Karan

… supersonic butterfly

Wie man zum Künstler wird

28. August, 2009 @ 10:59 | Lyrik & Prosa &soweiter |

Lass Dich fallen.
Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die “Ja” sagen und verteile sie überall in Deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue Dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere “verantwortlich zu sein”.
Tu es aus Liebe.
Mach eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei.
Lache eine Menge.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kicher mit Kindern.
Höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein.
Sei frei.
Preise dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

J. Beuys

 


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16 Responses to “Wie man zum Künstler wird”

  1. shultzie Says:

    Ganz wunderbare Worte! Die sollten wir uns alle viel viel öfter mal ins Gedächtnis rufen… Und sie befolgen!

  2. Perdita Says:

    Oh was für ganz tolle zutreffende Worte und Sätze. Wie wahr sie doch sind.

    Sollte sie mir kopieren, dann ganz groß ausdrucken und an die Wand hängen, damit ich sie jeden Tag lesen kann.

  3. aebby Says:

    Gute Gedanken, danke fürs Erinnern.

  4. MartinM Says:

    Wie man zum guten Künstler wird?
    Durch Blut, Schweiß und Tränen!
    Durch Blut - denn ein guter Künstler muss bereit sein, Opfer zu bringen, anzuecken, zu kämpfen, leidenschaftlich sein, damit rechnen, für viel Arbeit wenig Geld zu erhalten, mit Verachtung, Hass, Anfeindungen leben müssen.
    Durch Schweiß. Naturtalente, die es ohne Üben zum Meister bringen, gibt es nicht. Geradezu ein Grundgesetz der Expertise-Forschung ist, dass alle, Spitzenkönner - und zwar ausnahmslos! - mindestens 10 000 Stunden Übung haben. Es geht zwar wohl nicht ohne Talent und Inspiration ist eine notwendige Voraussetzung künstlerischer Originalität - aber der Spruch von dem einen Prozent Inspiration und den 99% Transpiration ist wahr.
    Durch Tränen. Kunst kann sehr befriedigend sein, und der Schaffensrausch, der “Flow”, dieser Menschen, den ihn nie erlebt haben, so schwer zu vermittelnde spontane, mühelose, aber scheinbar im Gegensatz dazu extrem konzentrierte Bewusstseinszustand ist meiner Ansicht nach das, was gute Künstler wirklich zu “Höchstleistungen” antreibt.
    Aber hochkreative Menschen sind selten glückliche Menschen. Und auffällig oft psychisch krank - nicht im dem Sinne einer Abweichung vom “Normalen” (schon extreme Kreativität allein ist nicht “normal”) und auch nicht in dem Sinne, das “Genie und Wahnsinn” zusammengehören würden, sondern im Sinne, dass sie leiden. Der schwer trinkende, mit depressiven Phasen kämpfende Schriftsteller ist Klischee - aber wenn ich mir ansehe, wie viele verdammt gute Schreiber sich selbst umbrachten, scheint es auf Wahrheit zu beruhen.

  5. Karan Says:

    “Aber hochkreative Menschen sind selten glückliche Menschen.”

    Das glaube ich nicht.
    Ich glaube, bei KünstlerInnen ist einfach Glück und Unglück leichter ablesbar, weil sie gewissermaßen ihr Herz auf der Zunge tragen, bzw. es in ihrem Werk zum Schlagen bringen.

    Das mit dem leidenden Künstler ist ein gesellschaftliches Klischee, das lange genug hochgehalten worden ist - nicht zuletzt durch die jeweilige Gesellschaft, die zwar gerne Kunst und Kultur haben will, aber nicht bereit ist, denen, die dies schaffen, auch ein Auskommen zu garantieren.
    Und sich dann frecherweise auch noch auf dieses Bild vom “Armen Poeten” beruft und postuliert, die “künstlerische Selbstverwirklichung ” müsse einem Kulturschaffenden Lohn genug sein…

    Das beißt sich dann nämlich auch mit dem, was Du so richtig schreibst: für hervorragende Leistungen ist ein immenser Zeit- und Kraftaufwand nötig. Den jemand, der sich mit irgendwelchen Nebenjobs die Brötchen verdienen muß anstatt das machen zu können, was er am besten kann, dann einfach nicht bringen kann, weil der Tag nun mal nur 24 Stunden hat.

    Ich glaube, es wird wirklich Zeit, daß wir diese Klischeebilder loslassen und endlich zu einer zeitgemäßen, ehrlichen und sachgerechten Wertschätzung von Kunst und Kultur kommen. Das bedeutet aber ein neues Maß an gesellschaftlicher Verantwortung der Einzelnen (gerade derer, die Kunst konsumieren und nicht produzieren), und dahin ist es noch ein langer Weg. Der, wie alle Wege, eben Schritt für Schritt zu gehen ist…

    :-)

  6. MartinM Says:

    Tut mir Leid, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe: ich meiner mit dem “leidenden Künstler” *nicht* den “armen Poeten”. Auch Erfolgsschriftsteller wie Hemmingway griffen zur Pistole oder zum Gift - um der verdammten Welt zu entkommen.
    Ich weiß nicht, wie es mit Musikern ist, aber gute Schriftsteller müssen hinter die Fassade blicken, tief schürfen, auch um Leichtes schreiben zu können. Sie müssen Ambivalenzen ertragen; das ist der Preis dafür, die Dinge aus mehr als einer Perspektive zu sehen.
    Wechselbäder der Gefühle helfen, dessen bin ich mir sicher, die Welt immer wieder auf neue Weise wahrzunehmen.
    Aber sie können auch tödlich enden …

  7. Karan Says:

    Nu ja, bei Hemingway kam aber auch einiges zusammen: schwere Alkoholsucht, unbehandelte Depris plus bipolare Störung plus Selbstmord seines Vaters in der Vorgeschichte. DAS würde ich da eher als Ursache sehen als sein Künstler-Sein.

  8. MartinM Says:

    Hätte Hemmingway so schreiben können, wie er schrieb, wenn er ein ausgeglichener Mensch gewesen wäre?

  9. Bodecea Says:

    Interessantes Thema… beim vielen großen Künstlern geht, finde ich, besonderes und tiefes Schaffen mit besonderen und tiefen Erfahrungen und Seelenzuständen einher, und die sind leider auch manchmal besonders schlimm.

    Weswegen ich lieber eine kleine Künstlerin und eine große Lebenskünstlerin sein will, denn zur Lebenskünstlerin braucht es eher Humor und Freude und Glück, ja, da kann man nie genug von haben.

    Bodecea

  10. Nightingale Says:

    Moin MartinM,

    ich mag Dir mal von Julia Cameron “Der Weg des Künstlers” warm ans Herz legen.

    Also mir gehts so, daß Blut, Schweiß und Tränen bzw. das Unglück vorher da waren und durch künstlerischen Ausdruck grad noch gestillt werden.
    Die ganzen Vorurteile die du da beschreibst “wie Künstler zu sein haben”, hielten mich übrigens lange vom Künstlersein ab und glücklich machten sie mich auch nicht grade.
    Kann natürlich passieren, daß ich nach einem Tag malen einen blutigen Finger hab, vor Freude heule und vor Eifer in Schweiß bin. Das hat aber nix mit Autschn und Mühsal zu tun.

  11. MartinM Says:

    Hi Nightingale,

    nein, ich denke nicht, dass das, was ich da (in zugebenermaßen allzu pathetischer Form) darlegte, Vorurteile sind.
    Zumal es nicht darum geht: “Wie werde ich Künstler?” Das hat Beuys besser dargelegt, als ich es jemals könnte.
    Es geht mir um gute Künstler. Die, deren Werke die Welt erschüttern - oder wenigsten die Betrachter / Hörer / Leser ihrer Werke.

    Wenn ich mir die Biographie wirklich großer Schriftsteller ansehe, dann fällt mir immer wieder eine Gemeinsamkeit auf: auch ihre Weise haben sie aller “Dreck fressen” müssen. Sicher gibt es auch hervorragende Schriftsteller aus behütetem Hause, mit problemlos verlaufende Karriere - ein Beispiel wäre Umberto Eco. Aber sein Buch “Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana” war mir schlicht zu langweilig. Und das, obwohl Eco gut schreiben kann, recherchieren kann er wie kein Zweiter, und beim Konstruieren von Geschichten macht ihm keiner etwas vor.
    Das Buch lehnt sich offensichtlich an Ecos Leben an: Ein alter Mann rekonstruiert seine Kindheit und Jugend anhand der Literatur, die er damals gelesen hat. Er würzt das mit einigen halbwegs spannenden Geschichten. Das Problem: Yambo stammt, wie Eco, aus einen gutbürgerlichen Elternhaus. Das Leben findet in dem Milieu statt, in dem auch der Autor lebt. Das heißt, dass es im Grunde gar nicht stattfindet.
    Eco ist da gut, wo er aus zweiter Hand berichtet. Wo er auf sein Leben zurückgreift, ist er banal. langweilig, spannungslos.
    Auch ein Josef Beuys - anderes Feld - hat es im Leben nicht immer leicht gehabt. Ich denke, ohne seinen knapp überlebten Absturz damals im Krieg wäre er vielleicht Tierfilmer (er war wirklich mal Assistent bei Heinz Sielmann) oder Illustrationsgraphiker geworden. Und ich bin mir sicher, wenn er es sich leicht gemacht hätte, nicht immer wieder provoziert hätte, nicht immer wieder und gern angeeckt wäre, wäre er heute schon vergessen.

    Vielleicht hängt meine Sichtweise auch mit dem zusammen, was ich mir Wünsche. Wie wünsche ich z. B. zu sterben? Ganz klar: Ich möchte in dem Moment tot umfallen, erschöpft und ausgebrannt, in dem ich einen großartigen Roman oder ein geniales Bild vollendet habe.
    Ich habe mich oft gefragt, wieso meine künstlerischen Leistungen bestenfalls mittelmäßig sind. Eine Antwort: zu wenig Schweiß - auch wenn ich locker mehr als 10000 Stunden Schreibpraxis oder Zeichenpraxis habe. Denn das Meiste war “nur zum Spaß”, Hobby eben, zu wenig Ambition.
    Für die andere muss ich etwas ausholen: es war Beuys, der die Arbeit eines Künstlers mit der eines Schamanen verglich. Um aber ein Schamane sein zu können, muss man ein Initiationerlebnis überleben - etwa die “Schamanenkrankheit”. Überlebte Lebensgefahr, existenzieller Lebenskampf, oder schwere Krisen - das sind meiner Ansicht nach die Initiationserlebnise der großen Schriftsteller und großen Maler (bei Musikern kenn ich mich nicht so aus). Das, wovon sie schreiben, dichten, malen.

  12. MartinM Says:

    Nachtrag: Wenn ich es richtig verstehe, geht es bei Camerons Ratgeben um die Aktivierung der Kreativität.

    Gut und schön. Es hat mir noch nie an Kreativität gemangelt - der Tag ist zu kurz, um all das auch nur zu notieren, was mir einfällt. Wenn ich Texte schreibe, geht die meiste Zeit in die Nacharbeit .- und das Kürzen. Wenn ich male, dann sind die ersten Skizzen rauschhafter Schöpferdrang, der “Flow” - der Rest, über 9 / 10 der Arbeit, ist Handwerk. Zwar nicht unwillig erledigt, aber auch nicht unbedingt das ganz große Vergnügen.
    Woran es mir mangelt, das ist QUALITÄT.
    Außerdem möchte ich nicht schreiben oder malen, um zufrieden zu sein.
    Sondern um gute Arbeit zu leisten.

  13. Nightingale Says:

    Zu wenig Schweiß? Nö, zu wenig Blick. Du guckst nicht richtig hin. (Hab grad ein Bild von Dir gesehen, mit einem Segelschiff. Du hast die Wolken nicht kapiert und das Wasser auch nicht. Das Schiff interessanterweise schon. Das ist nicht Technik was da fehlt, das ist schauen und wahrnehmen und malen was du tatsächlich siehst. Das Schiff scheinst du am genauesten gesehen zu haben. Dein Problem scheint mir nichts mit Schweiß zu tun zu haben, das ist ne Aufmerksamkeitsfrage. Die Quali ist da, die schimmert schon durch.

    Die sollten Dreck gefressen haben?
    Da hab ich ja noch Chancen *gg*
    LG

  14. MartinM Says:

    Danke für Deine Kritik. Eine wichtiger Faktor ist die ehrliche Rückmeldung über die Qualität.
    Um welches Bild handelt es sich konkret? Deine Kritik erstaunt mich etwas, da ich die malerische Darstellung von Wolken / Himmel und Wasser seit meine Schulzeit übe - und das ist schon eine ganze Weile und sowohl nach der Natur wie nach Fotos. Vielleicht bekomme ich die 10000 Stunden nicht zusammen, aber an und für sich müsste ich gerade bei Himmel, Wolken und Wasser ein hohes Maß an Routine entwickelt haben.
    Bei Strichzeichnungen von Wasser und Wolken tat ich mich allerdings lange Zeit schwer - weil ich in Halbtönen “denke”. Ich hoffe, dass ich durch genügend Übung da einen besseren Standard erreichen kann.

  15. Dee Says:

    Huhu Martin,

    ich habe keine Ahnung vom Künstler sein, aber vielleicht liegt’s ja nicht an der Routine und an der Quali, sondern schlichtweg an Herz und Seele bei Wolken und Wasser, die ja Beiwerk sind bei den Schiffen, die Du nach eigenen Angaben liebst ???
    ;-)

    LG

  16. MartinM Says:

    Nein, ich mag auch Wolken und Wetter, und ich sehe sie keineswegs als “Beiwerk” an.
    Ich habe mir nochmal die von mir hochgeladenen Schiffszeichnungen und -Gemälde auf “ipernity” angesehen (unter http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/album/128019 ) . Ich muss zugeben, dass auf älteren Strichzeichnungen die Darstellung des Wellenbildes zu wünschen übrig lässt (z. B. http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/4767143/in/album/128019 gezeichnet 1987 oder http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/1161356/in/album/128019 gezeichnet 1989 - wo auch die Wolken ziemlich misslungen sind) - dass sich das aber später, mit mehr Erfahrung, besserte. Aber bis ich 10.000 Stunden Wolken und Wasser gezeichnet habe - geschweige denn, 10.000 Stunden Menschen nach der Natur - und gute Illustratoren *haben* so viel Erfahrung! - wird wohl eine Weile vergehen.
    GANZ WICHTIG:
    Ich finde es übrigens eine Schande, dass Illustrationszeichner, obwohl es jahrelange Mühe erfordert, auf diesem Gebiet wirklich gut zu sein, i. d. R. kaum besser bezahlt werden und kaum mehr Ansehen genießen, als schlichte Gebrauchsgraphiker oder Graphik-Designer. Zwischen einem Abschluss als Graphik-Designer und davon, ein guter Kunsthandwerker zu sein, liegen IMO Welten.

    Es ist leider eine sehr weit verbreitete Haltung: ein paar wenige Stars - und die im Dunkeln, die will man nicht sehen. Geschweige denn anständig bezahlen!

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