Warum ich noch nicht in die Piratenpartei eintrete

Jungle-World präsentiert ein Interview von Daniel Steinmaier mit Christian Engström, dem ersten Europa-Abgeordneten der schwedischen Piratenpartei. Was dieser dort über die Haltung seiner Partei zum Urheberrecht erzählt, bestätigt mein Zögern. Meine Hoffnung ist, daß die deutsche Piratenpartei da doch zu einer etwas anderen und realistischeren Haltung finden wird.

Zuvörderst möchte ich aber sagen, daß die Piratenpartei ganz grundsätzlich schon genau diejenigen Dinge vertritt, die ich politisch repräsentiert sehen möchte. Und auch eine Änderung des Umgangs mit Kulturprodukten steht dringend an. Dabei sehe ich jedoch vor allem den Bedarf, die überzogenen Ansprüche der “Zwischenhändler” und reinen Profitabschöpfer endlich in die Schranken zu weisen, damit die Urheber, also die Kulturschaffenden, endlich wieder die Möglichkeit bekommen, von ihrer Hände und Köpfe Arbeit zu leben.

D.S.: Neben dem Einsatz für Bürgerrechte ist Ihre Partei vor allem dafür bekannt, dass sie sich für die Liberalisierung des Urheberrechts einsetzt. So wollen Sie die Dauer des Kopierverbots von bisher 70 Jahren auf fünf Jahre senken.

C.E.: Genauer ist das Werk noch 70 Jahre lang nach dem Tod des Autors urheberrechtlich geschützt. Das sind insgesamt also oft rund 120 Jahre. Dabei ist es wichtig, sich den Zweck des Urheberrechts vor Augen zu halten. Das Urheberrecht soll es Investoren ermöglichen, Geld in etwas zu investieren, indem eine rechtliche Grundlage für die Erwartung geschaffen wird, dieses Geld zurückzubekommen. Aber kein ­Investor auf der Welt rechnet mit einer Rückzahlungszeit von 120 Jahren! Niemand denkt sich, gut, die ersten 100 Jahre werde ich mit meinen geistigen Bemühungen nichts verdienen, aber dann werden sich meine Anstrengungen auszahlen. Das ist nirgends so, schon gar nicht im kulturellen Bereich, wo die Dinge so schnell­lebig sind.

Die Zeiten der Investoren sind lange vorbei. Zu Rilkes Zeiten war das wirklich noch so, daß er vom Verlag (also dem Investor) und dessen Investitionen leben konnte. Die heute geänderten Voraussetzungen (in Richtung Selbstvermarktung) und die derzeit erwartbaren Gewinne sind denkbar gering. Die Schnellebigzeit unserer Zeit ist zwar eine Tatsache, aber zumindest für mich kein Ideal.

D.S.: Aber werden Menschen immer noch genauso viel Geld und Mühen in Werke investieren, wenn diese nur fünf Jahre ihnen gehören?

C.E.: Ja, natürlich. Die meisten Kinofilme, die vor fünf Jahren gemacht wurden, kann man sich heute im Fernsehen ansehen, und zwar im Programm der billigen Fernsehsender, die nur sehr altes Zeug senden. Oder man kann sie als DVD in der Wühlkiste an der Supermarktkasse kaufen. Natürlich gibt es Ausnahmen. »Vom Winde verweht« oder »Der Herr der Ringe« wird immer toll laufen, aber die haben das in ihre Produktion investierte Geld doch schon lange eingespielt! Fünf Jahre sind wirklich genug.

Dieses Argument hinkt auf beiden Beinen. Für Filme mag das mit dem Einspielen der Produktionskosten sogar noch zutreffen – bei Musik, unabhängig produziert wie bei uns, sieht das schon ganz anders aus. Außerdem ist damit wiederum die Gefahr gegeben, daß nach Ablauf dieser Frist andere mit den dann freiwerdenen Werken ordentlich absahnen – im schlimmsten Fall diejenigen, die den Urheber während der ersten fünf Jahre künstlich kaltgestellt haben… Dieses Szenario entspringt keinesfalls nur meiner Phantasie – “Kaltstellungsverträge” sind in der Musikbranche heute schon üblich; ich kenne einen Kollegen, der von so etwas betroffen ist…

D.S.: Was für positive Effekte erwarten Sie von der drastischen Verkürzung des Urheberrechtsschutzes – außer dass man fünf Jahre alte Kinohits nicht mehr an der Supermarkt­kasse finden wird, sondern sie kostenlos herunterladen darf?

C.E.: Der größte Nachteil der jetzigen Regelung ist, dass der allergrößte Teil der Kultur des 20. Jahrhunderts nicht genutzt und verbreitet werden darf, weil dies schlicht illegal wäre – denn entweder gehören diese Kulturgüter einigen großen Unternehmen, oder aber niemand weiß, wem die Rechte an ihnen gehören. Vielleicht ist der Autor seit 60 Jahren tot, hatte vielleicht aber eine Tochter, die noch am Leben ist – oder auch nicht, wer weiß das schon? Deshalb gibt es jede Menge interessante Sachen, die sich niemand zu nutzen traut: interessantes Footage-Material und vieles mehr. Das, was wir für unser kollektives kulturelles Erbe halten, ist überhaupt kein kollektives Erbe, weil es ­illegal ist, es zu nutzen.

Noch mal: Die Kinohits haben Profit gebracht. Unsere fünf Jahre alten Produktionen noch lange nicht. Und nicht, weil sie schlecht wären oder niemandem gefallen, sondern einfach, weil wir (noch) nicht denselben Wirkungsgrad haben wie “Lord of the Rings” oder, um bei der Musik zu bleiben, Herr Grönemeyer oder Rosenstolz.

Die Undurchschaubarkeit kulturellen Eigentums ist wirklich ein Punkt, der geändert werden sollte. Große Unternehmen sind m. E. nicht unbedingt legitime Nachnutzer. Erben der Künstler sehr wohl.
Als ich (zur Zeit, da seine Werke noch geschützt waren) die wertvollen Insel-Bände mit Rilkes Gedichten erwarb, war mir übrigens sehr wohl bewußt, daß es die Familie Rilke noch gibt und davon auch noch was hat. Ich fand das in Ordnung. Jeder Mensch, der sich etwas aufbaut, sei es eine Firma oder ein künstlerisches Werk, soll meines Erachtens auch das Recht bekommen, die Nutznießung auf seine Nachkommen in angemessener Weise auszudehnen.
Diese angemessene Weise freilich muß und soll verhandelt werden.

Daß sich freiwerdende Werke niemand zu verwenden traut, stimmt auch nicht. Wieder bleibe ich bei Rilke. In dem Augenblick, als das Urheberrecht für dessen Dichtungen auslief, schossen die neuen Ausgaben wie Pilze aus dem Boden. (Die wenigsten dieser meist billig produzierten Schmuckbändchen waren allerdings schön…)

D.S.: Wenn man sich die Geschichte ansieht, hat es aber den Anschein, als wäre die Erfindung des Urheberrechts nicht gerade unwichtig für die Entwicklung kultureller Güter gewesen. Das Urheberrecht hat die Kunst von den Interessen der adligen und klerikalen Mäzene befreit und damit die bürgerliche, so genannte autonome Kunst ermöglicht.
C.E.: Nein. Gibt es irgendwelche Studien, die das beweisen?

D.S.: Das sagen jedenfalls Literatur- und Kunsthistoriker.

C.E.: Ich habe aber noch nie einen Beweis für diese These gesehen.

Hier redet sich Engström äußerst ungeschickt heraus. Um dies zu belegen braucht es nämlich keine Studie – abgesehen davon, daß die literatur-, kunst- und musikgeschichtlichen Forschungen es dutzendfach bezeugen. Diese akademischen Arbeiten muß man aber gar nicht lesen, es reicht die Betrachtung von Kunst, Literatur und Musik nach der Aufklärung…

Insgesamt zeigt sich das Thema “Angemessenheit”, das übrigens auch beim gesamten Komplex des Filesharings eine große Rolle spielt. Privatkopien hat es immer gegeben. Allerdings unterschieden diese sich zu allen früheren Zeiten deutlich vom Original. Das ist heutzutage anders. Und genau aus diesem Grund muß ein Modus gefunden werden, damit Künstler nicht nur überleben, sondern angemessen leben können.

Wie dieser aussehen kann? Dazu gibt es unterschiedliche Denkansätze. Alle jedoch bedürfen eine faire Umverteilung. Weswegen ich nochmals auf die Dringlichkeit einer GEMA-Reform hinweisen möchte (Petition unterzeichnen: hier. :-)

Meine Hoffnung für die deutsche Piratenpartei ist, daß sie sich mit all diesen Themen in einer Art und Weise auseinandersetzt, die sich nicht mit Spekulationen zufrieden gibt, sondern uns heutige Kulturschaffende und unsere Interessen aktiv einbezieht. Ich würde mich freuen, eines nicht allzu fernen Tages meine Beitrittserklärung ausfüllen zu können.

Darum bin ich auch sehr gespannt auf unseren morgigen Besuch bei der Gründung des Vereins “Musikpiraten” in Frankfurt…

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12 Antworten auf Warum ich noch nicht in die Piratenpartei eintrete

  1. MartinM sagt:

    Ich habe den Eindruck, dass Christian Engström noch nie etwas von dem Begriff des “Long Tail” gehört hat. Diesen Effekt, dass sich mit einer große Anzahl an “Nischenprodukten” über einen langen Zeitraum verkauft, Gewinn machen lässt, gab es schon zu Rilkes Zeiten – anders gesagt: ohne diesen Effekt würde kein Verlag Gedichtbände verlegen.
    Seitdem es die digitalen Medien gibt, verstärkt sich dieser Effekt noch, da als eBooks oder Musikdownload
    auch selten verkaufte Titel, die in einem konventionellen Verkaufsgeschäft zu hohe Kosten verursachen würden, vermarktet werden können.

    Auch wenn ich Schutzzeiten von 70 Jahren nach dem Tod des Autoren für “zu lang” halte – der “Long Tail” und die von Dir erwähnte Gefahr, dass Titel absichtlich auf Eis gelegt werden, sprechen gegen Schutzzeiten von weniger als etwa 50 Jahren (ab Erstveröffentlichung).

    Ich denke, Christian Engström s Denken ist stark von der Software-Branche, in der er ja Unternehmer ist, geprägt: Eine Software, die nicht innerhalb von 2 Jahren Gewinn eingefahren hat, wird niemals Gewinn einbringen.
    Vielleicht spielt auch die Situation Schwedens eine Rolle: der inländische Markt ist sehr klein. Dass führt bei Schriftstellern dazu, dass sie entweder faktisch Amateure sind, weil sie bei der typischen innerschwedischen Auflage von einige hundert Exemplaren beim besten Willen nicht viel verdienen – oder international über Übersetzungen am Markt sind. Es gibt in Schweden, überspitzt gesagt, nur “internationale Erfolgsautoren” und “Hobbyschriftsteller”. Und genau so, als gäbe es nur die “ganz Großen” und die “Amateure”, argumentiert Christian.

    Deshalb halte ich die Hoffnung, dass deutsche “Piraten” anders denken, für nicht unbegründet.

    Martin

  2. Pingback: » Karan - Was macht Kunst wertvoll? @ Karan

  3. Karan sagt:

    @Martin: Das hoffe ich ja auch…

  4. Pro Forma sagt:

    Urheberrecht, Verwertungsrechte und Geistiges Eigentum müssen dringend überarbeitet werden. Die etablierten Parteien bekommen das nicht hin, daher wähle ich die Piratenpartei bis sie 10 Prozent hat. Wenn sie dann immer noch gewählt werden will hat sie mit einem durchdachteren Programm und Ideen zu anderen Themen aufzuwarten.

  5. Chris Hodges sagt:

    Hallo Karan,

    ich halte Deine hier aufgeführten Punkte für sehr schlüssig. Auf dem letzten Piratenstammtisch in München wurde auch über Urheberrecht diskutiert und es gab Ideen für ein differenzierendes Urheberrecht, das eben die unterschiedlichen Kulturgüter unterscheidet. Es muss einen realistischen Verwertungszeitraum pro Art des Kulturguts und eine Form der Kompensation für die geleistete Arbeit geben.

    Nur: Was hat der Künstler im Moment davon, wenn sog. “Verwertungsgesellschaften” Abgaben für CD-Medien, CD-Brenner, Kopierer und bald auch für USB-Sticks und Speicherkarten einziehen? Kommen die in Form von Tantiemen bei Dir an? Ich glaube nicht.

    Ich würde mich freuen, wenn Du irgendwann in die Piratenpartei eintrittst, damit genau solche Sachen diskutiert werden können und es zu einem vernüftigen Ansatz über eine Reform des Urheberrechts kommen kann.

    Viele Grüße

    Chrisly

    PS: Als Softwareentwickler bin ich auch abhängig davon, dass meine Produkte nicht unbegrenzt unentgeltlich weiterkopiert werden dürfen. Aber von einem “Totalausfall” des Urheberrechts sprechen selbst die Piraten nicht.

    PPS: Habe die GEMA-Petition(en) auch unterzeichnet.

  6. Karan sagt:

    Heya Chris,

    mit den Verwertungsgesellschaften hast Du völlig recht. Die GEMA besteht aus einem Verwaltungs-Wasserkopf und tut m. E. nichts anderes als eine vernünftige und vor allem faire (!) Verteilung von Tantiemen zu verhindern.

    Die Petition hat die notwendige Zahl von 50000 Mitzeichnern bereits erreicht – das ist ein deutliches Signal, das Thema endlich öffentlich zu machen.

    Von den Piraten erhoffe ich mir, daß sie baldmöglichst um “fachmännischen Input” der Betroffenen, sprich: Kulturschaffenden aller Sparten und Bekanntheitsgrade ansuchen, denn nur im Dialog mit denjenigen, die wirklich tagtäglich mit der Materie zu tun haben, lassen sich realistische Modelle entwickeln.

    Ein großes Problem der etablierten Politik ist, daß sie eine derartige Bodenhaftung längst verloren hat und sich nur noch auf der Ebene vorsortierter und machtgewohnter Lobbygruppen bewegt, mit der Basis keinerlei Kontakt mehr hat – und die politischen Entscheidungen folglich mit den Realitäten im Lande nicht mehr viel zu tun haben.

    Hier sehe ich für die Piratenpartei eine große Chance. Und ich bin natürlich gerne bereit, bei diesen Prozessen mitzuwirken. Ob ich eintrete – das hängt ein wenig davon ab, ob in Bälde ein “öffentliches Signal” kommt, z. B. eine klare Distanzierung der deutschen Partei von den oben zitierten, fachlich leider so fragwürdigen Aussagen des Vertreters ihrer schwedischen Schwestergruppierung…

    Aber Musikpiratin bin ich ja jetzt; das läßt doch hoffen, oder? ;-)

  7. Karan sagt:

    Sehr interessant in dem Zusammenhang ist das Gespräch zwischen dem ersten Vorsitzenden der Musikpiraten, Christian Hufgard, und dem Regisseur und Filmemacher Tom Bohn. Hier.

  8. Eins vorweg: Ich bin Pirat

    Ich kann dich und deine Bedenken verstehen, denke aber das dein Ansatz, deswegen noch nicht in die Partei einzutreten, vielleicht nicht ganz der richtige Weg ist. Du sagst, es braucht in der Piratenpartei Kunst- und Kulturschaffende, die bei den ein oder anderen Themen noch was ändern. Wenn nun alle so denken wie du, bekommen wir sie nie. Ich denke, wir sind im Moment noch so klein, dass am Grundsatzprogramm sehr gut gefeilt werden kann, allerdings brauchen wir dazu wirklich betroffene. Darum möchte ich dich auffordern: Hilf uns, dort zu feilen, wo es hakt, damit gerade Kunst- und Kulturschaffende sich richtig vertreten fühlen. Helfen kannst du aber am Besten IN der Partei ;)

    Ist denke ich eine Überlegung wert

    Johannes

  9. Karan sagt:

    Bei der Diskussion auf Tillas Blog haben sich ja einige kompetente Leute aus dem Kultursektor zu Wort gemeldet.

    Jetzt wäre doch die Gelegenheit, von Parteiseite aus eine offizielle Runde zu lancieren, Kulturschaffende aller Sparten und “Erfolgslevel” (ganz wichtig!) einzuladen – und alles, was mit kulturellen Urheberrechten und Nutzungsrechten zusammenhängt, gemeinsam von allen Seiten zu beleuchten.

    Ob die dort Beteiligten (schon) Parteimitglieder sind, ist gar nicht wichtig. Du merkst ja, daß seitens der KünstlerInnen durchaus Interesse besteht, bis hin zum Interesse am Parteibeitritt – der (auch für mich) entscheidende Punkt ist, daß die Bereitschaft, diese Themen grundlegend zu diskutieren und zu entwickeln auch seitens der Partei als Ganzes zum Ausdruck gebracht wird und nicht nur von Einzelpersonen, wie bisher.

    Ich stell mich schon mal in die Startlöcher… ;-)

  10. Pingback: le-friseur [v3] » Stimmt nachdenklich und beleuchtet es genauer...

  11. Magst Du hier ein bisschen mitreden:

    http://nanuk.wordpress.com/2009/06/29/kleines-piratenurheberrecht/ ?

    Würde mich sehr freuen!

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