Karan

… supersonic butterfly

Zeitliches

23. Oktober, 2008 @ 10:09 | Persönliches |

Vergeht die Zeit, vergehen wir, oder ist das alles nur eine Sache der Wahrnehmung?

Vor ein paar Tagen sah ich per Zufall im Fernsehen eine Sendung über Hundertjährige. Zu den Porträtierten gehörte die Schriftstellerin Ilse Pohl, eine geistvolle und beredte Dame, die überhaupt erst im Alter von 69 Jahren mit dem ernsthaften Schreiben begonnen hat und bis zum heutigen Tag damit weitermacht.
In ihrem Gesicht sah ich die Siebzehnjährige, die sie einst gewesen sein muß. Ist diese Zeit vergangen? Oder liegt sie in ihr bewahrt, lebendig bis heute?

Körperliche Veränderungen des Alters, Spuren der vergehenden Zeit: sie werden ertragen, sie werden bekämpft, sie sind Realität - und gleichzeitig auch eine Perspektivangelegenheit. Unter den Hundertjährigen waren solche, die sich ihre körperliche Beweglichkeit in großem Maß erhalten konnten. Ich vermute, daß die geistige Regsamkeit dazu beigetragen hat, wie auch umgekehrt der Körper den Geist beflügelt.

Wahrscheinlich ist die Zeit (und alles, was mit ihr zusammenhängt, also auch das Alter) relativ. Ihr Tempo scheint sich mit den zunehmenden Jahren subjektiv zu beschleunigen, aber wir alle kennen immer noch und immer wieder diese Augenblicke, wo sie stillzustehen scheint: dann nämlich, wenn wir zutiefst betroffen, berührt, aber auch inspiriert und beflügelt sind.
Vielleicht ist die Zeit tatsächlich die maßgebliche Dimension des Irdischen, die den Kreislauf des Werdens und Vergehens in Bewegung hält.
Leben jedoch ist mehr als dies. Ist die noch größere Dimension, die all dies - auch die Zeit - enthält.

Über solcherlei nachdenkend, erhielt ich einen schönen Spruch geschenkt:

“… denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört wie die Handvoll Sand, sondern als etwas, das uns vollendet.”
- Antoine de Saint-Exupéry

Auch dies ist wohl eine Frage der eigenen inneren Haltung dazu. Die errungen werden will - denn allzu leicht ist es, sich der Resignation über Vergangenes und Unerfülltes hinzugeben, den Blick auf das Zerstörte zu richten und dabei zu übersehen, daß der Baum, der aus den Trümmern wächst, stärker zu sein verspricht als die schäbige Hütte, die da vorher stand.

Worte, Worte.
Ich geh mal wieder leben… ;-)

 


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