Mir fallen keine klugen Worte ein, keine Prognosen oder Visionen, schon gar keine heißen Tipps, wie das kommende Jahr 2020 am besten und erfolgverheißendsten anzugehen sei. Ich will mich auch nicht zu düsteren Ermahnungen versteigen, obwohl es dazu angesichts der vielen Notlagen und Konflikte in der Welt natürlich Gründe genug gäbe. Klimakrise, Brexit, die unsägliche „Festung Europa“, der weltweit zunehmende Rechtsextremismus – all dies beunruhigt mich sehr, motiviert mich aber auch, mich nach Kräften dafür einzusetzen, dass die Lage endlich wieder besser wird.

Aber im Augenblick, in dieser seltsam zeitlosen Zeit zwischen den Jahren, da steht bei mir ein ganz persönliches Gefühl im Vordergrund:
Dankbarkeit.

Ich bin dankbar für jeden einzelnen Menschen, dem ich in diesem Jahr meine Lieder vorsingen durfte.

Dankbar für all die Ermutigung, die ich erfahren habe. Ihr könnt Euch vielleicht nicht vorstellen, was es mir bedeutet, dass meine Songs für einige von Euch regelrechte Rettungsringe im stürmischen Lebensmeer und Sterne in der dunklen Nacht der Seele gewesen sind. Oder auch Inspiration und Stärkung für Euren Einsatz für die Menschlichkeit (die übrigens auch für Tiere und von Abholzung bedrohte Bäume gilt).

Dankbar für all die wackeren Veranstalter*innen, die Bühnen, Lokale und Kulturvereine mit so viel Herzblut und Engagement am Leben erhalten.

Dankbar für alle, die mir ihre Wohnzimmer und Gärten für Hauskonzerte geöffnet haben. Die Nähe und Gemeinschaft, die bei diesen Anlässen entstanden ist, hatte einen ganz besonderen Zauber.

Dankbar, dass ich überhaupt Lieder schreiben darf und kann, dass mir die Zeit und der Raum dafür gegeben sind.

Dankbar für Familie und Freunde, die zu mir halten und ohne die das alles überhaupt nicht ginge.

Und zutiefst dankbar bin ich auch für alle Menschen, die ein Licht in düstere Zustände, Orte und Zeiten tragen, die für andere da sind und ihnen helfen: ob in der eigenen Nachbarschaft oder in den Krisenregionen der Erde.

Vielleicht ist es das, was wir uns vornehmen sollten für das kommende Jahr 2020: dass wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Lichtbringenden richten und nicht auf diejenigen, die Panik machen, Horror verbreiten und dabei nur auf Sensationslust aus sind.

Angesichts des großen, trüben und düsteren Weltgeschehens kommt uns unser eigenes, kleines Bemühen vielleicht manchmal geradezu banal und sinnlos vor, denn wir haben das Gefühl, wir können ja „nichts bewirken“. Aber Freundlichkeiten, auch die kleinen, stecken an.
Und sie machen Mut zu Größerem.

Manchmal muss ich mich regelrecht am Riemen reißen, um meine Angst und Sorge nach der Lektüre der Morgenzeitung nicht gleich im Supermarkt an alle anderen weiterzugeben, indem ich ihnen meine grimmige Miene vor die Nase halte. Wenn ich mich dann regelrecht zwinge, ein freundliches Gesicht zu machen oder gar zu lächeln, kommt es mir zu Anfang oft aufgesetzt vor. Aber das ändert sich ganz schnell, vor allem, wenn ich die innere Aufmerksamkeit wirklich auf die Menschen richte, die mir über den Weg laufen.

Darüber habe ich übrigens auch ein Lied geschrieben, das ich noch gar nicht im Programm habe:

Das Lächeln

Als ich zur Arbeit ging an einem grauen Tag
sprang mir ein Lächeln ins Gesicht.
Woher es kam? Ich weiß es nicht.
Es sagte: Schick mich auf die Reise in die Stadt!
Ich hab die Trauermienen satt.
Es ist zu dunkel – ich mach Licht!
Ich lächelte die Frau an,
die an einem Stand am Markt den Käse in ganz feine Scheiben schnitt.
Ich sah, wie ihre Augen glänzten, und ich wusste, sie macht mit.

Sie gab das Lächeln einem Kunden, der sie schalt,
weil sie den Gouda nicht gleich fand.
Ihm fiel das Kleingeld aus der Hand.
Er ging in Eile, doch blieb plötzlich lächelnd stehen
und lauschte einem Straßenmusiker, der an der Ecke stand.
Der Sänger hatte einen Schnupfen, ihm war kalt,
sobald das Lächeln ihn besuchte, wurd‘ ihm warm.
Er schenkte es der jungen Mutter mit dem Baby auf dem Arm.

Es ist kostbar und kostenlos,
es ist klein und macht den Augenblick riesengroß.
Ein Lächeln bringt allen Glück –
und kommt stets zu dir zurück …

Die junge Frau gab eine Münze und das Lächeln
einem Bettler, der verfroren auf der Kirchentreppe saß.
Er kaufte sich einen Espresso im Café
und lächelte die Frau an, die am Nachbartisch ein Brötchen aß.
Sie trug das Lächeln ins Büro,
für ihren Chef, dem stapelweise Ärger auf dem Schreibtisch lag.
Am Feierabend dacht‘ er lächelnd: heute war kein schlechter Tag.

Als ich nach Hause ging an diesem grauen Tag,
lachte mir jemand ins Gesicht,
ein fremder Mann, ich kannt‘ ihn nicht.
Das Lächeln machte sich’s bequem in meinem Mund
und sagte: Schau, ich bin zurück,
nach einem Tag randvoll mit Glück!
Mit einem Lächeln auf den Lippen stieg ich in den Bus;
der Fahrer sah erschöpft und müde aus.
Mit einem Lächeln auf den Lippen kam er in der Nacht nach Haus.

Es ist kostbar und kostenlos,
es ist klein und macht den Augenblick riesengroß.
Ein Lächeln bringt allen Glück –
und kommt stets zu dir zurück …

Es gibt so viel Gutes auf der Welt, so viele freundliche, hilfsbereite und engagierte Menschen. Haltet die Augen auf nach ihnen! Vor allem dann, wenn Euch der Glaube, dass sie überhaupt existieren, kurzfristig abhanden gekommen ist. Ich wünsche Euch, dass Euch im neuen Jahr an jedem Tag mindestens ein solcher Mensch begegnet – und dass auch Ihr solche Menschen für andere sein dürft!

Und ich wünsche uns allen Vertrauen in die Kraft des Guten.

Das Lächeln