Vor zwanzig Jahren
9. November, 2009 @ 13:56 | Kultur & Kontext, Persönliches |
Leben auf dem Lande, Leben in einem anderen Rhythmus, ohne Fernseher und Tageszeitung, die “Zeit” kam regelmäßig, aber spät, und die Deutsche Welle ließ sich nur bei guten Wetterverhältnissen und mit sattem Grundrauschen empfangen.
Leben in den Zeitaltern der Musik, Leben im Takt voller Tage. Der Lauf der Welt, der mich den Sommer über in Atem gehalten und in mir die Ahnung reifen gelassen hatte, daß die alte Ordnung und Versteinerung der politischen Verhältnisse schon bald nicht mehr gelten könnte, ging auch ohne mich seinen Gang. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zu versäumen. Ich war zuversichtlich.
Der neunte November war ein Donnerstag. Ich weiß nicht mehr genau, was ich an dem Tag gemacht habe. Ein paar Seminare, Shakuhachi-Unterricht, die Kammerchor-Probe am Abend. Der Tag endet früh im November in Devon, der Nebel breitet sich darüber und weicht oft erst am nächsten Vormittag.
Am Abend dieses nächsten Tages, also am 10., gab eine Freundin von mir mit einem Kollegen ein Folk-Konzert in meiner Lieblingskneipe, und ich hatte mich dort mit ein paar Freunden verabredet. Ich war den Tag über ziemlich beschäftigt gewesen, kam dennoch pünktlich, holte mir einen Cider, hängte den Mantel über den Stuhl und begrüßte die Runde am Tisch.
“Well, my dear”, sagte ein Kumpel “what do you say about the Wall having come down?”
…
???
!!!!!
Ich japste “I’ll be back soon”, ließ Cider und Mantel, wo sie waren, schnappte mir meinen Geldbeutel und stürzte aus dem Lokal, die Straße hinunter in die nächste Telefonzelle, die wunderbarerweise nicht von dauertelefonierenden Jugendlichen besetzt war. Kurz darauf hatte ich meine Eltern am Telefon.
“Wir sitzen seit gestern nacht vor dem Fernseher. Es ist unbeschreiblich. Zu den Verwandten im Osten kommen wir telefonisch nicht durch, die Leitungen sind ständig besetzt. Wahrscheinlich ist alles zusammengebrochen.”
Ich ließ mir berichten, hörte im Hintergrund die ungewohnt emotionsgeladene Stimme eines Nachrichtensprechers, Jubelrufe einer fernen Menschenmenge, Lachen. Sah hinaus auf die nächtliche, regennasse englische Straße; das Licht der Laternen färbte den Nebel golden. Ich hatte Tränen in den Augen.
Meine Familie war durch den eisernen Vorhang entzweigerissen worden; diejenigen, die es in den Westen geschafft hatten, hatten ihre Heimat verloren. Meine Großeltern hätten nicht damit gerechnet, eine Änderung der Verhältnisse noch zu erleben. Ich freute mich so für sie.
Ich wühlte in der Hosentasche nach ein paar zusätzlichen Münzen und führte ein weiteres Telefongespräch, mit meinen Verwandten in der DDR, die ich von England aus seltsamerweise problemlos erreichen konnte. Überbrachte Grüße aus Westdeutschland. Ein Wort, das als Zielangabe auf jedem meiner Briefe stand. Ein Wort, das es bald nicht mehr geben würde.
Ob ich es bedaure, zu jener euphorischen Zeit nicht in Deutschland gewesen zu sein?
Es hat Augenblicke gegeben, in denen es so war. Aber die blieben kurz. In England gingen die Uhren langsamer, zumindest in der friedlichen Ecke des Landes, in der ich lebte. Und dadurch weitete sich mein Blick. Ich sah hinüber auf den Kontinent, wie durch ein Fernglas, das die Dinge weit weg rücken ließ, aber auch ganz merkwürdig deutlicher sichtbar machte. Gemeinsam mit ein paar anderen Deutschen im “freiwilligen Exil” führte ich viele Gespräche.
Wir wurden hellsichtig. Und wir blieben nüchtern.
 
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Januar 8th, 2010 at 08:20
ich fand es damals merkwürdig, das es plötzlich so schnell ging, plötzlich Leute auftauchten, die man vorher nicht gesehen hatte (Kohl), wie sich die Demos änderten (Von “Wir sind DAS Volk” zu “Wir sind EIN Volk”).
Ich werde nie die Windjacken der Stasimänner vergessen, die überall dabei waren, ob beim Friedensmarsch oder den Montagsdemos. Ich war 16.