Karan

… supersonic butterfly

Künstler müssen leiden???

8. Juni, 2010 @ 12:07 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |

So ein gequirlter Unsinn! Und dann noch aus dem Mund von jemandem, der es eigentlich besser wissen müßte. Antoni Porcak, der stellvertretende Direktor der Krakauer Kunstakademie, behauptet allen Ernstes:

“Je mehr der Künstler leidet, desto besser das Produkt.”

Ich finde es ungeheuerlich, daß sogar ein Kunstpädagoge den üblen Mythos vom gequälten Künstler weiterverbreitet, noch dazu mit einer solch tiefen Überzeugung. Desweiteren pflegt er übrigens die Attitüde, seine Akademie unterrichte nur aus Traditionsgründen immer noch weitgehend “veraltete” Methoden wie beispielsweise die Malerei; die Zukunft liege ja sowieso beim Event und die neuen Techniken und Technologien seien den alten “in Sachen Direktheit in jeglicher Hinsicht überlegen”.

Der zweite bedenkliche Aspekt in Porcaks Betrachtungen ist die weitgehende Reduzierung von Kunst auf Auftrags- und Eventprodukte.
Auftragskunst hat es immer gegeben, wird es immer geben, das ist auch nichts ehrenrühriges - problematisch wird es aber dann, wenn NUR NOCH Auftragskunst existiert bzw. existieren kann, weil die Kunst als freie und auch kritische Stimme einer Gesellschaft nicht mehr von dieser gewürdigt und gestützt wird. Eine der größten weltgeschichtlichen Errungenschaften, die zu verschiedenen Epochen immer wieder stattfindet, bzw. erkämpft wird, ist die der Kunstfreiheit. Wir befinden uns da gerade wieder in einer reaktionären Bewegung, wo das Kunstwerk immer mehr zum reinen Handelsobjekt entstellt und der Künstler zum Geschäftsmann umerzogen wird.

Eine freie Kunst ist etwas, das sich eine Gesellschaft leisten will - oder eben nicht. Und damit meine ich gar nicht in erster Linie und ausschließlich den finanziellen Aspekt - was staatlicherseits in Kunstförderung investiert wird, war und ist stets “Peanuts” im Vergleich mit anderen, oft zweifelhaften ökonomischen Subventionen. Außerdem läuft der größte Teil der Kulturförderung schon lange unter dem Mantel (und aus den Töpfen) der Jugendförderung, das ist ebenfalls eine fragwürdige Sache, aber wäre noch mal ein eigenes Thema.

Daß kaum noch Künstler von ihrer Kunst leben können, ist also ein soziopolitisches Problem, das keinesfalls eine Folge der aktuellen wirtschaftlichen Krise, sondern langfristig gewachsen ist bzw. erschaffen wurde.

Lösbar ist dies nur, wenn die Gesamtgesellschaft etwas vollzieht, das bei vielen anderen Themen derzeit allenthalben beschworen wird: einen Paradigmenwechsel. Da dieser aber politisch gar nicht gewünscht ist, sondern meiner Meinung nach sogar hintertrieben wird, kann er also nur “von unten” her entstehen, als Graswurzelbewegung, in Vernetzung der Kunstschaffenden (aller Sparten) und ihres Publikums.

 


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12 Responses to “Künstler müssen leiden???”

  1. ryuu Says:

    Ja, da geht mir gerade im Lichte Deines vorherigen Beitrags die Hutschnur hoch… diese Glorifizierung des Leidens.
    Leid, gerade ökonomisches, macht in meinen Augen in keiner Weise kreativ. Angst und Druck sind sogar sehr effektive Kreativitätstöter. In einer solchen Maschinerie, wie sie der verlinkte Artikel beschreibt (und wie ich sie an deutschen Musikhochschulen auch erlebt habe), ist es eher ein Wunder, wenn ein Künstler noch irgendeine Form von (eigenständiger) Kreativität behält.
    Malerei als veraltete Kunstform abzukanzeln, zeugt in meinen Augen auch von einem fragwürdigen Kunstverständnis.

  2. WirrLicht Says:

    nun, wenn es nach mir ginge, sollte keiner leiden.

    ich denke, das vor allem gilt, das es wenige künstler gibt, die TROTZ ihres leids noch kunst schaffen können, das ist bewundernswert. nur frag ich mich dabei, was bspw. ein van gogh hätte schaffen können, wäre er nicht so eine arme sau gewesen. wieviel kunst der menschheit durch sowas wohl entgangen ist?

    im übrigen fände ich ein wenig mehr gemälde an der wand erheblich besser als, sagen wir…. ach, so ziemlich alles andere was beispielsweise an deko in arztpraxen rumhängt.

    mal ausgenommen von keith haring, den ich nicht mag ;)

  3. Lu Ping Says:

    Genau das wird auch von Frida Kahlo gesagt. Weil sie so gelitten hat (körperlich als auch psychisch), war sie in der Lage, Kunstwerke zu erschaffen. Hab ich gerade wieder gelesen. Ich halte das für gequirlte Sch***e
    Sicher, die Kunst bietet einen Weg, Ereignisse etc. zu verarbeiten, ihnen eine Stimme zu geben, und sich in gewissem Rahmen davon auch zu befreien. Aber wirklich tiefes Leid tötet die Kreativität. Die Kreativität ist wie in zartes Pflänzchen, das gepflegt sein will, und das beste Umfeld ist da eher eine inspirierende Atmosphäre, nicht Tragik, Trauer, Mord und Totschlag, um es mal kraß auszudrücken. Existenzängste sind nicht kreativ.
    Wenn ich in einer meiner eher melancholischen Phasen bin, bin ich persönlich absolut nicht in der Lage, etwas weltbewegendes zustande zu bringen. Da fällt mir einfach nichts ein. Würde ein solcher Zustand anhalten und das Leben bestimmen, bezweifle ich, daß ich jemals wieder malen würde.
    Erst der Umgang mit Menschen, die inspirierend sind, das Gefühl, etwas bewegt sich, versetzt mich persönlich in die Lage, überhaupt vage Ideen umzusetzen. Erst dann sprudeln sie hervor.
    Nee, echt, so´ne Schwachsinnsaussagen brauch ich nicht.

    Und was “veraltete” Methoden wie Malerei angeht … ich sag dazu jetzt gar nichts weiter, sonst vergeß ich mich … ;-)

  4. Sven Says:

    Es ist nicht das Leid, das inspiriert, sondern Erfahrung und Erkenntnis.

    Viele verwechseln das aber, weil sie selber nur - im Wortsinne - sich Erfahrung “erarbeiten” müssen, um daraus “not-wendige” Erkenntnisse zu generieren, denn solang es ihnen “gut” geht “muss man ja nichts tun”. Dass Erfahrungen und Erkenntnisse auch aus einer Position der Not-Losigkeit nicht nur möglich sondern sogar befriedigender und IMO dann auch inspirierender sein können ist eine Erfahrung, die offensichtlich zu wenig Menschen machen konnten, um daraus die Erkenntnis zu gewinnen, dass der Eindruck, dass Not eine Voraussetzung gewesen sei für eine “intensive und inspirierende Zeit” das Ergebnis einer Verwechslung von Korrelation und Kausalität ist…

  5. Sven Says:

    …P.S.: dass viele Menschen leider diesem Irrtum unterliegen, weil sie’s nicht besser wissen hat IMO verschiedene Gründe: tragisch ist das wohl bei den Leuten, die eine positive Erfahrung einfach noch nicht machen konnten (und/oder ihnen diese Möglichkeit auch nicht vermittelt wurde, z.B. von Eltern, Lehrern, sonstigem Umfeld) und denen deshalb zwar “ihre besten Ideen aus der Not geboren wurden”, was eben entweder bedeutet, dass sie ohne Not sich auf die geistig “faule Haut” legen und nur Phantasie entwickeln, wenn sie “müssen, wenn es eben nicht anders geht. Das ist OK, wer damit zufrieden ist. Wer damit nicht zufrieden ist sondern seine Phantasie auch “ohne Not” bemühen will, einfach weils ihm Spaß macht, befriedigt, was auch immer, kanns aber manchmal auch nicht, weil ihm das dieser Glaubenssatz verhindert. Und freilich sind das auch diejenigen, die diesen Glaubensatz auch brav weitertradieren, an ihre Kinder und ihr Umfeld.

  6. Lebowski Says:

    hi karan,
    wie würde er dann die kunstwerke von kindern betrachten?
    ach ja, ich vergass, die haben ja kein abgeschlossenes
    kunststudium hinter sich, und sind deshalb keine künstler.
    grosse künstler so wie ich sie defeniere, schaffen es den WAHN-SINN der in Ihnen,oder auf sie einwirkt in Ihren Werken zu verarbeiten,zu transformieren.dazu ist nicht unbedingt ein Leidensdruck vorrausetzung.
    am schlimmsten ist bei seiner äusserung,
    seine wertung :das das produkt um so besser wäre,
    je kränker der künstler.dies müsste doch bedeuten
    das unsere psychatrien, voll sind mit begabten künstlern.
    genug davon,Asche —>Container.

  7. DrNI Says:

    Da spielt natürlich die nur schwer zu beantwortende Frage rein, was Kunst denn sei. Vielleicht ist Kunst ja das Bedürfnis, etwas auszudrücken, gepaart mit der Fertigkeit, dem Etwas dann auch eine Form zu geben. Wer leidet, der hat sicherlich etwas auszudrücken, es muss ja raus. Aber genau so gibt es viele andere Gefühlslagen, die irgendwie raus müssen. Freude, Liebe, und alles andere, was nicht formal beschrieben aber emotional erfahren werden kann. (Ob dann beim Rezipienten die selben Dinge ankommen, wie jemand abgeschickt und durch das Werk ›gesendet‹ hat ist wieder eine ganz andere Frage. Vermutlich meistens nicht.)
    Leid ist halt billig zu gekommen. »Jeder hat sei Päckle zom tragen,« wie der Schwabe sagt.

  8. MartinM Says:

    Ich beziehe das hier einmal auf mich, denn dieser harte Vorwurf trifft meiner Ansicht nach voll auf mich zu:

    Viele verwechseln das aber, weil sie selber nur - im Wortsinne - sich Erfahrung “erarbeiten” müssen, um daraus “not-wendige” Erkenntnisse zu generieren, denn solang es ihnen “gut” geht “muss man ja nichts tun”.

    Ja, es ist diese verdammte Faulheit, Trägheit, Bequemlichkeit, aus der heraus ich (und viele andere) überwiegend “negative Lebenserfahrungen” gemacht haben - denn wenn man, wenn es einem gut geht, im Wohnzimmer vor sich hinfaulenzt, dann macht man keine tiefen, positiven Erfahrungen. Es stimmt und trifft auf mich zu, dass (meine)

    “besten Ideen aus der Not geboren wurden”

    , was eben entweder bedeutet, dass sie ohne Not sich auf die geistig “faule Haut” legen und nur Phantasie entwickeln, wenn sie “müssen, wenn es eben nicht anders geht.

    Ein Talent ist immer auch mit der Verpflichtung verbunden, es zu nutzen. Das ist unbequem, die Konsum- und Faulenzerhaltung ist eben bequemer. In diesem Sinne könnte Antoni Porcak sogar recht haben: nur ein Künstler, der fleißig, diszipliniert und pflichtbewusst ist, der sich nicht schont, kann “Großes” schaffen. Nur nach dem Lustprinzip (”Spaß haben”) können nun einmal keine bedeutenden Werke geschaffen werden - das ist echt, harte Arbeit. Wenn das aus “Spaß” erfolgt, dann ist der “Spaß” nicht umgangsprachlich zu verstehen. Vielleicht ist “innere Motivation”, gern tun, was man tun “muss”, der bessere Ausdruck. “Spaß” klingt zu sehr nach “es sich gut gehen lassen”, “amüsieren”, nach Laster und Schmarotzertum, um das, was Schaffensfreude ausmachen könnte, angemessen zu umschreiben.

    Der Denkfehler liegt wahrscheinlich in der unterstellten Motivation, bzw. darin, dass Porcak sich das simple “Reiz/Reaktions”-Denkschema, dass unter Ökononomen so weit verbreitet ist, angewöhnt hat. Auch seine Äußerung über Malerei ist meiner Ansicht nur aus einer “Marketing-Denke” heraus erklärbar:

  9. MartinM Says:

    @Lu Ping

    Wenn ich in einer meiner eher melancholischen Phasen bin, bin ich persönlich absolut nicht in der Lage, etwas weltbewegendes zustande zu bringen.

    Das erlebe ich anders. Klar, eine echte depressive Episode lähmt, und zwar total.
    Unter einer “melancholischen Phase” verstehe ich aber etwas anderes: eine Phase, in der mir nicht nach Vergnügen zumute ist, in der ich Problemen nicht ausweichen mag, sondern mich mit ihnen in Gedanken und Gefühl auseinandersetze, eine Phase, in der mir alles Oberflächliche, Bunte, “Spaßhafte” zuwider ist. Ein Gefühl des Weltschmerzes und der leichten Verzweiflung. Und der stets präsenten Wut.
    Meine längsten und vielleicht besten Artikel schrieb ich aus dieser Stimmung heraus. Und viele der Bilder, die ich heute noch gern ansehe, malte ich, als mir nicht nur zum Heulen zumute war, sondern sogar Rotzt und Wasser heulte.
    Wenn die melancholische Stimmung ins Depressive umschlägt, ist natürlich der Ofen aus.

  10. Londo Says:

    Hier in Darmstadt gibt es etwas, das ich als Gegenbeweis zur These des Herrn Porcak betrachte: die Mathildenhöhe. Sie wurde erschaffen von Künstlern und Architekten, die alle ein von Großherzog Ernst Ludwig finanziertes festes Monatsgehalt bezogen. Wäre Porcaks Theorie richtig, dann wäre die Mathildenhöhe keine echte Kunst. Jeder, der schon mal Darmstadt besucht hat, weiss, dass das Gegenteil zutrifft.

  11. Karan Says:

    Eigentlich wollte ich gerade noch einige Punkte deutlicher ausführen, aber das kann ich mir sparen, das hat ein anderer schon viel besser gemacht, nämlich Stefan Niggemeier, mit seiner Analyse der Popkultur, die sich zu lesen lohnt, auch wenn sie sich am derzeit aktuellen Thema LML aufhängt. Es geht um viel Fundamentaleres.
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/lena-ist-nicht-die-ikone-der-buergerlichkeit/

    Ergänzen möchte ich zu seinen wie zu meinen obigen Ausführungen, daß es, so glaube ich, hier kein “Entweder-Oder” gibt (wie meistens im Leben ;-) ).

    Natürlich existieren viele Kunstwerke (aller Sparten), die aus dem Leid geboren werden; ich glaube, jede/r Kunstschaffende kennt das. Was mir aufstößt, ist einzig die ideologische Überhöhung dieses Phänomens. Genau wie die von Niggemeier beschriebene ebenso unfruchtbare alleinige Fixierung auf Disziplin und Fleißarbeit. Es wäre aber genauso blödsinnig, Kunst zu einer reinen Spaßkultur zu erklären.
    Die Wahrheit (zumindest eine der vielen) liegt also irgendwo dazwischen, und das kann je nach Werk und Lebensabschnitt unterschiedlich aussehen.

    Ich bin mir gewiß, daß es viele Kunstwerke gibt, bei deren Entstehung die Künstlerinnen und Künstler es sich so richtig “gut gehen ließen”. Und das ist schön. :-)

  12. MartinM Says:

    Danke für den Link! Der Aufsatz erklärt wirklich Einiges.(Zunächst einmal das für mich rätselhafte Kürzel LML - ich interessiere mich nun mal nicht für Schlagerwettbewerbe.)

    Ich muss - wenn ich versuche, ein wenig “Abstand” zu nehmen - eingestehen, dass ich voll auf die ideologische Überhöhung des “Kunst aus erlittenem Leid”-Phänomens einsteige. Das ist anscheinend eine Ideologie, die mir Trost und Sinngebung verspricht. Und irgendwie romantisch ist die Idee, die letzten Worte des “ganz großen Romans” niederzutippen und dann zur Knarre zu greifen und sich im Hemmingway-Stil eine Kugel in den Kopf zu jagen, ja schon. Eine grausame Romantik, aber eine echte Verlockung in endlosen schlaflosen Nächten voller trüber Gedanken: Ein stilvoll inszenierter Abgang.

    Ja, und dass ich auf Disziplin und Fleißarbeit fixiert bin, ist, obwohl ich tendenziell eher ein “fauler Hund” bin (oder gerade deshalb?), ist ja auch kein Geheimnis. Eine Leistung, hinter der nicht Tränen (Leid) oder Schweiß (Fleiß und Disziplin) stecken, ist eben nicht viel Wert. Wie damals in der Schulzeit: Für ´ne “Eins” in Bio gab es kein Lob, weil ich in Bio “sowieso gut” war. Und eine “Eins” in Kunst zählt auch nicht, ist ja Nebenfach und “bringt Spaß”. ;-)

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