Uni brennt
13. November, 2009 @ 10:48 | Kultur & Kontext, Öffentliche Ärgernisse |
Und ich hoffe, daß das viel, viel weiter geht als damals zu meiner Zeit die flammenden Proteste gegen das Hochschulrahmengesetz, die leider doch erfolglos blieben, weil es uns nicht gelang, weitere Teile der Bevölkerung für unser Anliegen zu mobilisieren.
Die derzeitige Bildungsmisere jedoch ist global; viel umfassender als nur auf die Universitäten beschränkt.
Es geht um nichts weniger als um die Umgewichtung unserer Gesellschaft durch die Unterwerfung von Bildung und Kultur unter die Gesetze der Marktwirtschaft - eine verheerende Fehlentwicklung, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg schleichend stattgefunden hat und deren Folgen jetzt allmählich denjenigen bewußt werden, die die Konsequenzen zu tragen haben.
Was derzeit angeboten wird, ist fast nur noch AUSbildung, nicht mehr Bildung. Letztere umschließt nämlich mehr als das Aneignen von Fertigkeiten, um dann mit deren Hilfe möglichst viel Geld verdienen zu können. Bildung bedeutet das Erlangen von Erkenntnissen. Solch ein Prozess ist immer individuell. Und nur er befähigt einen Menschen, einen wirksamen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft überhaupt leisten zu können.
Wenn, wie ich im Radio hörte, ein dreizehnjähriges (!) Mädchen erzählt, sie werde ihrem Traum, Cellistin zu werden, nicht folgen, weil man davon ja nicht leben könne, und stattdessen lieber etwas Einträgliches studieren, dann ist etwas faul in dieser Gesellschaft. Und zwar gewaltig.
Die (”Bildungs-”)Politiker salbadern von der “Umsetzung von Konzepten” - welchen Konzepten bitteschön?
Die hiesigen Bachelor- und Masterstudiengänge sind m. E. ebenso unausgegoren wie das achtstufige Gymnasium.
In Deutschland scheint es nicht um inhaltlich wertbringende Veränderungen zu gehen (an denen dann auch alle Betroffenen beteiligt werden müssen, also auch die SchülerInnen, LehrerInnen, StudentInnen und DozentInnen), sondern vor allem um eins: den Erhalt von Hierarchien und Verwaltungsstrukturen. Eine wirkliche Reform wird diese zur Disposition stellen müssen.
Bildung und Kultur sind keine Marktgrößen. Ein Staat, der diese Werte nur mit den Maßeinheiten der Ökonomie mißt, wird zu einem erstarrten System und verliert seine lebendige Struktur.
Ich wünsche den Studentenprotesten, daß der Funke überspringt. Auf Eltern, die die Nase voll haben von einer angeblichen Chancengleichheit für ihre Kinder, die doch nur auf dem Papier existiert. Auf Kulturschaffende, die den Wert der Wissenschaften kennen und deren Verfall aufhalten wollen. Auf alle, die noch einen Funken Geist in der Seele haben.
 
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November 13th, 2009 at 12:05
ich mag ja nicht unken…. aber wir haben aus ähnlichen gründen schon in den 90´ern protestiert, und keinen arsch hats gejuckt.
G8 ist eine katastrophe, die schüler schneller zu einem schlechteren abschluss bringt, was pfusch ist. bachelor- und masterstudiengänge sind sowas von für den hintern….
dieses bildungsgepfusche wird noch seine katastrophalen konsequenzen haben. früher war deutsche wissenschaft mit einem exzellenten ruf versehen, in zukunft wird sie verrufen sein, schätze ich.
November 13th, 2009 at 13:29
Ja, es ist etwas faul. Im Bildungssystem - und in der Mentalität. Nicht “nur” der Mentalität der Herrschenden (die ist nachvollziehbar, wenn auch unschön, da irgendwo rational und klassisch egoistisch), sondern auch gerade in der Mentalität des “Normalbürgers”, der da m. E. fest von etwas überzeugt ist, das seinen Interessen entgegen steht. Ideologisches Denken.
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Die Bildungs-Proteste der 80er und 90er Jahre fanden m. E auch deshalb wenig Resonanz, weil das (zutiefst spießige) Nützlichkeits- und Selbstverwertungsdenken sich tief in der Mentalität eingefressen hat.
Das dreizehnjährige Mädchen, dass ihrer Traum, Cellistin zu werden, nicht folgen wird, weil man davon ja nicht leben könne, und stattdessen lieber etwas Einträgliches studieren, tut ja nur genau das, was vielleicht die Eltern, vielleicht die Schule, aber ganz bestimmt die offizielle und die heimlichen Berufs- und Karriereberater ihr gesagt haben. Und zwar nicht erst seit gestern: die Sprüche “Lern doch etwas Vernünftiges” und “brotlose Kunst” kenne ich (zur Genüge) aus meiner eigenen Kindheit und Jugend. Und schon meine Eltern und Großeltern kannten sie. Und glaubten sie. Ich glaubte sie irgendwann auch, zu meinem Nachteil, das ist das Erschreckende.
(Es geht nicht um die Frage nach einem (zusätzlichen) “Brotberuf”, so was ist ja ganz nützlich, sondern darum dass ganze Bildungswege von vornherein ausgeschlossen werden.)
November 14th, 2009 at 01:00
Am Mittwoch haben wir Studientag, da kommen zahlreiche Schüler aus BaWü nach Tübingen (wo die Hörsaalbesetzung gestern morgen von zahllosen Polizisten geräumt wurde). Mittlerweile auf der Mitarbeiterseite angekommen bin ich nun gespannt, wie es sich der Tag entwickeln wird. Immer wieder bin ich erstaunt, dass die Schüler glauben, man könnte etwas 3 bis 6 Jahre lang studieren, nur um am Ende Geld zu verdienen. Selbst wenn man jeden Idealismus beiseite lässt: Sich so lange durch etwas durchzubeissen, wenn es einen nicht richtig interessiert, das schaffen nur wenige. Und dann ein Leben lang einen Beruf ausüben, nur weil er Geld bringt und keine Erfüllung? Freiwillig in die Hölle?
Die Beweggründe für die Studienwahl sind aber relativ undurchschaubar. In Tübingen läuft das Lehramtsstudium massiv über, es ist quasi nicht mehr durchzuziehen. Gleichzeitig ist in der Computerlinguistik (mein Fachbereich) trotz guter Berufsaussichten und Seminarstärken von maximal 15 Teilnehmern (anstatt bis zu 100!) totale Flaute.
Zusätzlich zum Geld-Danach-Gedanken machen die Leute auch nur noch das, was sie kennen. Und was sieht man als Schüler täglich vor sich? Lehrer.
Ich frage mich wirklich, welche Definition von Glückseligkeit die Schüler in ihren Birnen haben. Das gilt natürlich auch für viele Studenten. Ist viel Geld die einzige Form des Glücklichseins? Wie wir wissen, ist es von allen die schwächste und am wenigsten dauerhafte.
Doch vielleicht braucht man für diese Erkenntnis eben humanistische Bildung und nicht fachidiotische Ausbildung.
November 15th, 2009 at 00:17
Ja, DrNI, der Faktor “ich mach nur das, was ich kenne” spielt ein verdammt große Rolle bei der Berufswahl. War zwar schon wohl immer schon so, aber in Zeiten der Dauermobilisierung und des Alarmismus (mindestens so schlimm wie die realen Krisen) und der damit verbundenen Angst und Angstmache engt sich das noch weiter ein: die Frage ist nicht mehr: “Wo habe ich die besten Chancen?” sondern “Wo riskiere ich am wenigsten?” und vor allem “Wo gibt es am wenigsten Ungewissheit?” - Was ein Lehrer macht, oder ein Anwalt, oder ein Finanzbeamter, oder auch ein Bankangestellter, das weiß man eben, das kennt man, das ist “solide”.
(Rückblende: ich habe mich einige Male für das “solide” und gegen das vemeindliche “Abenteuer” entschieden - na, ja, weit bin ich damit nicht gekommen.)
Ich frage mich auch, welche Definition von Glückseligkeit Schüler, Azubis und Studenten im Kopf haben. Ich habe leider nicht so viel Kontakt zu dieser Generation, wie es vielleicht gut wäre, aber nach dem, was ich so mitbekommen, ist es neben dem Streben nach materiellen Wohlstand auch die Abwehr von “Zumutungen”, ein “geborgenes” Leben. Also gar nicht mal so anders als bei der Generation ihrer Eltern.
Das Problem liegt vielleicht weniger darin, dass der Begriff von “Glück” in den Köpfen so spießig und oberflächlich ist - das ist ein Problem, aber ein uraltes - sondern, was den jungen Leute als Weg zur “Wohlstand” und “Geborgenheit” (legitimen Zielen übrigens) schmackhaft gemacht wird. Passe dich an, sei fleissig, stelle keine Fragen, und vor allem - “Keine Experimente”. Oder, wie es ein zynisch gewordener Dozent bei einer dieser obskuren Fortbildungen, die die Arbeitslosigkeitsverwaltungsagentur Arbeitslosen so gerne aufdrückt, ausdrückte:
“An Selbstverwirklichung können Sie dann denken, wenn Sie genug Geld für eine Hazienda auf Grand Canaria zusammen haben.” (Er spielte da auf ein Klischee an, nämlich das des “Wohlstands-Aussteigers” - aber er sagte auch: “Selbstverwirklichung ist heutzutage leider Luxus. Es gibt in unserer Gesellschaft nur die Alternativen: Mitmachen und sich anpassen - oder gescheiterte Existenz. In letzter Konsequenz: Penner vorm Bahnhof.” Der Mann war zynisch und wahrscheinlich verbittert, auch ob eines sinnlosen Jobs, aber er machte das, was andere sorgfältig vermieden: er redete Klartext.
Ob er recht hatte? Ich weigere mich, es zu glauben.
Aber ich vermute, dass zahllose Schüler, Studenten, Azubis - und noch weitaus mehr Lehrer, Professoren, Eltern, Berufsberater - genau so denken, auch wenn sie es nicht offen aussprechen, wie der zynische “Fortbildungs”-Dozent.
November 15th, 2009 at 10:01
Nein, der Dozent hat unrecht. Das wirde er aber selber nie erkennen. Er redet sich die eigene Lage schön (oder zumindest annehmbar), indem er andere, die er aber leider nur vom Hörensagen kennt, schlechtmacht.
Selbstverwirklichung hat nichts mit “Geld wie Heu” zu tun. Obwohl Geld wie Heu natürlich eine feine Sache ist. Die meisten Menschen jedoch, die dieses mittels irgendeiner einträglichen Maloche angehäuft haben, tun dann damit alles andere als sich selbst zu verwirklichen. Weil sie sich auf dem Weg dahin längst verloren haben…
November 15th, 2009 at 11:45
Du sprichst mir aus der Seele. Abgesehen davon, daß jegliche kreative Berufe ja “brotlos” sind (wurde mir auch dauernd gesagt), hängen an denjenigen, die viel verdienen (gibt ja solche Künstler), diese Ketten von Leuten, die sich quasi davon ernähren. Selbst nicht kreativ sein, aber es für sich nutzen.
Es hat sich vieles so dermaßen aufgebläht, daß es mich bisher gewundert hat, warum es nicht schon längst eingestürzt ist. So ganz ohne Fundament. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hab ich zur Zeit das Gefühl, es ordnet sich einiges.
Deshalb sollen die Studenten ruhig weiter die Unis besetzen und ihre Proteste lautstark herausschreien. Wurde ja auch Zeit. Ich glaube, inzwischen ist bei vielen Menschen angekommen, daß diese sogenannte Bildungsmisere hausgemacht ist.
So, ich muß dann mal wieder weg
November 15th, 2009 at 12:15
Das erschreckende an diesem zynischen Dozenten war ja gerade, dass die “gescheiterten Existenzen”, die die es “nicht geschafft” hatten, sehr wohl aus eigener Anschauung kannte (er war früher wohl mal in der Sozialarbeit, soviel ich mitbekommen habe, und es wurde ihm irgendwann zuviel, so dass er umsattelte).
Er meinte es ja wirklich gut mit uns, und war er ehrlich und engagiert bemüht, uns Arbeitslose vor dem “Absturz” zu bewahren. Was ihn vom offiziellen “Motivationsstil” des A.A. unterschied, war m. E. vor allem die größere Ehrlichkeit und Offenheit. (Vom Heucheln und sich in die Tasche lügen hatte der Mann nach eigenen Angaben die Schnauze gestrichen voll.)
Ich weigere mich dem Mann recht zu geben, aber von einem rein pragmatischen Standpunkt aus gesehen, nämlich dem, dass das Ziel im Leben sein sollte, möglich immer von eigener Hände Arbeit leben zu können und auf jeden Fall die Verelendung zu vermeiden, ist seine Behauptung nachvollziehbar.
Es geht um Prioritäten. Liegt die Priorität darauf, persönliches Unglück zu vermeiden, ist etwa die Angst vor dem “Abstieg” das treibende Motiv in Leben und Beruf, dann ist auch die Entscheidung der jungen Cellistin - leider - völlig folgerichtig.
November 16th, 2009 at 08:58
Das angeblich “brotlose” in der Kunst spricht unser Modell von Erfolg an. Erfolg ist, wenn man möglichst viel Geld bekommt. Im klassischen Szenario des Musikbusiness steht das ja auch im Zusammenhang: Viele Leute mögen deine Musik, viele wollen dich hören, viel Geld.
Aber natürlich ist es auch ein Erfolg, wenn man vor einem kleinen Publikum Musik aus einem weniger populären Genre spielt und der Abend gut läuft. Nur unter Umständen finanziell gesehen weniger, aber wenn man das Glücklichsein ohne Umweg über das Geld sucht, dann doch sehr.
(Übrigens gibt es hier deutliche Parallelen zu meinem Hauptberuf, als Uni-Akademiker macht man dauernd Sachen, die keiner versteht, ist dafür nicht übertrieben gut bezahlt, und hat Gigs eeerm Vorträge vor kleinen Gruppen, die einen hoffentlich gut finden.)
Juli 17th, 2010 at 17:51
[...] troubadoura.de Karan bringt es genau auf den [...]
Juli 19th, 2010 at 14:01
[...] Lesebefehl! Verfasst von muhh am Fr, 11/13/2009 - 11:17 Bildung und Kultur sind keine Marktgrößen. Ein Staat, der diese Werte nur mit den Maßeinheiten der Ökonomie mißt, wird zu einem erstarrten System und verliert seine lebendige Struktur. via troubadoura.de [...]