Und daß so was von so was kommt…
17. Juni, 2010 @ 14:03 | Kultur & Kontext |
Es fällt offenbar vielen immer schwerer, die Sachebene von der Personenebene zu trennen. Die Unsitte, eine Person (oft eine des öffentlichen Lebens, die man überhaupt nicht kennt) mit dem zu verwechseln, was sie von sich gibt (an künstlerischen oder auch politischen Äußerungen) und dann mit “XX ist sch…” oder Schlimmerem zu reagieren, ist mittlerweile ziemlich stark verbreitet.
Heranwachsenden mag eine solche Pauschalierung ja vielleicht noch nachzusehen sein - von Erwachsenen, noch dazu intelligenzbegabten, ist, so denke ich, schon eine differenziertere Betrachtung zu erwarten - oder zumindest ein “Das Lied, das XX singt, FINDE ich doof” oder “ist nicht MEIN Ding”.
Was ich aber derzeit beobachte, sind ganze Web-Communities bzw. Gruppen, deren einziger Inhalt darin besteht, über irgendjemanden ad personam herzuziehen, noch dazu in verletzendster, abwertendster und gehässigster Art - nur, weil dieser Jemand ein Lied singt, das einem nicht gefällt.
Solche mob-artigen Phänomene irritieren mich nicht nur, ich fühle mich davon bedroht. Denn was anderen passiert, kann auch jederzeit mir widerfahren - falls wir Singvøgel mal durch irgendwelche Umstände sehr erfolgreich und in sämtlichen Radiostationen rauf und runter gedudelt werden…
Was steckt eigentlich hinter so viel Haß und Mißgunst?
Wohl doch wieder der Neid, wie ich schon kürzlich in meiner Betrachtung über Kritikaster feststellen mußte.
Aber auch eine Unfähigkeit (oder gar ein Unwille), überhaupt noch zu reflektieren. Die eigenen Reaktionen auf ihre inneren Motivationen hin zu untersuchen.
Ich befürchte allerdings, an der Wurzel all dessen liegt oft ein immenser Mangel an Empathie. Der sich in unserer Zeit tendenziell auf allen gesellschaftlichen Ebenen immer stärker breitmacht. Und dahinter wiederum erahne ich ein gerüttelt Maß an (Existenz-)Angst.
Mir wird bei alledem ein wenig flau, weil ich mich entsinne, daß ähnliche Tendenzen schon einmal da waren und sich verheerend zusammengeballt haben: zu Totalitarismus und Gewalt. Denn das ist der ideale Nährboden für die Macht des Mobs, für Hexenverbrennungen (im realen wie übertragenen Sinn) und für Jubel über Fragen nach totalen Kriegen oder Ähnlichem.
“Und daß so was von so was kommt…”, sang einst eine (ebenfalls vielgeschmähte) Kollegin.
Wach bleiben.
 
RSS-Feed für die Kommentare dieses Artikels
Juni 17th, 2010 at 15:01
Stimmt, diese Verwechslung einer Sache mit einer Person und die dann stattfindende Übertragung der Unbill um eine Sache auf die Gesamtheit dieser Person (am besten einer, die man eigentlich überhaupt nicht kennt, da geht das wohl noch leichter, denn dann stört keine irgend geartete “Realität” die Projektion) ist immer wieder erschreckend. Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist, aber ich nehme auch einen langsam wachsenden Mangel an Reflexionsfähigkeit wahr - auf jeglichen Ebenen, Medien, Politik und eben auch Einzelpersonen. Kann ich ganz schlecht mit umgehen. Das Wort “Mobbing” ist nicht von ungefähr die Tätigkeitsform von “Mob”…
Juni 17th, 2010 at 21:03
Ich habe ja das “Ad personam” “argumentieren” als Folge einer “Rechthabermentalität” und eines Mangels an Pragmatismus - und der sich daraus ergebenen Kompromisunfähigkeit - geschildert.
Aber wahrscheinlich ist das nur die Hälfte des Problemes.
Mir geht es da wie Sven - ich stelle eine langsam, aber sicher, wachsenden Mangel an Reflexionsfähigkeit fest. Genauer gesagt: eine Angst vor dem Nachdenken, und Angst davor, sich in die Situation des Anderen hineinzudenken. Da stimme ich Karan zu: daraus erwächst Emphatieblindheit, verbunden mit Selbstgerechtigkeit.
Übrigens stelle auch ich an mir selbst die von Karan beschrieben Verhaltensweisen fest - z. B. in Form voreiliger Pauschalurteile. Erst vor wenigen Tagen habe ich einen Menschen mit seinen Werken verwechselt - in durchaus vergleichbarer Form, wie es die Gruppen, die in gehässiger Form ad personam über die Sängerin eines Liedes, dass ihnen nicht gefällt, herziehen.
Wenn mir Filme nicht gefallen, ich sie sogar hasse, gibt das mir nicht das Recht, auch die Menschen, die sie machen, und die ich nicht kenne, zu verachten.
Juni 18th, 2010 at 07:53
wo du recht hast, hast du recht.
ich hab ja auch die tendenz, leuten die eigenschaften zuzuschreiben, die ich von ihnen dargestellt bekomme.
weswegen ich auch manchen menschen, obwohl ich ihn garnicht kenne, unsympathisch finde, nur wegen seines fernsehauftritts oder, sagen wir, eines liedes das ich nicht mag. demnach sollte ich mir wohl über meine art schubladendenken (hmm… eher post-it-denken) gedanken machen.
aber bei promis sehe ich da auch eher die darstellung, die mir nicht gefällt, als die eigentliche person. die kennt man ja oft garnicht.
man sollte aufhören, leute so schnell abzustempeln.
aber verachten?
oder als person scheixxe finden?
da müsste jemand von mir schon ziemlich viele negativ-stempel bekommen haben…
Juni 19th, 2010 at 18:02
Eine weitere mögliche Erklärung: wenn es zur Kritik nicht reicht, dann reicht es immer noch zur Häme.
Diese Kritik zu Shakiras WM-Song illustriert außerdem noch einen anderen Mechanismus: die Häme bekommen nicht die ab, die es vielleicht verdient hätten, sondern die, die im Licht der Öffentlichkeit stehen.
http://www.sueddeutsche.de/leben/stilkritik-shakiras-wm-song-der-waka-waka-wahnsinn-1.955076