Reichlich späte re:publication

Es ist grad viel los. Über unsere wunderbare Aufnahmewoche mit Ingo Vogelmann hat Duke drüben bei den Singvøgeln ja bereits berichtet.

Nur wenig später packten wir drei die Rucksäcke und fuhren nach Berlin, und zwar zur re:publica, wo wir seit Jahren schon hinwollten, was sich aber wegen Terminkollisionen nie verwirklichen ließ. Über die Konferenz als Ganzes ist überall im Netz schon so viel geschrieben worden, daß ich einfach mal erzähle, wie’s für mich selber war und was ich mir angeschaut habe.

Gewächse

Ich liebe es ja, zu lernen und lasse mir wahnsinnig gerne von kompetenten Leuten interessante Dinge erzählen. Demzufolge fühlte ich mich drei Tage lang wie eine Katze am vollen Milchtellerchen, die sich ständig genußvoll die Lippen lecken konnte.

Nachdem ich mich erst einmal in der Örtlichkeit orientiert hatte, geriet ich in einen der allerersten Vorträge, wo Eben Moglen ebenso eindringlich wie rhetorisch brilliant die Notwendigkeit des Prinzips Freiheit für das Internet erläuterte.

Die Präsentation “Der Gläserne Künstler” war für mich in vielfacher Hinsicht interessant, insbesondere die Tatsache, daß ein Zuhörer erstaunt fragte, wie man denn mit einem derart geringen Einkommen über die Runde kommen könne und der Musiker, dessen Daten analysiert wurden, mit breitem Lächeln erklärte, er seie sehr zufrieden und es ginge ihm gut, er mache genau, was er wolle und käme prima zurecht. Die Kriterien sind eben unterschiedlich. Die Bereitschaft, sich zu verkaufen, auch. ;-)

Der Lawblogger Udo Vetter hat die ebenso seltene wie angenehme Eigenschaft, juristische Zusammenhänge extrem verständlich erklären zu können. Und außerdem hat er mir nachmittags beim Bierchen verraten, wie ich aus meinem Telefon eine richtige Anlage machen kann. Äh, naja, wenigstens so was Ähnliches. ;-)

Später begleitete ich Duke zu einer Session zum Thema Self Publishing, wo er zwar nicht allzuviel Neues erfuhr, aber doch sein eigenes Konzept dafür klären konnte. Ja, er hat was geschrieben. Und ich freue mich schon auf die Veröffentlichung…

Es waren auch ein paar Leute von einer Self-Publishing-Agentur vor Ort, mit denen wir uns dann zu einer Informationsrunde im kleineren Kreis zusammenfanden und die sehr gut zum Thema informierten. Fazit: sobald totes Holz in’s Spiel kommt, wird’s teuer. Was ja irgendwie logisch ist.

Am Abend delektierten wir uns dann noch an einer Improvisationstheatershow, machten uns dann aber relativ bald auf den Heimweg zu den uns beherbergenden Freunden im Prenzlauer Berg, was wegen einer U-Bahn-Dauerbaustelle sowieso länger dauerte als normal.
Himmel

Am nächsten Tag gab ich mir informationstechnisch ziemlich die Kante. Es war aber auch so viel los, und ich hoffe inständig, daß die meisten Sessions, die ich notgedrungen verpaßte, irgendwann noch auf Video publiziert werden, denn da ist einiges, was ich auch gerne gehört hätte.

Tim Pritloves Vortrag über Podcasts war wiederum in erster Linie für Duke interessant, aber der Mann kann so fesselnd reden, daß es mir auch Spaß gemacht hat.

Hinterher gab es dann eine geballte Ladung Politik und Zeitgeschichte. Zum einen mal eine fundierte Analyse der Rolle von Social Media im “Arabischen Frühling”, hinterher gleich einen sehr eindringlichen Bericht über die Lage in Syrien, der mich ziemlich sprachlos gemacht hat, obwohl mir etliches doch schon bewußt war. Aber es kann einem eigentlich gar nicht bewußt genug werden.
Dann folgte eine Betrachtung von Netzzensurmethoden im Mittleren Osten und in Nordafrika, die sich aber nicht mit der Beschreibung des Status Quo begnügte, sondern auch zeigte, daß erfolgreicher Widerstand möglich ist.

Die entscheidende Quintessenz aus alledem ist die Erkenntnis, daß es unglaublich wichtig ist, all diese Themen im öffentlichen Bewußtsein zu halten, und daß es auch hier die vielen Tropfen sind, die den Stein höhlen. Woran man sich immer wieder erinnern sollte, wenn der Gedanke sich aufdrängt, man “könne doch eh nichts tun” und ein Klick, z. B. bei Amnesty, “bringe doch sowieso nichts”.

Nach unserem Vortrag an der University of Plymouth wollten wir Singvøgel natürlich gerne wissen, wie andere Leute das Thema Musik und gesellschaftspolitischer Aktivismus wahrnehmen. Es ist wirklich schade, daß dabei die Technik heftig zickte und daß die Örtlichkeit akustisch so schwierig war. Mit diesem Thema allein könnte man Stunden füllen und ich habe nicht wenig Lust, da dranzubleiben…

Im Netz tummeln sich bekannterweise eine Menge unangenehmer Gestalten, aber zum Glück auch schlagkräftige Initiativen gegen braune und sonstige menschenfeindliche Kacke. Es hat gut getan, zu hören, daß da einiges passiert. Und ich war sehr beruhigt, daß zum Schluß alle in das Fazit einstimmten, es genüge nicht, Extremismus am rechten oder linken Rand der Gesellschaft zu verorten, weil er oft geradewegs aus ihrer Mitte heraus generiert wird, in Form von plattem, polemischem Populismus beispielsweise. Die aktuelle Islamophobie ist da ein gutes Beispiel.

Ebenso sachlich wie eindrücklich ging es dann um die Frage, wie man Burnout verhindern kann, wenn man sich leidenschaftlich im Netz für ein Thema engagiert und einem dabei das eigene Leben aus der Hand zu gleiten droht. Stephan Urbach und Co. schafften es, das ohne Sentimentalität, aber auch ohne Beschönigungen und vor allem sehr lösungsorientiert rüberzubringen. Chapeau!

Vietnamesischer Kaffee

An diesem Abend war ich ziemlich durch und froh, daß wir uns schon im Vorfeld mit einer lieben Freundin zum leckeren vietnamesischen Mahl verabredet hatten, wo wir ausgiebig über Musik klönten. Ich trinke spätabends selten Kaffee, aber da brauchte ich einen, um hinterher überhaupt noch den Heimweg zu schaffen. Dann jedoch gab’s Bier und Philosophie beim Gastgeber und es war wieder nichts mit erholsam langem Schlaf. :-D

Aber es gibt ja Hilfsmittelchen: Flüssigwecker waren auf dem re:publica-Gelände zum Glück reichlich erhältlich, so daß ich auch am nächsten Tag wieder einigermaßen aufnahmefähig war.

Flüssigwecker

Was auch nötig war, denn die Debatte um die aktuellen “Copyriots” interessierte mich natürlich sehr. Schade, daß sie zum Schluß doch wieder in Polemik abrutschte, trotz der brillianten Moderation von Johnny Häusler.

Da war’s hinterher richtig erholsam, sich Felix Schwenzel anzuhören, den Meister der Gemeinplatzveredelung. Natürlich weiß jeder, daß das Internet aus Leuten besteht, aber es so brilliant erklärt zu kriegen, hat wahrlich Spaß gemacht! Zu dumm, daß ich seine Hysteriekurve nicht fotografieren konnte, die war genial. Und wahr.
[Edit: Schaut mal in die Kommentare! :-) ]

Solchermaßen stabilisiert freute ich mich auf Till Kreutzers Vision für ein Urheberrecht 2037, wo’s dann tatsächlich ein bissl konkreter und konstruktiver wurde, sofern das bei Visionen halt geht.

Ein bißchen unverständlich bleibt mir, warum die Initiative zur Gründung einer alternativen Verwertungsgesellschaft, Cultural Commons Collecting Society, mit ihrem Sessionvorschlag für die re:publica nicht durchkam, das hätte meines Erachtens famos in’s Programm gepaßt. Aber zum Glück können wir die ja am kommenden Wochenende auf dem Future Music Camp hören.

Bei mir, aber auch bei den Herren Kollegen war das Hirn dann sozusagen übervoll, weswegen wir uns vom Gelände schlichen und uns freuten, eine Singvøgel-Sympathisantin zum Kaffee treffen zu können. Was sich dann ein wenig länger hinzog als geplant, woraufhin wir die Abschlußsession sausen ließen und lieber hinterher im Freien noch ausgedehnt mit diversen Bierchen in der Hand in der Gesellschaft einiger interessanter Menschen herumstanden und redeten. Bis uns die absolute Erschöpfung übermenschte, wir uns in die U-Bahn schmissen und nach etlichen Umwegen wegen Störungen oder wasweißich wieder im Quartier eintrafen.

Am nächsten Tag hatten wir glücklicherweise ein wenig Zeit zum So-einigermaßen-ausschlafen, Mit-den-Gastgebern-brunchen, Ein-wenig-in-der-Stadt-rumlaufen und Verabredung-mit-lieben-Leuten-haben, bevor wir uns am folgenden Morgen einigermaßen wach wieder auf die Heimfahrt machten. Und prompt, wie schon auf der Hinfahrt, im Stau steckenblieben.

Und jetzt?
Keine Atempause.
Ja, es geht voran. ;-)

Stay free

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6 Antworten auf Reichlich späte re:publication

  1. Karan sagt:

    Ach ja, falls sich jemand wundert, daß ich auf der Veranstaltung selber so gut wie keine Bilder gemacht habe: ich finde es extrem schwierig, Menschen zu photographieren. Vor allem welche, die ich nicht kenne. Da habe ich so was wie eine eingebaute Ladehemmung. Keine Ahnung, warum. ;-)

  2. ix sagt:

    danke für die blumen. und hier der hysterie-zyklus der technologiekritik:
    https://twitter.com/#!/diplix/status/199843685159010304

  3. Karan sagt:

    Heißen Dank! :-)

  4. MartinM sagt:

    Ich stelle fest, dass ich wirklich sehr viel für mich sehr wichtiges versäumt habe – und hatte noch nicht einmal Terminkollisionen als Entschuldigung. ;-)

  5. flimbe sagt:

    Danke für die Einblicke! :) Beim nächsten Mal muß ich auch mal bei der re:publica dabei sein! Wollte ich auch schon immer mal! :)
    Wie erfährt man am besten die Termine?
    (Ah, Mist, Du hast kein Nachfolgende-Kommentare-Abo hier… schade.)

  6. Karan sagt:

    Nee, so ein Abo hab’ ich nich’, das hier läuft auf einem Steinzeit-Wordpress. ;-)

    Ich selber habe den Termin vom Herrn Kollegen erfahren und hätte es ansonsten wahrscheinlich auch wieder nur zu spät mitbekommen. Werde für’s nächste Jahr den Twitter-Stream und die FB-Seite im Auge behalten; ich glaube, da wird es am ehesten bekannt gegeben.

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