Unterhaltung
2. Januar, 2009 @ 08:21 | Kultur & Kontext |
“Nur” Zeitvertreib, Kurzweil, Freizeitvergnügen?
Will Shetterly schreibt:
“I see most entertainment as soporific propaganda, comforting people without challenging them. Organized entertainment is the successor to organized religion, another way to tell people to be quiet and trust their masters.”
Da hat er gewiß recht.
“Unterhaltung” bedeutet aber auch “Instandhaltung der Substanz”. Und da erkenne ich, ebenso wie Will, meine Herausforderung und Aufgabe.
Kürzlich hatte ich ein langes Gespräch mit dem Drehleier-Virtuosen und Straßenmusiker aus Leidenschaft Pol O’Ceallaigh. Einer seiner Sätze kam mir vor wie eine Prophezeihung. Er meinte, er mache sich gar keine Sorge um seine Existenz als Musiker, denn in Zeiten wie diesen lechzten die Menschen nach Unterhaltung.
Die staatlich gewollte Vernachlässigung von Kultur (die gefährdete Künstlersozialkasse und die unfairen GEMA-Richtlinien sind nur einige wenige Punkte, die sie offenbar werden lassen) wird uns nicht aufhalten. Wir bleiben dran. Jeder Akkord, den wir spielen, ist eine Stellungnahme gegen die Resignation. Und für freies Denken und Fühlen.
Mag auch die Masse nach dem hirnverstopfenden “Privatsender-Opium” greifen, es wird doch die Zahl derer zunehmen, die etwas anderes wollen: Bestätigung, Wagnis, Suche und Identität.
 
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Januar 4th, 2009 at 01:09
Pol O’Ceallaigh mag für sich persönlich recht haben, für Künstler als solche eher nicht.
Im Allgemeinen traue Behauptungen wie “Schlechte Zeiten sind immer gute Zeiten für die Kunst” mit Blick auf die Geschichte nicht über den Weg. Was in schlechten Zeiten leider Konjunktur hat, dass sind medialen Betäubungsmittel, die Illusionsverkäufer, die Massenkompatiblen - nicht die Aufklärer, nicht die Unbequemen. Es gibt sicher Nischen für unangepasste Musiker wie Pol, die absichtlich nicht den bequemen, sondern den interessanten Weg gehen - aber diese Nieschen sind eng.
Als (Möchtegern-)Schreiberling verzichte ich gern auf “gute Zeiten”, die nach einer zynischen Journalistenweisheit darin bestehen, dass “schlechte Nachrichten gute Nachrichten” seien. Zumal in ökonomisch schlechten Zeiten Verleger noch risikoscheuer sind, als normalerweise …
Januar 6th, 2009 at 20:48
Nun, ich entscheide mich ganz bewußt dafür, dem zu glauben, was Pol sagte und mich nicht dem allgemeinen Pessimismus hinzugeben - zu dem würde für mich eine pauschale Erwartung, daß nur “mediale Betäubungsmittel” gefragt sind, nämlich auch gehören…
“Nischen” für Kultur sind für mich auch nicht etwas unabdingbar Vorhandenes, sondern etwas, das ich als Künstlerin verantwortlich und aktiv (mit-)gestalten kann. Gemeinsam mit dem Publikum. DAS ist Kultur.
Mich zurücklehnen und jammern, daß es keine Nischen mehr gibt, ist verlockend einfach. Ab und zu passiert mir das auch. Aber es ist für mich ein Blick in die falsche Richtung. Wo ich hinwill, ist: zu sehen, welche Möglichkeiten es gibt. Jetzt und hier. In diesem Sinne verstehe ich Pols Kommentar als Ermutigung.
Januar 7th, 2009 at 06:13
Du hast natürlich recht: resignieren und jammern, dass es keine Nischen mehr gäbe, ist der bequeme Weg. Und der “politisch gewollte”, der er führt dazu, dass ein Künstler sich entweder auf Teufel komm raus an den “Mainstream” bzw. die Vorgaben der großen Medienunternehmen anpasst (oder schlimmer noch: an politische Vorgaben) - oder aufgibt.
Allerdings kostet der Kampf um die Nische sehr viel Kraft. Hinzu kommt, jedenfalls ist das bei mir so, der nagende Zweifel, ob ich wirklich so viel so gut zu sagen habe, dass es diesen Kampf wert ist.
Januar 7th, 2009 at 07:53
*lächel* - Ich denke, dieses zweifelnde Gefühl ist den meisten KünstlerInnen vertraut. Worauf es ankommt: trotzdem weiterzumachen. Den Zweifeln nicht unnötig Raum zu geben.