Wort zum Tage
23. Mai, 2009 @ 14:49 | Zeit & Geist |
“Das Grundgesetz ist das einzige Programm der bundesrepublikanischen Demokratie, das nicht vom Diktat einzelner Interessengruppen bestimmt ist, noch von perfektionistischen Weltanschauungssystemen sich herleitet.”
Ulrike Meinhof
 
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Mai 23rd, 2009 at 15:58
(Versuch einer ehrlichen Antwort.)
Ich war irritiert, als ich las, von wem das Zitat, dem ich ansonsten voll zugestimmt hätte, stammt: von Ulrike Meinhof. Einer Frau, die ich, obwohl ich über sie erheblich mehr weiß, als in der “Wikipedia” steht, nicht anders als als Verbrecherin und - in der Konsequenz ihres Handels - Verfassungsfeindin sehen kann.
Weil ich weiß, von wem das Zitat stammt, suche ich nach dem verborgenen “Bösen” in diesem Zitat. Und das, obwohl ich mich wortreich über die verbreitete und sehr eng mit der deutschen Mentalität verknüpfte Unfähigkeit, Ambivalenzen ertragen zu können, äußere.
Auch ich will offensichtlich eine heile, schwarz-weiße Welt, in der z. B. der Vorschlag Thomas Manns, alle Literatur, die in Nazi-Deutschland geschrieben wurde, pauschal eingestampft worden wäre. Dann bliebe mir die irritierende Erfahrung, dass es neben Kitsch und Propaganda durchaus Kunst im Massenraubmörderstaat eines Volkes von Raubmördern gab, erspart.
Ich fürchte, wenn ich schon mit der Urheberin des Zitates Schwierigkeiten habe, und diese Schwierigkeiten auf das Zitat selbst zurückwirken, wie geht es dann jenen, die Ulrike Meinhof, die Terroristin, einfach hassen - und davor ständig Angst haben, so etwas wie die RAF könnte jederzeit neu entstehen.
Ich fürchte, das Zitat beleuchtet die tieferen Gründe, weshalb Menschen, die vor Terrorismus eine quasi paranoide Angst haben, auch dem Grundgesetz, bei aller verbaler Zustimmung, zutiefst misstrauen.
Einer dieser tieferen Gründe mag daran liegen, dass sich ein großer Teil der “politischen Klasse”, einschließlich der veröffentlichten Meinung längst daran gewöhnt hat, dass Politik stets vom Diktat einzelner Interessengruppe bestimmt wird, dass es also hinter jeder politischen Aktivität blanker Eigennutz steckt - und dass das auch so in Ordnung sei.
In dieser Logik bedeutet: eine Mörderin und Terroristin fand das Grundgesetz gut - also stimmt was mit dem Grundgesetz nicht. Es ist durch eine Verfassung zu ersetzen, in der sich die wichtigsten, sprich einflussreichsten, Interessenvertreter wiederfinden - und die vor allem von einer perfektionistische Utopie, von einem Staat, in dem schlicht alles bestmöglich geregelt zu sein hat, geprägt wird. (Die streckenweise vom utopischen (Wunsch-)Denken geprägte DDR ging schon deutlich in letztere Richtung, während die “Interessengruppenoligarchie” leider der Tendenz der bundesdeutsche Verfassungswirklichkeit entspricht.)
Mai 23rd, 2009 at 17:19
Ich fürchte, ich habe mein eigenes Denken auf das
Denken eines mir unendlich überlegen Intellektuellen projektiert. Thomas Mann schrieb nämlich:
“Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an. Sie sollten alle eingestampft werden.”
Es ging nicht auch Mann darum, Ambivalenzen nicht ertragen zu wollen, sondern derjenige, der sich vor Ambivalenzen scheut, bis einzig ich.
Mai 23rd, 2009 at 17:25
Korrektur: es muss natürlich heißen: “bin einzig ich”. Wie entlarvend ein “Tippfehler” sein kann!
Mai 23rd, 2009 at 20:52
“Ich fürchte, das Zitat beleuchtet die tieferen Gründe, weshalb Menschen, die vor Terrorismus eine quasi paranoide Angst haben, auch dem Grundgesetz, bei aller verbaler Zustimmung, zutiefst misstrauen.
Einer dieser tieferen Gründe mag daran liegen, dass sich ein großer Teil der “politischen Klasse”, einschließlich der veröffentlichten Meinung längst daran gewöhnt hat, dass Politik stets vom Diktat einzelner Interessengruppe bestimmt wird, dass es also hinter jeder politischen Aktivität blanker Eigennutz steckt - und dass das auch so in Ordnung sei.”
Da hast Du 100% recht. Leider…