Ich stehe nicht in der Menge, bei der offiziellen Gedenkveranstaltung in der Domstraße, sondern hinter dem Dom auf dem Kiliansplatz, in der Hand eine Kerze in einem Glas. Das Gedenkkonzert in der Kirche ist gerade zu Ende gegangen, Menschen hasten vorbei, viele tragen Lichter. Die erste Glocke beginnt zu läuten, tief und voll. Und dann setzen die anderen ein, das ganze Geläut. Seine Schläge mischen sich sich mit denen aller anderen Kirchen der Stadt; es ist ein unvorstellbarer Klang, keine einzelnen Glockenschläge mehr, sondern ein Dröhnen endloser langgezogener Töne unter dem dunklen, sternklaren Himmel. Zwanzig Minuten lang wird es zu hören sein. So lange, wie damals vor siebzig Jahren die Bomber flogen und ihre tödliche Fracht über der Stadt entluden.

Ich denke an die unzähligen Toten dieses Krieges. Und um die aller Kriege seither.

Ich denke an die Opfer unvorstellbarer Gewalt, die damals von Deutschland ausging, vor allem an die ermordeten Jüdinnen und Juden. Sie alle fielen einer Barbarei zum Opfer, die erstmals unübersehbar deutlich machte, zu welchen Brutalitäten Menschen überhaupt fähig sind: zu allen überhaupt nur denkbaren.

Ich denke an die Namenlosen, die doch alle einen Namen haben, eine Geschichte.

Und an die fünftausend Menschen, die damals im Feuersturm in den Straßen verbrannten, durch die ich gerade gegangen bin.

Ich denke auch an die Überlebenden des Krieges. Mir kommen Menschen in den Sinn, denen ich begegnet bin:

Die Jüdin, die als Kind noch vor dem Holocaust mit ihrer Familie nach Südafrika emigrieren konnte – und die sich dort mit heißem Herzen in den Kampf gegen Rassismus und Apartheid warf. Im Alter zog sie zurück nach Deutschland. Ich durfte ihr begegnen, hatte an dem Tag zufällig meine Gitarre dabei … irgendwann sangen wir Pfadfinderlieder, die wir beide kannten, und dann, auf ihren Wunsch, die „Moorsoldaten“ (mir versagte beinahe die Stimme).

Der englische Soldat, der sich am allerletzten Tag seines Einsatzes irgendwo in Süddeutschland oder Österreich mit der Kinderlähmung infizierte, an der Krankheit fast starb, mit eisernem Willen (und an Krücken bis an sein Lebensende) wieder auf die Beine kam – und der mir, der Studentin aus Deutschland, seine Geschichte ohne auch nur einen Hauch von Bitterkeit erzählte. Er widmete sein Leben der Menschlichkeit. Seine Frau und er hießen mich mit offenen Armen willkommen, als ich nach England gezogen war und dort niemanden kannte.

Der kleine Würzburger Junge, der mit seiner Familie dem Angriff auf die Stadt entging, weil sie von den Nachbarn gewarnt worden waren, die heimlich BBC gehört hatten. Sie retteten sich auf ein Gartengrundstück, einige Kilometer westlich von Würzburg (und blieben dort wohnen, bis weit in die 1950er Jahre hinein). Der Junge sah den leuchtenden Feuerschein der brennenden Stadt hinter dem Hügel und empfand die Farben als wunderschön. Er war zu jung um zu begreifen, was gerade geschah. Noch Jahrzehnte später fühlte er sich deswegen schuldig. Auch mochte er lange nicht in die Stadt gehen, weil er sich in den modern wiederaufgebauten Straßen immer noch an den Brandgeruch aus den Ruinen erinnerte.

Das ostpreußische Mädchen, das nach der qualvollen Flucht in Berlin beinahe an Typhus gestorben wäre, schließlich halbverhungert in Unterfranken landete – und dort trotz allen Bemühens dort ein Leben lang nicht so richtig heimisch wurde. Das Trauma des Krieges blieb ein tiefer Schatten über ihr.

Und ich denke daran, dass es mich selber wohl nicht gäbe ohne diesen verdammten Krieg. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter anderen Umständen ausgerechnet meine Eltern jemals begegnet wären, geht gegen Null.
Aber weil ich nun einmal da bin, will ich das Beste daraus machen. Und das heißt für mich auch, immer wieder darum zu kämpfen, der Menschlichkeit mehr zu vertrauen als der Angst, aus der schlussendlich jegliche Unmenschlichkeit entspringt.

Die Glocken verstummen, eine nach der anderen, und dann ist es still. Ich gehe nach Hause. Die beleuchtete Festung Marienberg spiegelt sich im Main. Alles ist friedlich. Ich bete, dass wir es schaffen, den Frieden zu wahren, im Großen wie im Kleinen.

Kerze

Die Glocken von Würzburg

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