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Karan

… supersonic butterfly

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Palliativmedizin, Angst, Vorurteile

4. Februar, 2011 @ 09:58 | Öffentliche Ärgernisse |

Über den Link einer Freundin fand ich diesen Artikel. Darin ist einiges schief dargestellt. Und das möchte ich gerne richtigstellen. Denn Palliativmedizin betrifft uns alle - jeder Mensch muß sterben.

Zuerst also die Sache mit dem Morphium. Der zitierte Arzt einer Palliativstation in Alzey sagt: “Ich hab ein Problem mit dem Morphium, denn jede Droge ist bewusstseinsverändernd.”

Schon allein das Wort “Droge” ist in diesem Zusammenhang völliger Quatsch. In England heißt “drug” schlicht “Medikament”, aber hier hat es einen ganz anderen Kontext, der leider auch in den Köpfen vieler Palliativpatienten herumspukt. Die sagen nämlich meistens selber “Bloß kein Morphium, das ist doch eine Droge”, und die Ärzte haben alle Mühe, ihnen klarzumachen, daß es das eben NICHT ist. Sondern ein sehr gutes, hochwirksames und gut einzustellendes Mittel.

Ich frage mich, ob der Arzt schon mal mit einem Patienten gesprochen hat, der ihm die Wirkung beschreiben konnte. Ich habe das getan. Und erfuhr, daß das Morphium in den meisten Fällen einfach nur müde macht. Und ein angenehmes Gefühl der Schmerzfreiheit gibt.

Manche Patienten brauchen wirklich nur eine geringe Dosis, es gibt aber auch Fälle, wo eine tiefe Sedierung notwendig ist, damit der Patient keine körperlichen oder seelischen Qualen leidet.

Darum geht es nämlich in der Palliativmedizin. Es soll alles getan werden, damit es den Patienten gut geht und sie sich so wohl wie möglich befinden. Morphium wird IMMER total individuell dosiert, ich kann nicht verstehen, warum der Artikel glauben läßt, dies seie etwas Besonderes auf der beschriebenen Station. Das Ziel ist aber nicht “so wenig wie möglich”, sondern “so viel, daß der Patient in einem angenehmen Zustand ist”.

Der zweite Fehler im Artikel: es wird die ganze Zeit von einer Palliativstation gesprochen, aber überhaupt nicht erwähnt, daß Palliativmedizin eigentlich etwas ganz anderes meint, und daß das Beschriebene der Arbeit eines Hospizes entspricht. Und, leider, den traurigen Tatsachen hier in Deutschland. Es gibt einfach immer noch viel zu wenige Hospize. Und die Palliativstationen machen diese Arbeit mit, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Traurige Konsequenz ist, daß sich viele Patienten bis zum Schluß sperren, sich in eine Palliativstation überweisen zu lassen, weil sie meinen “dahin geht man zum Sterben”. Das ist aber gar nicht der eigentliche Sinn dieser Einrichtungen.

“Pallium” heißt “Mantel”: Palliativmedizin “umhüllt” also diejenigen Patienten, die nicht mehr geheilt werden können. (Hier sind wir wieder beim Thema “angenehm”). Das Ziel ist eine möglichst gute Schmerzeinstellung und Beschwerdenkontrolle, damit die letzte Lebenszeit ohne Probleme daheim verbracht werden kann. Ja, das ist das Ziel und das Grundkonzept der Palliativstationen: sie entlassen die Patienten wieder NACH HAUSE. Geben Hilfestellungen und vermitteln Unterstützung für die häusliche Pflege. Informieren die Hausärzte. Als Sterbehäuser waren sie nie gedacht.

Schön wäre es gewesen, wenn dieser Arzt aus Alzey das auch gesagt hätte. Natürlich sterben Menschen auch auf Palliativstationen - aber oft eben nur deswegen, weil es keine Hospize gibt, die sie aufnehmen könnten.

Zurück zum Thema Schmerzmittel, insbesondere Morphium. Ich möchte gerne auf diese Petition beim deutschen Bundestag hinweisen und Euch dringend bitten, sie zu unterzeichnen. Dieser Artikel hat wieder mal belegt, wieviele Vorurteile noch in den Köpfen herumgeistern und wie wichtig es ist, diese endlich aufzulösen. Zum Wohle aller, die leiden.

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Feuer unter der Asche

1. Februar, 2011 @ 11:41 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

Laßt Euch das mal durch den Kopf gehen:

“Wer als Musiker jünger ist als 30 Jahre, hat ein Jahreseinkommen von nur 8909 Euro. Zum Vergleich: Dem Vorstandschef der Urheberrechtsgesellschaft Gema, Harald Heker, werden 380000 Euro im Jahr gezahlt. Das Beispiel zeigt gut, wer von den sogenannten Autorenrechten am meisten profitiert.”

Dies ist ein statistischer Wert. Ich kenne weit ältere Musiker, die mit deutlich weniger Geld auskommen. Auskommen müssen. Von der Hand in den Mund leben. Alterssicherung? Bitteres Gelächter, vielleicht sogar die heimliche Hoffnung auf’s eigene sozialverträgliche Frühableben. Man verdrängt solche Gedanken. Wohl denen, die Freunde und Familie haben.

Und jetzt lest Euch bitte den ganzen Artikel des Berliner Tourneeveranstalters Berthold Seliger durch.

Mal abgesehen davon, daß auch hier, wie heute so oft, “Medien” und “Kunst” in einen Topf geschmissen werden, stehen da ein paar bittere Wahrheiten, z. B. über Kulturförderung in Berlin:

“Die Subventionen, die der Senat an die Freie Szene verteilt, sind verglichen mit den Zuschüssen für die Repräsentationskultur geradezu lächerlich gering - allein die drei Opern verbrauchen im Jahr 120 Millionen Euro öffentliches Geld, für die große freie Theaterszene bleiben gerade mal 5 Millionen Euro übrig.”

Wenn er der Frage nachgeht, weshalb sich “Kulturarbeiter” dies alles überhaupt noch antun, schrammt der Autor leider am eigentlichen Punkt vorbei, sondern spricht über die neoliberal unterfütterte, hochstilisierte Modeerscheinung der “digitalen Bohéme”, die “irgendwas mit Medien” machen will, ohne jedoch eine rechte Vorstellung davon zu haben, was das für Konsequenzen hat.

Der Kern der Sache ist aber doch: was treibt Künstler und Musiker an? Warum machen sie das? Weil sie es können? Weil sie es müssen? Viel einfacher: weil sie etwas sagen wollen.

Was berührt denn an Kunst? Es ist immer ein Angesprochen-werden. Ich erinnere mich an Theater- und Kinobesuche, an Konzerte und Ausstellungen, nach denen ich in Flammen stand, bereit, die Welt zu erobern. Bereit, die Welt zu verändern. Das ist es.

Und darüber wird überhaupt nicht mehr gesprochen. Wenn Seliger am Schluß seiner Ausführungen die Kulturszene dazu aufruft, sie möge sich an ihre “proletarische Tradition” erinnern (nicht ohne anzumerken, daß dies auch ihre wirtschaftliche Bedeutung stärken würde), dann greift er meines Erachtens da viel zu kurz. Kultur ist mehr als Agitprop. Es ist ziemlich egal, ob das Feuer von einer Punkband oder von einer Alban-Berg-Oper geschürt wurde - wichtig ist, daß es brennt. Und daß es etwas bewirkt.

Rilke schrieb einmal ein Gedicht über die Betrachtung eines antiken Torsos. Die Rollen sind vertauscht: es ist die Statue, deren augenloser Blick den Betrachtenden trifft. Und nichts ist wie vorher: “Du mußt dein Leben ändern.”

Das ist die Macht der Kunst.

Und das (Über-)Leben der Künstler?

War immer eine Sache von Netzwerken. Rilke selbst ist das allerbeste Beispiel dafür. Er war kein Geschäftsmann, seine Selbstvermarktungskompetenz hielt sich in Grenzen, das taten andere für ihn. Ohne ein starkes Netzwerk aus Freunden, Gönnern und Mäzenen hätte er sein Lebenswerk niemals vollbringen können. Nun mag der moderne Mensch meinen, dies bedeute Abhängigkeit. Welcher Art? Ist die Abhängigkeit von den hartzigen Brosamen einer neoliberalen Oligarchie der Konzerne eines Staates etwa besser? Heißt “Abhängigkeit” automatisch “Unterordnung”? Ist “Netzwerken” etwas anderes?
Das heißt übrigens nicht, daß sich der Staat aus seiner sozialen Verantwortung ziehen solle. Eine Gesellschaft hat immer die Kultur, die sie verdient. Die sie sich verdient. Durch ihr Engagement, aber auch durch ihre Ignoranz. Kunst blüht in Widerstand und Revolution. Sie blüht aber auch in Rilkes friedlicher Einsiedelei in Muzot.

Niemand ist eine Insel. Der heute oft so unreflektiert gepriesene Individualismus endet oft an der eigenen Hirnschale. In Kunstwerken reicht er weiter hinaus, und berührt er andere, so wird deutlich: wir fühlen Ähnliches. Wer bewegt wird, kann bewegen.

Die Revolutionäre in Tunesien und Ägypten werden auch von einem Gedicht inspiriert, geschrieben von einem tunesischen Dichter aus dem frühen 20. Jahrhundert, Abdul Qasim Al Shabi.
“An die Tyrannen der Welt” richtete er sein Wort, und die in meinen Augen entscheidenden Worte lauten:

Da ist ein Feuer unter der Asche.

Und jetzt ist natürlich der Blick zurück zu Seligers Artikel zu lenken und die Frage zu stellen, wie das alles zusammenhängt. Ich fürchte, die Hochsubvention der gefälligen “klassischen Künste” ist kein Zufall, sondern (womöglich sogar unbewußtes) politisches Kalkül. Die freie Szene wird knapp gehalten. Wer gerade so über die Runden kommt, hat keine Zeit zu resignieren, aber auch keine Mittel, laut und sichtbar zu revoltieren.

“Irgendwas mit Medien” zu machen, ist heute cool. Ich frage mich, wie viele der dort Gestrandeten eigentlich etwas ganz anderes tun wollten. Dinge zum Ausdruck bringen wollten, über die in unserer so wortreichen Informationsgesellschaft so gut wie überall kollektiv geschwiegen wird. Weil die Sprachen, in denen sie zu sagen wären, keine Worte haben. Sondern Töne. Bilder. Farben. Bewegungen.

Ist Kunst nur noch Konsum? Am besten noch Selbstverständlichkeit, kostenlose Dreingabe einer medial überfluteten Existenz?
Rilke sieht das anders, und ich auch. Als Empfängerin, als betrachtender, hörender, schauender Mensch habe ich eine Verantwortung. ICH muß mein Leben ändern. Dazu gehört auch, daß ich mir Gedanken mache um die Kostbarkeit dessen, was ich empfangen habe, ob Lied, Bild, Theaterstück… Und etwas zurückgebe. Das muß zwar nicht immer Geld sein, aber Geld ist machtvoll und bewirkt viel.

Wenn das Publikum diese Verantwortung wahrnimmt und entsprechend handelt, dann kann es weiterhin Künstler geben, die ihre ganze Kraft in den Dienst der Sache stellen und dementsprechend Kraftvolles erschaffen. Dann ist etwas da, das nähren, stärken und bewegen kann, wie das Gedicht aus Tunesien heute wieder stärkt. Kunst lebt lange. Aber sie muß überhaupt erst mal geboren werden, und dafür müssen ihre Schöpfer leben können.

Da ist ein Feuer unter der Asche…

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Freiheit ist also auch nur so eine Ideologie.

24. Januar, 2011 @ 14:33 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

Wie Antisemitismus, Kommunismus, Rassismus. Oder hab ich da was falsch verstanden?

Ansgar Heveling, der CDU-Berichterstatter für das Urheberrecht und Mitglied der Enquete-Kommission Digitale Gesellschaft des Bundestags, äußerte jedenfalls auf der Musikmesse “Midem” in Cannes gegenüber Vertretern der deutschen Musikindustrie, er habe den Eindruck, die

“Ideologen der Freiheit arbeiten kräftig daran, unsere Kultur und Wertschöpfungsketten zu zerstören.”

Außerdem befinden wir uns laut Heveling derzeit sowieso in einem

“Kulturkampf”.

Komisch, ich dachte immer, “Freiheit” und “Ideologie” schlössen sich bereits kategorisch aus. Außerdem hätte ich eine “Wertschöpfungskette” nicht als in einem Atemzug mit “Kultur” nennbar betrachtet, sondern als Struktur innerhalb einer kapitalistischen Ökonomie, welche oft genug den Kreativen mehr Steine in den Weg als Brötchen auf den Tisch legt. Und den wahren Wert der künstlerischen Schöpfung gerne mißachtet - zugunsten des reinen Warenwertes dessen, was sie selber abschöpft.

Da habe ich mich wohl geirrt.
Da muß ich jetzt also umlernen:

Freiheit ist Ideologie.
Krieg ist Frieden.
Und Unwissenheit ist Stärke.

Oder etwa nicht?

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“Kurt” ist ein Waffennarr, “Murat” ein Terrorist

23. Januar, 2011 @ 13:11 | Öffentliche Ärgernisse |

Das private, illegale Waffenlager im rheinland-pfälzischen Becherbach wurde entdeckt und kontrolliert gesprengt.

In der offiziellen Berichterstattung liest sich das so:

SpOn:

“Die Polizei ermittelt gegen einen Rentner - im Ort bekannt als “Pulver-Kurt” -, der in einer Scheune neben dem Sprengstoff auch Kriegswaffen, Handgranaten und ein altes Militärfahrzeug gehortet haben soll.Die Ermittler gehen davon aus, dass der 62-Jährige ein Waffennarr war.”

FAZ:

“Die Polizei geht davon aus, dass eine Sammelleidenschaft dahintersteckt.”

Süddeutsche:

“Der kleine Ort im Kreis Bad Kreuznach wurde am Samstag vollständig geräumt, weil ein 62-jähriger Waffennarr Unmengen von hochexplosivem Sprengstoff und Waffen in einer Scheune gehortet hatte.”

Welt:

“Die Polizei geht davon aus, dass der Mann, den Anwohner als „Pulver-Kurt“ bezeichnen, dies alles sammelte.”

Die ZEIT: Nix.

TAZ: Nix.

Spulen wir mal ein bißchen zurück und geben in den Suchmasken der Zeitungen die Worte “Sauerland” und “Bomben” ein. Die ursprünglichen Meldungen zur Entdeckung des Sprengstoffs im damaligen Fall lassen sich nicht mehr finden, da die Archive nicht so weit zurückreichen, sehr wohl aber gibt es Berichte aus der Zeit des Urteilsspruchs im vergangenen Jahr:

SpOn:

“Drei der Angeklagten waren am 4. September 2007 in einer spektakulären Polizeiaktion in einem Ferienhaus im sauerländischen Medebach festgenommen worden. Dorthin hatten sie sich zurückgezogen, um ihre Bomben zusammenzubauen.”

FAZ:

“Von ihnen sei eine „ungeheure Bedrohung” ausgegangen, sagte der Richter.”

Süddeutsche:

“Im Prozess gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe hat die Bundesanwaltschaft in ihrem Plädoyer eindringlich vor dem “Krebsgeschwür des islamistischen Terrorismus” gewarnt.”

Welt:

“Neun Monate nach der Verurteilung des Anführers der islamistischen „Sauerland-Gruppe“, Fritz Gelowicz, hat auch dessen Ehefrau in einem getrennten Verfahren ein Geständnis abgelegt. Die mutmaßliche Terrorhelferin gab vor dem Berliner Landgericht zu, Gelder gesammelt zu haben, die für den Dschihad (”Heiliger Krieg”) verwendet wurden. Die mit einer schwarzen Burka bekleidete 29-Jährige betonte aber, aus humanitären Gründen für die Unterstützung von Kriegsopfern und Waisenkindern gehandelt zu haben.”

Die ZEIT:

“Angekündigt haben die Angeklagten jedenfalls, sich in Zukunft von Terrororganisationen fernzuhalten.”

TAZ:

“Die Verteidiger hatten Strafen unter zehn Jahren gefordert. Eine tatsächliche Gefahr habe nicht bestanden, weil die Männer rund um die Uhr überwacht worden seien. Außerdem seien nur 3 von 26 entdeckten Sprengzündern intakt gewesen.”

Wie rasch sind die Medien mit Vorverurteilungen bei der Hand, besonders beim Thema Terrorismus. Ich nehme jetzt mal gar nicht an, daß da immer böser Wille dahintersteckt, sondern daß dies schlichtweg die Folge der mittlerweile seit zehn Jahren geschürten “Grund-Angst” ist. Es ist erschreckend, wie tief die mittlerweile reicht.

Im Umkehrschluß sollte es daher wohl nicht erstaunen, daß beim aktuellen Fall in Rheinland-Pfalz die Sache genau andersherum läuft: da wird verharmlost, der Täter als “Waffennarr” oder “Spinner” abgetan und über einen möglichen Hintergrund gar nicht erst spekuliert. Sollte sich herausstellen, daß eine rechtsextreme Neigung dahintersteckt, so rechne ich fest damit, daß der Fall zum “Einzelfall” erklärt und ein gesellschaftlich-kultureller Kontext gar nicht erst angeschnitten wird. Hieße der Mann Murat oder Mohamed, sähe die Sache jetzt schon anders aus, bei gleichem Wissensstand.

Kann mal bitte jemand den sogenannten “Qualitätsmedien” die Scheuklappen abschrauben?

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Die Macht der Gewalt

24. Juli, 2010 @ 12:03 | Öffentliche Ärgernisse |

Da marschieren die braunen Horden, da zittern die Demokraten, da splittern die Fensterscheiben von Läden, da fliegen Fäuste und Granaten, da stecken die politisch Verantwortlichen die Köpfe in den Sand.
Schnee von gestern?
Leider nicht.

Im Februar 2008 marschierten 100 Neonazis zum väterlichen Geschäft und warfen eine NVA-Blendgranate hinein. Die Täter waren nicht einmal maskiert. Die Polizei stand eine Straßenkreuzung davon entfernt und gab später vor Gericht an, sie hätten nur vier Menschen etwas tun sehen und den Rest für Passanten gehalten. Deshalb gab es später auch kein Urteil wegen Landfriedensbruchs – die Mitglieder des Nazimobs kamen ungestraft davon, die “vier Täter” konnten ebenfalls nicht zweifelsfrei ermittelt werden.

So geschehen in einem Ort in Sachsen, der sogar in dem Artikel in der ZEIT (bitte lesen!) ungenannt bleiben muß, weil die Bekanntmachung seines Namens die dort ansässigen Informanten nur noch mehr gefährden würde. So weit reicht sie also schon, die Macht der Gewalt.

Kopf schütteln und weiter im Text?
Schnell vergessen und verdrängen?
All dies facht die Flamme nur noch weiter an.

Weitersagen, weiterschreiben. Hinfahren, wenn möglich, und den Menschen dort, die von den zuständigen Instanzen vor Ort so schmählich allein gelassen werden, konkret zur Seite stehen.

XX hat nicht nur einen Namen. Sondern bereits etliche. Es ist ein Ort, es sind viele Orte in diesem Land. Wir gehören in’s Spiel.

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Künstler müssen leiden???

8. Juni, 2010 @ 12:07 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

So ein gequirlter Unsinn! Und dann noch aus dem Mund von jemandem, der es eigentlich besser wissen müßte. Antoni Porcak, der stellvertretende Direktor der Krakauer Kunstakademie, behauptet allen Ernstes:

“Je mehr der Künstler leidet, desto besser das Produkt.”

Ich finde es ungeheuerlich, daß sogar ein Kunstpädagoge den üblen Mythos vom gequälten Künstler weiterverbreitet, noch dazu mit einer solch tiefen Überzeugung. Desweiteren pflegt er übrigens die Attitüde, seine Akademie unterrichte nur aus Traditionsgründen immer noch weitgehend “veraltete” Methoden wie beispielsweise die Malerei; die Zukunft liege ja sowieso beim Event und die neuen Techniken und Technologien seien den alten “in Sachen Direktheit in jeglicher Hinsicht überlegen”.

Der zweite bedenkliche Aspekt in Porcaks Betrachtungen ist die weitgehende Reduzierung von Kunst auf Auftrags- und Eventprodukte.
Auftragskunst hat es immer gegeben, wird es immer geben, das ist auch nichts ehrenrühriges - problematisch wird es aber dann, wenn NUR NOCH Auftragskunst existiert bzw. existieren kann, weil die Kunst als freie und auch kritische Stimme einer Gesellschaft nicht mehr von dieser gewürdigt und gestützt wird. Eine der größten weltgeschichtlichen Errungenschaften, die zu verschiedenen Epochen immer wieder stattfindet, bzw. erkämpft wird, ist die der Kunstfreiheit. Wir befinden uns da gerade wieder in einer reaktionären Bewegung, wo das Kunstwerk immer mehr zum reinen Handelsobjekt entstellt und der Künstler zum Geschäftsmann umerzogen wird.

Eine freie Kunst ist etwas, das sich eine Gesellschaft leisten will - oder eben nicht. Und damit meine ich gar nicht in erster Linie und ausschließlich den finanziellen Aspekt - was staatlicherseits in Kunstförderung investiert wird, war und ist stets “Peanuts” im Vergleich mit anderen, oft zweifelhaften ökonomischen Subventionen. Außerdem läuft der größte Teil der Kulturförderung schon lange unter dem Mantel (und aus den Töpfen) der Jugendförderung, das ist ebenfalls eine fragwürdige Sache, aber wäre noch mal ein eigenes Thema.

Daß kaum noch Künstler von ihrer Kunst leben können, ist also ein soziopolitisches Problem, das keinesfalls eine Folge der aktuellen wirtschaftlichen Krise, sondern langfristig gewachsen ist bzw. erschaffen wurde.

Lösbar ist dies nur, wenn die Gesamtgesellschaft etwas vollzieht, das bei vielen anderen Themen derzeit allenthalben beschworen wird: einen Paradigmenwechsel. Da dieser aber politisch gar nicht gewünscht ist, sondern meiner Meinung nach sogar hintertrieben wird, kann er also nur “von unten” her entstehen, als Graswurzelbewegung, in Vernetzung der Kunstschaffenden (aller Sparten) und ihres Publikums.

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Alles nur kopiert?

14. Februar, 2010 @ 15:56 | Kultur & Kontext, Liederschreibseln, Öffentliche Ärgernisse |

Es gibt nur zwölf Töne.
Es gibt nur 26 Buchstaben.
(Zumindest hier in unserem hiesigen westeuropäischen Kulturkontext. ;-) )

Was also ist Originalität?

Das ganz Neue, nie zuvor Dagewesene?
Das völlig Unerwartete, jeglichen Rahmen Sprengende?

Solches existiert, aber es ist rar - und auch nicht unbedingt entscheidend originell.

Originell wird ein Kunstwerk, indem es das Eigene sagt. Berührend wird ein Kunstwerk, indem es denjenigen, der es wahrnimmt, an sein Eigenes erinnert. Wir sind alle Individuen (auch wenn manche “ich nicht” schreien ;-) ). Und wir teilen gleichzeitig unsere menschlichen Grundstrukturen, auch die kulturellen.

Inspiration ist nicht nur natürlicher Teil, sondern Voraussetzung jeglichen kreativen Ausdrucks. Wir stehen auf den Schultern unserer Ahnen.

Hätte Rainer Maria Rilke nicht gelebt, gäbe es wahrscheinlich kein einziges meiner Gedichte, zumindest nicht in dieser Form. Denn Rilke hat mich zutiefst inspiriert. An seinen Versmaßen, seinen Wortfindungen habe ich mich geschult. Über lange Jahre, bevor ich überhaupt selber eine Silbe auf das Papier brachte.

In der klassischen Musik gibt es eine wunderbare Form, “Variationen über ein Thema von…” Hier wird ein musikalisches Motiv eines anderen Komponisten aufgegriffen, variiert, in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht. Immer ist dabei der Ursprung benannt und bekannt. Trotzdem handelt es sich bei den Variationen um ein völlig eigenständiges Werk.

Ich kann mir durchaus vorstellen, mal eine lyrische Variation über rilkesche Motive zu schreiben. Oder Songtexte von KollegInnen aufzugreifen und deren Thema in eine andere Richtung weiterzuspinnen. Bei beiden Aktivitäten wäre es mir aber eine Selbstverständlichkeit, die Inspirationsgeber zu benennen.

So und nicht anders funktioniert auch das heute vielzitierte “Copy/Mix/Share”.

In der aktuellen Rezeption werden aber oft nur zwei Extreme wahrgenommen: entweder wird eine Originalität postuliert, die überhaupt nicht existieren kann (denn, wie gesagt, es gibt nur zwölf Töne), oder es wird gleich behauptet, daß eh alle Autoren/Komponisten etc. “nur voneinander abschreiben” und Originalität im eigentlichen Sinne (was soll der dann überhaupt sein?) sowieso unmöglich ist.

Das ist mir beides zu eng gedacht. Und außerdem unlogisch. Denn irgendwo muß das Schreiben ja begonnen haben…

Die aus dem Geniekult der frühen Moderne geborene Attitüde “alles künstlerisch Wertvolle ist kontextloses Original” ist also ebenso Unfug wie “alles ist Kopie”.

Und ich weigere mich vehement, mich in einen dieser beiden überflüssigen Töpfe werfen zu lassen.

Zwischen der absoluten Eigenschöpfung und dem Plagiat liegt eine riesige Bandbreite. Es gibt unerhört Neues, es gibt eigenständige Werke, in denen die Einflüsse anderer deutlich sicht- und spürbar sind, und es gibt Kopien ohne nennenswerte eigene Schöpferkraft. Die Unterschiede sind erkennbar. Das Ganze ist also nicht beliebig, nur weil es kaum ein Schwarz oder Weiß gibt, sondern eine schattierte Grauzone.

Wer sich allerdings nicht die Mühe macht, sich seiner eigenen Ansprüche als Rezipient bewußt zu sein, dem kann man wirklich alles andrehen. Wohl bekomm’s!

(Als Künstlerin habe ich natürlich auch Ansprüche, unter anderem eben den, das, was ich aus einer Quelle schöpfe, mit meinem eigenen Aroma zu versehen, bevor ich es weiterreiche… Dazu gehört natürlich auch die Nennung meiner Quelle. Und das eigene Aroma wird die Hauptfarbe, der Geschmacksträger sein, nicht nur ein Hauch von Gewürz.)

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Ergänzung und Erklärung: ich schrieb dies, weil ich (wieder einmal) vernehmen mußte, daß wir Autoren ja doch nur alle voneinander abschreiben - ein beliebtes Scheinargument dafür, unsere Werke für “nicht schützenswert” zu erklären. Oder gleich für “nicht wert”?
Wer so argumentiert, erklärt meine Arbeit für wertlos. Das ist nicht nur eine totale Frechheit, die ich sehr persönlich nehme, sondern auch eine Haltung, gegen die ich mich aktiv zur Wehr setze.

*********************

Ergänzung Nummer zwei:
Die berühmte “Causa Brecht” (Villon-Plagiate ohne Referenz) wird ja gerne als Rechtfertigung herangezogen. Nur, weil jemand Berühmtes plagiiert hat, soll es allgemein akzeptabel sein? Nö.
Niemand würde auf die Idee kommen, z. B. die Tat eines Bubi Scholz aufgrund seiner Berühmtheit für annehmbar und beispielhaft anzusehen… Das gilt für Brecht ebenso. Nur war’s in dessen Fall halt kein Kapitalverbrechen. ;-) Aber richtig war es nicht, geschweige denn vorbildlich. Einzig, weil jemand mit so etwas durchgekommen ist, heißt es nicht, daß es dann automatisch ok ist.

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Das alte Dilemma…

29. Januar, 2010 @ 09:51 | Öffentliche Ärgernisse |

… mit den “Ewig-Gestrigen”, den Rassenquasslern und Menschenrechtsverächtern, liegt in der Frage: wie geht diese Gesellschaft mit ihnen um? Explizit: was ist zu tun, wenn Neonazis sich in der Öffentlichkeit, z. B. an der Universität positionieren wollen?

SpOn illustriert diese Hilflosigkeit am Beispiel eines rechtsextremen Politikwissenschaftsstudenten an der Uni Magdeburg. Fazit der Ausführungen: Funktionieren tut nix.
Weder öffentliche Debatten im universitären Raum, die von den Rechtsextremen zur Selbstdarstellung vereinnahmt werden, noch studentische “Wurfübungen” mit Tomaten und Farbbeuteln, die nichts anderes sind als die Übernahme der Methoden der Gegenseite.

Einzig wirksam scheint mir die Herangehensweise eines Professors zu sein, der dem Kandidaten wissenschaftliche Inkompetenz attestiert (was in diesem Fall nicht allzu schwierig sein dürfte; rechtsextreme politische Thesen können allein aufgrund ihrer Einseitigkeit kaum so etwas wie wissenschaftliche Validität aufweisen).

Meines Erachtens greift aber die Betrachtung von Anfang an zu kurz. Da steht nämlich der verführerisch hilflose Satz:

Verbieten, bekämpfen, verjagen? Davon gehen die Neonazis nicht weg, sie werden nur unsichtbar - also gefährlicher.

Eine unbewiesene These.
Es geht ja hier nicht um das Verbot eines “nur unbequemen” Elements in dieser unserer Gesellschaft. Unbequeme Meinungen, Thesen, Theorien und Weltanschauungen sind notwendiger und belebender Teil jeder demokratischen Pluralität. Rechtsextremismus hingegen zielt auf die Aufhebung ebendieser Pluralität, auf die Zerstörung menschenrechtlich legitimierter Gemeinschaft. Und hat infolgedessen in dieser keinen rechtmäßigen Platz.

Meiner Meinung nach ist es genau umgekehrt: die Neonazis werden immer gefährlicher, je sichtbarer und hörbarer sich sich aufgrund dieser mittlerweile verbreiteten politischen und gesellschaftlichen Hilflosigkeit machen können.
Ihre Strategien richten sich außerdem - ganz trendgemäß - immer stärker auf den ausgewiesenen Raum des “Unpolitischen”, ja sie streben diesen geradezu an: im Wissen, daß er ihnen Sicherheit gibt, ihre Ideologie, ummäntelt als “Meinung”, als “persönliche Haltung, die ja umhimmelswillen nicht politisch verstanden sein will” unter’s Volk zu bringen. Was trefflich mit einer mittlerweile weitverbreiteten falschen Auffassung von Meinungsfreiheit zusammenfällt. Menschenverachtende Ideologien stehen nämlich außerhalb aller Gesellschaftssysteme, denen eine Kategorie wie “Meinungsfreiheit” eigen ist. Genau dort, wo sich tatsächlich der in letzter Zeit so häufig fehlzitierte “rechtsfreie Raum” befindet.

Eigentlich ist all dies bereits gesagt worden, in der Diskussion auf Svens Weblog. Bitte ganz lesen, auch wenn einem bei manchen Kommentaren das kalte Grausen kommen mag. Die im SpOn-Artikel aufgefächterte Hilflosigkeit mag einen dann wirklich nicht mehr wundern.

Der Neoliberalismus hat einen Begriff bis zur Unkenntlichkeit verformt und mißbraucht: Eigenverantwortlichkeit.
Hier jedoch kommt er in seiner Ursprungsbedeutung zurück ins Spiel. Wer die Mechanismen rechtsextremer Ideologien durchschaut und sie als inakzeptabel und zerstörerisch gegenüber freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsformen erkennt, wird nicht in die Falle tappen, ein Verbot und eine aktive Bekämpfung dieser Ideologien als “Zensur” oder “Gedankenverbot” zu brandmarken (und damit unfreiwillig genau die verquasten “Argumente” der Rechtsextremen zu übernehmen). Sondern sich selbst als Teil dieser Gesellschaft begreifen, “den Staat” also nicht als etwas, das ihm, dem Bürger, gegenübersteht, sondern als die Gesellschaft, deren Teil er ist und deren politische Handlungsfähigkeit immer auch von seiner eigenen Positionierung abhängig ist.

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UnGEMAch

24. Januar, 2010 @ 12:31 | GEMA, Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

Hier bei gulli.com steht’s: Barbara Clear hat ihre Berufungsverhandlung gegen die GEMA verloren.
Ich bin entsetzt, wütend und enttäuscht.
Aber auch überrascht?
Leider nicht völlig.

Im Gegensatz zu privatrechtlichen Abmachungen, bei denen durchaus in Betracht gezogen wird, was bei einem Vertrag intendiert ist (es also schwer ist, jemandem etwas ganz anderes zu verkaufen, als das, was er eigentlich haben wollte, siehe Verbraucherschutzgesetze), ist das beim gewerblichen Recht ganz anders: hier gilt ausschließlich, was im Vertrag schriftlich niedergelegt ist; sämtliche Zusatzvereinbarungen bedürfen der Nachweispflicht. Änderungen von Verträgen während ihrer Dauer sind also durchaus möglich und werden in den meisten Fällen nicht als sittenwidrig eingestuft.

Mit kaum zu überbietendem Zynismus nutzt die GEMA diesen Spielraum.
Dies zeigt sich auch in den bei gulli.com zitierten Äußerungen des GEMA-Vorstandsmitglieds Georg Oeller, der sich bereits vor einigen Monaten zum ersten Prozeß von Barbara Clear zu Wort meldete:

“Die Fragen des Rechts werden in Deutschland an ordentlichen Gerichten entschieden. Und da lassen wir uns nicht die Butter vom Brot nehmen. Wir gewinnen unsere Prozesse in dem Fall und dann ist es so.(…)”

Oeller geht aber noch weiter:

Dem Publikum der c/o pop erklärte er, dass es in Deutschland das Prinzip der Privatautonomie gäbe. Jeder könne für sich selbst entscheiden, ob er oder sie Mitglied der GEMA werden wolle.(…) Auch wies er darauf hin, dass die Interpreten genau wüssten, worauf sie sich bei der Vertragsunterzeichnung einlassen würden. “Wir treten in diesem Sinne auch nicht als Monopolist auf.” (…) Nicht er, sondern die Mitglieder würden über den Aufbau der Verwertungsgesellschaft bestimmen.

Tatsache ist: Die GEMA ist de facto ein Monopolist, denn es gibt keine andere gleichartige Verwertungsgesellschaft. Ob diese Monopolstellung jetzt von der GEMA selber so gewollt ist oder nicht, ist dabei vollkommen irrelevant. Das Problem ist auch nicht das Monopol per se, sondern die Art und Weise, wie die GEMA es mißbraucht.

Wer bei der GEMA einen Vertrag unterzeichnet, kann gar nicht dauerhaft wissen, worauf er sich einläßt, denn die Statuten können geändert werden - und während der letzten Jahre ist dies auch mehrfach passiert. Und zwar zu Ungunsten der mehr als 50 000 “angeschlossenen” und “außerordentlichen” Mitglieder, die dabei entgegen von Oellers Behauptung kein Wörtchen mitzureden hatten. Mal eben rasch austreten geht dann auch nicht; das habe ich aber selbst erst nach einiger Recherche herausgefunden.

Meines Erachtens agiert die GEMA scheindemokratisch. Nach außen in und in ihrer Eigendarstellung handelt es sich um einen Verein, in dem die Mitglieder Struktur und Richtung bestimmen. In Wahrheit jedoch tut dies eine kleine Minderheit, und die Mehrheit zahlt zwar Beiträge, hat aber keine bzw. nur stark beschränkte Rechte.

Es ist ein Unding, daß so etwas vertragsrechtlich überhaupt möglich ist. Hier aber kommt ins Spiel, was ich anfangs beschrieb: formaljuristisch ist dies in der Bundesrepublik Deutschland vollkommen legitim. Wenn auch ungerecht.

Was bleibt zu tun?

Es wäre tatsächlich wünschenswert, daß noch viel mehr betroffene Künstlerinnen und Künstler gegen diesen Irrsinn klagen, bis endlich eine Grundsatzdebatte auf politischer Ebene angestoßen wird. Das jedoch erfordert immense finanzielle Ressourcen. Und hier beißt sich die Katze wieder mal in den Schwanz: diejenigen, die über die entsprechenden Mittel verfügen, gehören absehbarerweise zu den durch die GEMA-Strukturen Priviligierten - und werden sich kaum selber den Ast absägen, auf dem sie sitzen…

Somit bleibt die Hoffnung, daß die im letzten Juli mit überwältigender Beteiligung beim deutschen Bundestag eingereichte Petition, die sich immer noch “in der parlamentarischen Prüfung” befindet, zu einer eingehenden Untersuchung und nötigenfalls Regulierung der GEMA führt. Angesichts der derzeitigen (verfilzten, von Interessengruppen beeinflußten und in meinen Augen total korrupten) politischen Gefüge halte ich das aber für eher unwahrscheinlich.

Verbleibt also nur noch der Appell an alle angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder, ihre Mitgliedschaft angesichts dieser Umstände (und mit Blick auf die Relation zwischen dem, was sie der GEMA zahlen und dem, was sie ausgezahlt bekommen) noch einmal gründlich zu überdenken. Und auszutreten.
Denn: was haben wir von einer Verwertungsgesellschaft, die uns unsere Rechte nimmt anstatt sie zu schützen?

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To be or Biometrie?

14. Dezember, 2009 @ 12:49 | Öffentliche Ärgernisse |

Ab 1.11.2010 sollen jetzt also diese Hundechips für Menschen neuen biometrischen und auch noch mit RFID verschandelten Ausweise eingeführt werden. So was will ich gar überhaupt nicht haben.

Ab 11.11.2010 ist es wieder möglich, Künstlernamen in den Perso eintragen zu lassen. Das brauche ich ganz dringend, sonst kann ich nicht mal meine Päckchen von der Post abholen.

Und was nun?

Ich bin, sehr gelinde gesagt, stinksauer.
Was ist das für ein Staat, der seine Bürger unter Generalverdacht stellt?
Was ist das für ein Staat, der Künstler-Sein als irrelevant für die Identität der Kulturschaffenden wie auch der allgemeinen Öffentlichkeit wertet (das gedankenlose Abschaffen der Künstlernamen im Perso ist dafür ebenso ein Symptom wie die rasche Zurücknahme dieses Blödsinns auf Betreiben einer einzigen (!) Abgeordneten, siehe Link oben).

Und es steht zu befürchten, daß es den meisten Bürgern doch wieder egal ist, nach dem ebenso fadenscheinigen wie irrigen Motto “können wir eh nix machen” bzw. “wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten”…

Daß letzteres falsch ist, wußte schon Martin Niemöller. Und mit ersterem will ich mich nicht zufriedengeben. Es muß doch noch andere KünstlerInnen (oder Ordensleute, die betrifft das nämlich auch!) geben, die gerne korrekt benamst und so lange wie möglich biometriefrei sein wollen…

Meine heimliche Hoffnung ist ja, daß das ALLE wollen. Ich koche mir jetzt einen Baldriantee und sinke in wildwuchernde Träume. Was sehe ich da in Technicolor? Geröstete RFID-Chips? In Aschenbechern und Öltonnen flackernde Ausweise? Findige Juristen, die Musterprozesse aufrollen? Straßen voller Demonstranten? Demokratie? Ja wirklich, Demokratie?

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