Da bekommen antisemitische Rapper eine „Echo“ verliehen und treten bei der Gala auf! Es war leider nicht das erste Mal, dass diese große Bühne dem Kleingeist huldigte: Eine leider viel zu bekannte Band aus der rechten Ecke stand auch schon mal darauf. (Es widerstrebt mir, die sattsam bekannten Protagonisten beider Skandale hier zu nennen, denn sie bekommen sowieso schon genügend Aufmerksamkeit).

Immerhin: Campino von den „Toten Hosen“ fand deutliche Worte zur diesjährigen Grenzüberschreitung. Leider war er der einzige. Und jetzt, im Nachhinein, geht überall das große Gejammer los:
Wie konnte das passieren?
Warum gibt es nicht mehr Musiker_innen, die sich diesen schlimmen, menschenfeindlichen Ideologien lautstark widersetzen?

Tja, es gibt sie.
Nur kennt sie kaum jemand.
Und das hat sich die Musikindustrie ganz allein selbst zuzuschreiben.

Ich finde es ja schon äußerst fragwürdig, Musikpreise anhand von Verkaufszahlen zu vergeben. Da stellt sich mir die Frage, was genau sich so gut verkauft – und warum.

Es wird immer schön scheinheilig argumentiert, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt. In Wirklichkeit ist es aber umgekehrt: das, was sichtbar angeboten wird, wird irgendwann auch immer stärker nachgefragt.
Ein zweites scheinheiliges Argument ist, dass heute jede_r, die/der professionell Musik macht, des eigenen Glückes Schmied sei, hätten doch die digitalen Medien und die immer günstiger werdenden Heimstudio-Werkzeuge die Musikwelt geradezu demokratisiert.
Das gilt tatsächlich für die reinen Produktionen, aber entscheidend ist etwas ganz anderes, nämlich, die Aufmerksamkeit des Publikums. Um das Grundrauschen zu übertönen, um überhaupt gehört, bemerkt und vielleicht irgendwann bekannt zu werden, reicht es nämlich noch lange nicht, gute Musik zu machen. Hier kommen dann genau die Torwächter der Musikindustrie ins Spiel, die immer schon bestimmt haben, was in der Musikwelt wahrgenommen wird. Diejenigen Künstler_innen nämlich, die im Radio, im Fernsehen, in den großen Massenmedien, mittlerweile auch flächendeckend im Internet aktiv und nachdrücklich beworben werden.
Und das kostet Geld.

Investiert wird aber heutzutage natürlich nur noch in etwas, das in absehbar kurzer Zeit auch einen saftigen Profit abzuwerfen verspricht. Da ist es dann auch völlig egal, ob das gewinnbringende Projekt rechtspopulistische Parolen in die Welt blökt. Hauptsache, die Verkaufszahlen stimmen.
Man kann sich ja immer so schön darauf herausreden, dass „die Leute das eben hören wollen.“ Nun ja, der Zeitgeist-Affe schleckt den Zucker eben gern, den man ihm in so breiter Spur hinstreut. Diese Industrie hat sowohl ihre Künstler_innen als auch ihr Publikum selbst gezüchtet.

Und die Alternativen? Meines Erachtens verdankt beispielsweise die Band „Feine Sahne Fischfilet“ ihre heutige Bekanntheit vor allem der Tatsache, dass ihre antifaschistischen Aktivitäten die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes erregten und dieser Skandal breite Resonanz in den Medien fand. Damit war das Grundrauschen übertönt – und die Band wurde erstmals überhaupt richtig hörbar.

Der Skandal als Schlüssel zum Erfolg? Scheint so – denn wo sind sie denn, die mutigen Labels und Produzent_innen, die denjenigen eine nachhaltige Plattform bieten, die teilweise seit Jahren und Jahrzehnten unermüdlich gegen Rassismus und andere Unerträglichkeiten ansingen und anspielen, für die Menschenrechte und für eine Welt, in der es sich für alle zu leben lohnt? Denjenigen, die übrigens nach ihren Konzerten öfters mal gefragt werden, warum „sie denn nicht im Radio gespielt werden“. Ja, warum denn nur?

Musik ist, wie alle Künste, Geschmackssache.
Geschmack entsteht aber nicht aus dem Nichts. Er wird gebildet, im Kleinen wie im Großen. Doch gerade die großen Institutionen, die hier einen weiten Handlungsspielraum hätten, nutzen ihn nicht aus. Die Musikindustrie heißt wohl leider nicht umsonst so – sie hat sich den neoliberalen Maßstäben der restlichen industriellen Wirtschaft im vollen Umfang unterworfen. Sie liefert gerne, was diesen entspricht: das Billige, das Harmlose – und das Populistische. Und entblödet sich nicht, wie im oben erwähnten Fall, sogar lautstarken Antisemitismus salonfähig zu machen.

Leider werden wohl auch diese meine Worte im allgemeinen Grundrauschen untergehen. Trotzdem genügt es mir nicht, sie nur schweigend zu denken.

Und singen werde ich natürlich auch weiterhin – mit Leidenschaft, für die Menschlichkeit. Wie so viele meiner ebenfalls in dieses Richtung engagierten Kolleg_innen, die keinen „Echo“ bekommen, dafür aber die Unterstützung und Ermutigung derjenigen Menschen, die das Selberdenken nicht verlernt haben.

Über Unerträglichkeiten und die Scheinheiligkeit der Musikindustrie
Markiert in: