Die Band „Schandmaul“ schreibt auf Facebook einen offenen Brief gegen Nazis, die auf den Bandplattformen rechtsextremen Kram absondern. So weit, so prima. Dann aber wird’s gemischt:

„Ist es politisch, wenn sich eine Band von Gedankengut abgrenzt, das nichts mit ihren Grundvorstellungen zu tun hat? Wohl eher nicht. (…) Wir sind Musiker, unser Geschäft ist bestimmt nicht Politik.“

Hier wird „Politik“ viel zu eng gefaßt, mit „Parteipolitik“ gleichgesetzt, und eine Abgrenzung vorgenommen, die bereits seit vielen Jahren einen Großteil unserer aktuellen Zeitkultur zu Irrelevanz und Wirkungslosigkeit verkleinert hat. „Politisch“ bedeutet nämlich NICHT das Wedeln mit Parteibüchern und das fanatische Verkünden von wie auch immer gearteter Propaganda. Es bedeutet vielmehr Wachheit gegenüber der Umgebungswelt und die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen. Das gilt meines Erachtens insbesondere für Künstlerinnen und Künstler und ist überhaupt kein Widerspruch zu Spaß und Unterhaltung, im Gegenteil.

Solange der Begriff „Politik“ aber zum Unwort stilisiert wird, kann und wird sich nichts ändern, denn da hängt der Begriff „Gesellschaft“ nämlich gleich untrennbar mit dran. Dann bleibt eben alles hübsch machtlos und leicht beeinflußbar, was ja diversen Lobbyisten aller Arten und Spektren nur recht sein kann. In einer solchen Welt ist Kunst aber nichts weiter als Dekoration.

Wir Singvøgel verstanden uns von Anfang an als „politisch“ im Sinne dieser gesellschaftlichen Verankerung und Verantwortung, denn die Menschenrechte gibt’s nicht automatisch und schon immer und ewig, und wenn wir sie besingen, manchmal ganz beiläufig, dann erinnern wir genau daran. Was Sven schon vor Monaten in unserem Weblog schrieb, gilt folglich immer noch, und mehr denn je.

„Welche Existenzberechtigung hat eine “Kultur”, wenn sie nichts mehr bewegen will, keine Diskussionen mehr eröffnet, keine Reaktionen mehr provoziert?“

Ich freue mich sehr über Schandmauls klare Abgrenzung gegenüber rechtem Denken und Handeln, aber ich würde mich noch viel mehr freuen, wenn die Band (und viele andere!) sich den zu Unrecht verfemten Politikbegriff endlich wieder mutig aneignete. Schandmaul hat über 144.000 Facebook-Fans. Die werden gut unterhalten, die werden aber auch bewegt, berührt, sie finden in der Musik etwas, das sie als Menschen bestätigt, ihnen Kraft gibt, sie bei allem Spaß auch zum Nachdenken bringt, denn, hey, die Band singt auf Deutsch und nicht nur „Lalala“.

Wir können uns nicht raushalten. Niemand kann das. Jedes Handeln, das irgendwie auf die Gesellschaft einwirkt, also sogar das resignierte Versacken vor dem Fernseher, ist ein politisches Statement, eine politische Handlung. Dies zu erkennen, ist der erste Schritt auf dem Weg aus der gefühlten Machtlosigkeit und in das Bewußtsein der eigenen Kraft und Verantwortung.

Ich bin Musikerin und mein Geschäft ist (auch) die Politik. Weil ich nun mal in dieser Gesellschaft, diesem Gefüge, dieser mittlerweile so weit vernetzten Welt, lebe und auch leben will. In Freiheit und Gemeinschaftlichkeit.

Musik und Politik

4 Gedanken zu „Musik und Politik

  • 17. Juli 2013 um 17:41
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    Ich finde, dieses Statement von Schandmaul sagt mehr über die Wahrnehmung von Politik als über Schandmaul aus. Politik ist eben tendenziell nicht mehr das, was wir alle machen, sondern das, was eine Kaste der Politiker macht. Und, so ein leicht zugängliches Gefühl, die machen doch sowieso was sie wollen. Und nicht, was wir wollen. Gleichzeitig haben sicher aber auch viele die Schnauze voll von politischen Liedermachern, von den 68ern, die jetzt verspießert sind, die Kulturhäuser besetzt halten und in denen das machen wollen, was in den 70ern revolutionär war und heute elitär ist. Das ehemals alternative Tübingen ist besonders betroffen: Hans Söllner singt dazu dann „kritische“ Lieder, gegen Kapitalismus und so, Eintritt 28,50€ im Vorverkauf. Und so ist sich dann ist sich jeder auch nur noch selbst der Nächste. Wenn ich es nicht mache, dann macht es ja ein anderer. Der Neoliberalismus hat das überhaupt nicht besser gemacht. In den Universitäten haben wir uns bemüht, Bildung durch Ausbildung zu ersetzen (ich habe selbst Bachelor und Master studiert, ich bin kein Dipl-Polemiker). Nun heult selbst schon die Industrie, weil keine Selberdenker aus den Denkfabriken mehr rauskommen. Wer hält uns allen (=der Gesellschaft) in Zukunft den Spiegel vor? Der Journalismus ist auf dem absteigenden Ast, die Kunden wollen Entertainment. Bleiben noch die Künstler übrig.

    (Eieiei, das ist jetzt ja fast schon ein kulturpessimistischer Ausflug geworden. Aber ich hab jetzt auch keine Lust, mehr Sonnenschein in den obigen Abschnitt zu streuen.)

    Es wär doch schon mal ein Anfang, eine eigene Meinung zu haben. Und die dann auch mal zu äußern, auch im kleinen Rahmen. Man muss ja nicht gleich Blogger werden. 🙂 Ist ja wie bei vielem: Wenn es viele machen, dann wirkt es auch. Egal, ob das nun Strom sparen ist, oder seine Meinung äußern.

  • 2. August 2013 um 08:21
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    Ich stimme zu, dass die Wahrnehmung dessen, was „Politik“ sei da ein großes Stück mitspielt.

    Aber: diese Wahrnehmung hat auch IMO in ein weiteres Missverständnis: nämlich, dass „Politik“ in der Kunst, speziell Musik, sich auf „politische Liedermacher“ beschränke, bzw. die Erwähnung politischer Themen den Protagonisten in dieses Sujet rücken würde (Dass, aus diesem Glauben heraus, aktuelle Musiker sich politischer Statements lieber enthalten, weil sie Angst haben, dass sie dadurch in ebenjene Ecke rutschen würden, korrespondiert da dann natürlich).

    „Früher“TM war das eben nicht so: Hendrix, The Who, Pink Floyd usw. usf. waren alle „politisch“ und wurden auch genau deshalb geliebt. Deren Musik hat nichts mit bänkelsängenden Liedermachergeklampfe erhobenen Zeigefingers zu tun. Aber deren Musik (Angefangen bei den alten Bluesern schon in den 40-ern und 50-ern, über den Rock’n Roll, Beat, Rock bis tief in die 80-er hinein) prägte stets das, was auch „populär“ genannt wurde, vulgo „Pop-Musik“. Klar, es gab daneben immer auch den harmlosen unpolitischen seichten „Mainstream“, aber ebender wurde durch diese großen Bands und Persönlichkeiten beeinflusst, der kommt immer (nur) hinterher, das ist wie die „punkige“ Mode der 80-er, nachdem die Punks da vorher ein Zeichen setzten. Ich würde behaupten: ohne die (gesellschafts)politischen, kritischen Themen in der Pop- und Rockmusik wäre ebenjene nie zu dem großen kulturellen – und am Ende auch wirtschaftlichen – Faktor geworden, den wir heute sehen. Wenn aber die Musiker selbst heute diese Wurzeln und die Schultern auf denen sie stehen, jetzt vergessen und deren Motivationen und Intentionen so ängstlich ablehnen, dann verraten sie ihre eigene Vergangenheit.
    Ich behaupte (von mir ausgehend): kaum ein/e 40-jähriger Musiker/in heute macht „diesen Job“, weil sie/er in ihrer/seiner Jugend Belanglos-Pop gehört und toll gefunden hat. Sondern weil sie/er von der Musik geprägt wurde, die kraftvolle Botschaften trug. Emotional, ja, aber eben auch „mit Message“, also mit Substanz. Mit Musik als Trägermedium, die die Verzweiflung, die Wut, die Begeisterung, die Sehnsüchte auch an Gesellschaft, Leben und Zukunft zu vermitteln vermochte wie kein anderes.
    Wenn populäre Musik nicht völlig in die geschmacks- und geruchslose Fastfood-Ecke zur Berieselung einer dumpfen Masse verkommen will und deren Protagonisten nicht völlig austauschbare Gestalten, deren einzige Interaktion mit der Welt sich auf die Frage „hier oder zum Mitnehmen?“ beschränkt ist, sein wollen wird es höchste Zeit, dass sie sich wieder auf ihre Wurzeln – und damit auch auf ihre Bedeutung – besinnt. Denn wer, wenn nicht sie?

  • 8. August 2013 um 18:14
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    @Sven: Naja, es gibt sie ja auch heute noch, die „junge“ Musik, die ganz selbstverständlich sich mit gesellschaftlichen Dingen auseinandersetzt. Zum Beispiel von Wir sind Helden, aber auch von Dota und den Stadtpiraten. Aber die ganz große Popularität scheint damit derzeit nicht zu erreichen zu sein.

    Aus Bühnenperspektive heraus denke ich, dass viele Leute einfach nicht auf Message stehen. Und damit meine ich nicht „die Jugend“, die seit Aristoteles sowieso nix mehr drauf hat, sondern die Leute um die 40 bis 60, die sind in meiner Haus- und Hofkapelle die Zielgruppe. Die wollen halt abgehen, ist ja auch gut so. Aber wenn dann mal ein schwäbisches Lied drankommt, bei dem man sich der Botschaft nicht mehr wie im Englischen einfach entziehen kann, dann scheiden sich schon mal die Geister. Das Eindringen in den „Nachdenkraum“ wird nicht von allen positiv aufgenommen.

    Als Musiker/Künstler sind wir aber eigentlich in einer tollen Position: Wir haben die Wahl, was wir servieren wollen. Und wir sind ja nicht auf ein Projekt beschränkt.

  • 9. August 2013 um 18:35
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    „Wir haben die Wahl, was wir servieren wollen.“ – indeed 🙂 – aber ich werde den f**k tun und das sofort wieder durch eine Art vorauseilende „Entschuldigung“ wieder relativieren, wie das die SMs taten 😉

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