Zu meinen Gedanken zum Urheberrecht ereilte mich via Twitter ein von Eckermann überliefertes Goethe-Zitat:

“Im Grunde aber sind wir alle kollektive Wesen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen. Denn wie weniges haben und sind wir, das wir im reinsten Sinne unser Eigentum nennen! Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es alles seinem eigenen Innern verdanken wollte. Das begreifen aber viele sehr gute Menschen nicht und tappen mit ihren Träumen von Originalität ein halbes Leben im Dunkeln. Ich habe Künstler gekannt, die sich rühmten, keinem Meister gefolgt zu sein, vielmehr alles ihrem eigenen Genie zu danken zu haben. Die Narren! Als ob das überall anginge! Und als ob sich die Welt ihnen nicht bei jedem Schritt aufdränge und aus ihnen, trotz ihrer eigenen Dummheit, etwas machte! Ja, ich behaupte, wenn ein solcher Künstler nur an den Wänden dieses Zimmers vorüberginge und auf die Handzeichnungen einiger großer Meister, womit ich sie behängt habe, nur flüchtige Blicke würfe, er müßte, wenn er überhaupt einiges Genie hätte, als ein anderer und Höherer von hier gehen.”

Ich habe diese und ähnliche Argumentationen jetzt schon einige Male als Begründungen für eine Verkürzung des Urheberrechts gelesen: jeder Künstler sei allen möglichen Einflussen ausgesetzt, von denen er sich inspirieren lasse und aus denen er schöpfe, ergo sei es unmöglich von Originalität oder Einzigartigkeit zu sprechen, folglich gehöre auch das künstlerische Ergebnis solcher Inspiration wiederum dem Kollektiv, also allen und nicht dem jeweiligen Künstler.

Mal ganz abgesehen davon, daß der Dichterfürst Goethe aller Voraussicht nach mehr als ungehalten reagiert hätte, wenn ihm mit derlei Sophismen die Urheberschaft seiner Werke zu schmälern versucht worden wäre, sehe ich den Begriff der Wertigkeit von Kunst hier überhaupt noch nicht berührt oder erfaßt.

Es gibt nämlich nur zwölf Töne in der westlichen Skala, das deutsche Alphabet umfaßt nur 26 Buchstaben (und ein paar Umlaute). In anderen Teilen der Erde sieht das schon wieder ganz anders aus. Wir Künstlerinnen und Künstler nehmen auf und verwenden, was uns umgibt. Das ist das einzige Material, was wir haben. Gedichte, Skulpturen, Lieder entstehen nicht aus erdfremder Materie oder geistfremden Gedanken.

Wertvoll wird ein Kunstwerk nicht dadurch, daß es sich unvergleichbar von seiner Umgebungskultur abhebt. Sondern dadurch, daß es überhaupt existiert. Daß sich jemand die Mühe gemacht hat, es zu schaffen. Und dadurch, daß es dann andere berührt, erfreut, aufrüttelt, nachdenklich macht oder ebenfalls inspiriert.

Das Goethe-Zitat geht übrigens noch weiter, und zwar sehr bemerkenswert:

Es ist im Grunde auch alles Torheit, ob einer etwas aus sich habe oder ob er es von andern habe; ob einer durch sich wirke oder ob er durch andere wirke; die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit besitze es auszuführen; alles übrige ist gleichgültig.

Die Hervorhebung ist übrigens von Eckermann persönlich. Und er, Goethes größter Fan, wird schon gewußt haben, weswegen er genau dies betont: weil es eben Wollen, Geschick und Beharrlichkeit sind, die künstlerisches Tun, ebenso wie jede andere gut geleistete Arbeit, auszeichnen und wertvoll machen.

Und warum sollte künstlerisches Schaffen nicht ebenso wie jede andere gut geleistete Arbeit seinen Lohn verdienen?

Was macht Kunst wertvoll?

Ein Gedanke zu „Was macht Kunst wertvoll?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.