgversprechend erschien.
Nun ist das Urteil gefallen:
“Es wurde entschieden, daß ich keinerlei Anspruch auf den von mir geforderten Betrag, genauer: überhaupt keinen Anspruch habe. Denn: “Ein etwaiger Zahlungsanspruch ergibt sich nicht aus den zwischen den Parteien geschlossenen Berechtigungsvertrag”, sagt das Gericht. Bedeutet im Klartext, ich habe für meine eigenen Werke nichts zu fordern und zu wollen, dafür gibt es keine rechtliche Grundlage. Die Gema kann mir was bezahlen, aber ob, wie, wann und in welcher Höhe, ist Sache der Gema, aber jeder Veranstalter, jeder Sender und ich als Veranstalterin meiner eigenen Konzerte und Musik sowie als Produzentin meiner eigener Songs haben pauschal an die Gema zu bezahlen, was immer sie auch fordert. (…)
Begründet wird das alles mit schier unglaublichen Konstruktionen und Begründungen wie zum Beispiel, daß es mich nichts angeht und ich auch keine Ansprüche haben kann, wenn ein Veranstalter für mein Konzert und meine Musik Geld an die Gema bezahlt. Das Gericht schreibt: “Das Rechtsverhältnis zwischen der Gema und dem jeweiligen Veranstalter ist streng von dem Rechtsverhältnis zwischen Barbara Clear und der Gema zu trennen. Eine Vermischung dieser Rechtsverhältnisse entsteht auch nicht dadurch, daß Barbara Clear auf Veranstaltungen aufgetreten ist bzw. auf der Veranstaltung Musikwerke von Barbara Clear gespielt wurden.” Heißt wohl ganz allgemein, die Veranstalter laden Geld über Geld in die Gema-Kasse, wohlgemerkt in die Kasse, die für die Rechte der Komponisten und Texter gefüllt werden soll, und der Künstler, Komponist und Texter bekommt aus dieser Kasse das, was die Gema für richtig befindet - Ansprüche hat er nicht.
Ich spiele also 100 Konzerte mit meinen Kompositionen und Texten, der Veranstalter zahlt für die 100 Konzerte 30.000 bis 50.000 Euro an die Gema, und ich habe keinen Anspruch, den ich formulieren kann oder darf. Vielleicht vergütet mir die Gema nach ihrem System und Gutdünken 100, vielleicht 1000 Euro, vielleicht auch 5000 Euro, was auch immer. Und der Rest der Einnahmen, die durch meine Songs entstanden sind, fließt irgendwo hin, keiner weiß es - außer der Gema. Wenn das keine Ausbeutung ist, was denn dann. Und nun auch noch dokumentiert. Die Gema und ihr staatlicher Auftrag, sich um die Rechtewahrnehmung von Komponisten und Texter zu kümmern, bedeutet also nach meiner Meinung: Kassiere mit diesen Dir übertragenen Rechten so viel und wo’s nur geht ab, und füttere die, die Du füttern willst. Und keiner kann Dich wegen solch willkürlicher Umverteilung angreifen.”
Barbara Clear würde gerne in Berufung gehen, aber der verlorene Prozeß hat bereits so viele Kosten auflaufen lassen, daß sie nicht weiß, ob sie das überhaupt kann.
Tatkräftige Unterstützung per Geld im Briefumschlag geht an:
Barbara Clear
Hofer Strasse 3b
94113 Tiefenbach
Was kann noch getan werden gegen diese Impertinenz?
Natürlich immer noch: die Petition unterzeichnen!
Noch-GEMA-Mitgliedern kann man unter diesen Umständen tatsächlich nur zum Austritt raten. Umgehend und massenhaft. Wenn über 50 000 “angeschlossene” und “außerordentliche Mitglieder” zahlen und 3000 “ordentliche Mitglieder” den Löwenanteil des Profits abschöpfen, dann ist das Ausbeutung. Und sonst nichts.
Es ist eigentlich ganz stimmig, daß sich die GEMA ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in der über Urheber- und Verwertungsrechte heiß diskutiert wird, derartig bis zur Kenntlichkeit demaskiert.
Auf die meisten politischen Instanzen in diesem Staat setze ich, ehrlich gesagt, nicht mehr viel Hoffnung. Dennoch habe ich mir einen Funken Zuversicht bewahrt, daß die dringend fällige, auch in der Petition geforderte Überprüfung und Reform dieser AusbeutungsVerwertungs-Gesellschaft sie entweder zerschlägt, oder endlich zu dem macht, was ihr eigentlicher Sinn und Zweck wäre und in früheren Dekaden ja auch tatsächlich einmal war: zu einer Institution, die Künstlerinnen und Künstler bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützt.